Raus mit der Sprache

make_Love_300dpi_Titel

Ann-Marlene Henning und Tina Bremer-Olszewski machen das, wovor sich die meisten Eltern drücken. Sie klären Kinder und Jugendliche auf. Ihr Buch »Make Love« zeigt, dass man der schönsten Sache der Welt nicht den Stöpsel ziehen muss, um zu erklären, was es dabei zu beachten gibt.

Wie klärt man Jugendliche in einer Zeit auf, in der sie mit sexuellen Botschaften nur so zugeschüttet werden? Diese Frage haben sich die Sexologin Ann-Marlene Henning und die Journalistin Tina Bremer-Olszewski gestellt. Bereits vor der Fernsehreihe Make LoveLiebe machen kann man lernen ist das gleichnamige Aufklärungsbuch, zeitgemäß und modern, das Jugendliche ansprechen will, »die anfangen Sex zu haben«.

Entsprechend schüchtert dieses Buch nicht ein oder warnt mit moralinsaurer Drohgebärde vor den Gefahren und Sünden der (gleich-)geschlechtlichen Liebe, sondern will Jugendliche ermuntern, sich rechtzeitig bewusst mit sich und dem eigenen Körper sowie dem Gegenüber auseinanderzusetzen. Vom ersten Kuss über die behutsame Erkundung des eigenen und fremden Körpers und dem ersten Mal bis hin zu den Raffinessen der körperlichen Liebe, von den körperlichen und hormonellen Voraussetzungen der Geschlechter über den Ablauf des Liebesakts bis hin zu möglichen Konflikten und Schwierigkeiten und ihrer Lösung – Make Love liefert alles, was Jugendliche brauchen und manches darüber hinaus. Die durchdachten Illustrationen und anspruchsvollen Fotografien tragen gewinnend dazu bei. Ganz nebenbei gelingt es den Autorinnen, mit Klischees und falschen Annahmen, die Jugendliche heute bewegen, aufzuräumen.

Der katholischen Kirche ist das zu viel des Guten. Ihr schmeckt nicht, dass in Make Love Masturbation empfohlen, gleichgeschlechtliche Liebe als normale Ausdrucksform von Sexualität und Liebe beschrieben, das eigene Ausprobieren sowie der Gebrauch von Kondomen nahe gelegt und über die Möglichkeiten der Abtreibung wertfrei informiert wird. Die eigene Verlagsgruppe Weltbild – die übrigens keine Skrupel hat, den puritanischen SM-Porno-Kitsch Fifty Shades of Grey unter die Leute zu bringen – nahm den Titel aus dem Sortiment, »weil Kinder und Jugendliche negativ beeinträchtigt werden könnten«.

Man muss dem Verlag Recht geben. Solange das Ermutigen von Jungen und Mädchen, ihre Sexualität lustvoll zu entdecken und auszuprobieren, als negativer Einfluss verstanden wird, stimmt das. Auch der Kinder- und Jugendbuchexpertin Roswitha Budeus-Budde ist zuzustimmen, die über Make Love sagte, dass das Buch nichts für »anständige Katholiken« sei. Bleibt zu ergänzen, dass das Aufklärungsbuch auch nichts für »anständige« Protestanten, Muslime, Vegetarier, Weltverschwörer, Homöopathen und andere Geister ist, solange diese Anstand mit evangelikaler Prüderie, biblischer Reinheitslehre oder sexueller Verklemmtheit verwechseln.

Kaum ein Roman von Weltrang ist nicht auf dem Index der katholischen Kirche gelandet. Von … bis … – sie alle ließ der Vatikan verbieten – wunderbar nachzulesen übrigens in Werner Fulds Buch der verbotenen Bücher. Und hätte es nicht solch beträchtliche finanzielle Konsequenzen für den Verlag, könnte man die Indizierung des Aufklärungsbuches durch den zweitgrößten Buchhändler Deutschlands durchaus als Ritterschlag betrachten.

Für Kinder und die Frühaufklärung ist Make Love weniger geeignet, aber das Buch ist das Beste, was die Aufklärungsliteratur für Jugendliche derzeit zu bieten hat. Unaufgeregt, empathisch, offen. Ein Kompendium über die Liebe, wie man es sich früher selbst gewünscht hätte.

make_Love_300dpi

Ann-Marlene Henning & Tina Bremer-Olszewski: Make Love. Ein Aufklärungsbuch.

Mit Fotografien von Heji Shin

Verlag Rogner & Bernhard 2012

256 Seiten. 22,95 Euro

Hier bestellen