Zwischen Theatralik und Form

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Die sinnlichen Fotografien des avantgardistischen Fotografen František Drtikol lassen die herannahende Exzentrik der Moderne erahnen.

Der 1883 geborene Fotograf František Drtikol ist einer der Pioniere der tschechischen Fotografie. Nach einem Fotografiestudium in München, einigen Assistenzanstellungen und dem Militärdienst öffnete er 1907 sein eigenes Fotostudio in seiner Heimatstadt Příbram. Seinen Lebensunterhalt verdiente er zunächst hauptsächlich mit Porträtaufnahmen bedeutender Persönlichkeiten aus Gesellschaft, Kunst und Kultur. Aus den dabei oftmals theatralischen Inszenierungen dieser Porträts entwickelte sich seine Leidenschaft für die Aktfotografie, die bei ihm immer von der weichgezeichneten Atmosphäre der Jugendstilfotografie geprägt war. Über seinen Aufnahmen liegt die Patina alter Fritz-Lang-Filme, die Grenze zwischen Realität und Traum werden aufgelöst.

Drtikol inszenierte seine meist weiblichen Modelle stets in aufgeräumten Kulissen. Klare Linien in fast leeren Räumen bilden den schlichten Hintergrund seiner Aufnahmen exzentrisch tanzender Modelle. Die abgebildeten Körper und deren Schatten werfen klare Konturen über die Fotografien des Tschechen; aus der Komposition von Bild und Abbild entsteht die Faszination seiner Werke.

Das Schaffen des Pragers war geprägt von den stilistischen Strömungen seiner Zeit. Symbolismus, Expressionismus, Neue Sachlichkeit, Kubismus, Surrealismus oder Futurismus – diese Stile klingen in seinen Fotografien an oder werden von diesen aufgegriffen. Bis zur Auflösung des Körperlichen spielt er mit Nähe und Entfernung, Licht und Schatten, Linien und Formen. Perfektioniert hat er dies in seiner berühmten Fotografie Die Welle. Die Nähe von Drtikols Fotografien Mitte der 1920er Jahre zu den späteren Werken der Pariser von Surrealisten Man Ray oder Brassaï ist kaum von der Hand zu weisen. In seiner Fotografie Schrei der Nacht aus dem Jahr 1927 zitiert er Edvard Munchs Der Schrei.

Für seine Inszenierungen bediente sich Drtikol oftmals bei mystisch-theosophischen Quellen. Er war mit Rudolf Steiners Anthroposophie ebenso vertraut wie mit der ästhetischen Philosophie des 20. Jahrhunderts Kierkegaard, Schopenhauer und Nietzsche. Später setzt er sich mit dem Buddhismus und anderen fernöstlichen Religionen auseinander. Sein Interesse für Mystik und alte Kulte kam in Bildern gekreuzigter Frauenakte zum Ausdruck, die er dann doch nicht auszustellen wagte. Letztendlich aber verlor sich Drtikol wie so viele seiner Zeit in diesen Schriften.

Die größte Anziehungskraft strahlen bis heute seine in den 1920er Jahren gefertigten Akte aus, bei denen er nur die Körper(linien) und deren Wirkung sprechen lässt. Zu keinem Zeitpunkt werden die in Szene gesetzten Frauen zu Objekten männlicher Begierden degradiert. Vielmehr strahlen sie eine sexuelle Attraktivität und Spannung fernab der Konventionen jener Zeit aus, sind traumhaft schön und voller Sinnlichkeit

Mit den muskulösen, selbstbewussten und stolzen Frauen präsentierte Drtikol nicht nur für die damalige Zeit einen neuen (den androgynen) Typ Frau, sondern repräsentierte auch eine Künstlergeneration, die einen neuen Blick auf die Gesellschaft warf. Am Ende von Drtikols Laufbahn als Fotograf löst sich dieser neue Blick auf das Körperliche komplett auf. Die fleischlichen Silhouetten und Körperlinien werden von papiernen Schattenrissen mit unscharfen Konturen ersetzt. Diese übersinnlichen geometrischen Figuren bilden in Drtikols Schaffen den symbolisch-spirituellen Gegensatz zur realen Sinnenwelt. Geradezu symbolisch die Wirkung dieser letzten Bilder eines in Vergessenheit geratenen Künstlers, dessen fotografisches Werk nun wiederentdeckt werden kann.

Drtikol-CoverAnnette und Rudolf Kicken (Hrsg.): Drtikol

Texte von Vladimír Birgus, Anna Fárová, Matthew S. Witkovsky, Gestaltung von Margarethe Hausstätter. 128 Abb., 2 Klapptafeln

Hatje/Cantz 2011

104 Seiten. 35,- Euro

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