Zwischen »Das Schloss« und »Fifty Shades of Grey«

Andreas Dresen: Als wir träumten | Peter Hartwig © Rommel Film

Am Donnerstag starten die 65. Internationalen Filmfestspiele in Berlin. Deutschlands größtes Filmfestival ist seit Jahren nicht nur Treffpunkt zahlreicher Stars und Sternchen, sondern auch ein Ort für den literarischen Film und die filmische Inszenierung des Autors. Von Franz Kafka über Philipp K. Dick und Clemens Meyer bis hin zu E. L. James – eine Übersicht der Spielfilme mit literarischer Vorlage.

Mit dem Goldenen Ehrenbären für Wim Wenders erhält natürlich auch die Literatur einen Ehrenplatz bei der diesjährigen Berlinale, dienten Wenders doch zahlreiche Romane als Vorlagen für seine legendären Filme. In seinem Erstlingsfilm Die Angst des Tormanns beim Elfmeter hat er Peter Handkes gleichnamigen Krimi minutiös nach dem Vorbild des Hitchcock-Kinos umgesetzt. In dessen Zentrum der Tormann Josef Bloch steht, der wegen eines Fouls vom Platz gestellt wird und infolge eine Kinokassiererin erdrosselt. Peter Handke spielt auch in dem mehrfach preisgekrönten Film Der Himmel über Berlin eine Nebenrolle, sein Gedicht Lied vom Kindsein umrahmt die Handlung. Die Vorlage für seinen internationalen Durchbruch Der amerikanische Freund lieferte der ein Roman aus dem Ripley-Universum von Patricia Highsmith, in der das Dreiecksverhältnis zwischen dem skrupellosen amerikanischen Kunsthändler Tom Ripley, dem Restaurator Jonathan Zimmermann und dem Ganoven Minot aus den Fugen gerät. Wenders Film über den Krimiautoren Dashiell Hammett wie auch sein Welterfolg Buena Vista Social Club und sein neuester Film Das Salz der Erde über den Fotografen Sebastião Salgado nicht auf der Berlinale gezeigt.

Mit Andreas Dresens Verfilmung von Clemens Meyers Debütroman Als wir träumten kommt kurz nach dem 25-jährigen Jubiläum der Wiedervereinigung ein Nachwendestück im Wettbewerb zur Uraufführung. Im Zentrum stehen Meyers Leipziger jugendliche Antihelden Rico, Dani, Paul und Mark, die, gerade noch Thälmannpionier, die Nacht zum Tag machen und ihre Grenzen suchen. Zwischen Autoklau und Drogenexzess, Swingerclub und Provinzdisko, den alten und den neuen Besserwissern taumeln sie zwischen Aufbruch und Niedergang und träumen vom Unmöglichen: Rico von der Boxkarriere und Dani von Sternchen, dem schönsten Leipziger Mädel. Nach seinem beeindruckenden Porträt eines Sterbenskranken mit Halt auf freier Strecke präsentiert Dresen eine filmische Parabel »über Freundschaft und Verrat, Zuversicht und Illusion, Brutalität und Zärtlichkeit«. Es ist eine »Geschichte einer verlorenen Jugend« und zugleich ein Spiel um Rebellion und die nicht enden wollende Utopie vom großen Glück.

Am Donnerstag, den 12. Februar wird Andreas Diesen gemeinsam mit Clemens Meyer und seinem Drehbuchautor Wolfgang Koolhaase im Hebel am Ufer (HAU1) ab 17 Uhr über die Adaption persönlicher Erinnerungen in Buch und Film diskutieren. Of Walls and Wonders heißt die Diskussion im Rahmen der Berlinale Talents, für die gesondert Tickets verkauft werden.

Nachdem der Franzose Benoît Jacquot mit seinem Marie Antoinette-Film Les Adieux à la Reine vor drei Jahren die Berlinale eröffnete, ist er nun mit einem neuen Historienfilm im Wettbewerb um die Berlinale-Bären vertreten. Mit Journal d’une femme de chambre (dt. Tagebuch einer Kammerzofe) wird seine Verfilmung von Octave Mirbeaus gleichnamigem Sittenroman zu sehen sein. Schon Jean Renoir und Luis Buñuel hatten den Roman genutzt, um ihren spöttischen Kommentar auf das Bürgertum an ein breites Publikum zu bringen. Während Buñuel stark von der Romanvorlage abwich, scheint Jacquot nah an der Vorlage zu bleiben. Aus der Tagebuch-Perspektive einer jungen Frau, die ihre Sinnlichkeit einsetzt, um ein Leben nach ihren Vorstellungen zu führen, reflektiert Jacquot über die Macht der scheinbar Machtlosen und die Ohnmacht der vermeintlich Mächtigen. Im Mittelpunkt steht dabei die selbstbewusste Kammerzofe Célestine (Léa Sedoux), die aus Paris in die Villa der Lanlaires in der Normandie hin vermittelt wird. Hier trifft sie auf einen Lüstling als Hausherrn und dessen asexuelle, tyrannische und eifersüchtige Frau. Zugleich ist da der mysteriöse Hausdiener Joseph, in dem die Abgründe des frühen 20. Jahrhunderts, aber auch die Verunsicherungen unserer Gegenwart aufscheinen.

Ob E. L. James Fifty Shades of Grey als zeitgenössische Variante des Sittenromans durchgeht, sei dahingestellt, ebenso, ob es sich dabei um eine literarische Vorlage für die sexuelle Avantgarde oder um Softporn-Schmöker für Verklemmte handelt. Denn die Verfilmung der Romantrilogie durch die Britin Sam Taylor-Johnson wird zweifelsohne die meiste Aufmerksamkeit aller Berlinale-Filme mit Lektürebezug erhalten. Die Geschichte ist selbst den Nicht-Lesern der Buch-Trilogie weithin bekannt. Die Literaturstudentin Anastasia Steele begegnet dem Milliardär Christian Grey und fühlt sich von dessen offensiv anzüglicher Art gleichermaßen abgestoßen wie angezogen. Gleiches gilt für die Sexualpraktiken in der Affäre, die beide recht schnell verbindet. Anastasia gerät in einen Strudel aus Leidenschaft, Neugier und Auslieferung, in dem sie nicht nur Christians dunkle Seite kennenlernt, sondern in sich selbst ungeahnte sadomasochistische Lüste entdeckt. Die Bildhauerin Taylor-Johnson konnte 2009 noch mit dem John Lennon-Biopic Nowhere Boy überzeugen. Ob ihr das allerdings mit der Leinwandadaption von James’ Romantrilogie ebenfalls gelingt, ist offen. Einige vielversprechende Gerüchte um die Verfilmung waren jedoch Flops. Beispielsweise äußerte American Psycho-Autor Bret Easton Ellis mal Interesse, das Drehbuch zu schreiben. Daraus wurde aber ebenso wenig, wie aus den Versuchen, Filmgrößen wie Ryan Gosling oder Alicia Vikander für die Hauptrollen zu gewinnen. So standen mit Dakota Johnson (Tochter von Don Johnson und Melanie Griffith) und Jamie Dornan zwei Newcomer vor der Kamera.

In Kdem Spielfilm mit dem kürzesten Titel bei der diesjährigen Berlinale, wird Hochliteratur filmisch umgesetzt. Kafkas Klassiker Das Schloss und das Schicksal des Landvermessers namens K wird von dem Mongolen Erdenibulag Darhad und dem Briten Emyr ap Richard in die innere Mongolei verlegt. Auch in dieser als drastisch beschriebenen Neuverfilmung des Literaturklassikers gerät dieser in die Intrigen des Schlossbetriebs in einem abgelegenen Dorf. Drastisch deshalb, weil alles Konkrete hier auf die Ebene des Tagtraums verlegt wird. »Vom Dorf gibt es fast nur Innenaufnahmen, die ausschnitthaft Gänge, Empfangsräume und Vorzimmer in allen Weiß-, Blau- und Grüntönen zeigen. Aus alten Radios knistert Jazz der 40er Jahre, telefoniert wird mit einem orangefarbenen Apparat mit Wählscheibe, und über allem donnern die Jumbo-Jets. Ein gleichermaßen archaischer und moderner Ort«, heißt es in der Filmankündigung. Zusehends verliert sich K im Labyrinth der Vorsteher, Sekretäre und Beamten.

Ein Gedanke zu “Zwischen »Das Schloss« und »Fifty Shades of Grey«

  1. Pingback: Am seidenen Faden | intellectures

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.