Antigones ungeschriebene Gesetze der Götter

Auszug-Magris

Der italienischen Schriftsteller und europäische Intellektuelle Claudio Magris macht sich in seinen unter dem Titel »Die Verschwörung gegen den Sommer« erschienenen Essays auf die Suche nach den zentralen Werten und Normen der Menschheit, die auf keinen Fall verletzt werden dürfen.  

»Toleranz bedeutet auch diese Freiheit des Wortes selbst in augenscheinlich kleinen oder triumphalen Dingen, dieses Empfinden der Welt als Marionettentheater, in dem alle wild herumfuchteln, so komisch und tolpatschig, wie es jeder von uns ist in seiner unbeholfenen, sterblichen Existenz eines gefangenen Albatros. Das Leben ist auch ein Zirkus, in dem wir alle Clowns sind, und Toleranz bedeutet auch, aus dem Stegreif zu spielen, die eigenen Improvisationen und die der anderen zu respektieren und es zu akzeptieren, dass ein Mitspieler auf der Bühne plötzlich seinen Text ändert…«

Dieser gleichermaßen intellektuelle wie geerdete Gedanke zum Wesen der Toleranz entspringt dem Geist von Claudio Magris, einem von Europas wichtigsten Intellektuellen. Magris, der heute seinen 75. Geburtstag feiert, ist unter anderem Träger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung, des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels und des Bundesverdienstkreuzes. Die Europäische Union zeichnete ihn schon 2009 für sein Lebenswerk aus. Durch dieses zieht sich die Frage nach der europäischen Kultur und Verständigung wie ein roter Faden, wobei er immer wieder hinabsteigt in die historischen Archive, um Erklärungen für die Gegenwart zu finden – ganz gleich, ob er sich auf die Suche nach einem Alphabet der Welt macht oder die Donau entlang reist, um die Kultur der Habsburger aus ihrem Flussbett zu heben. Die Welt en gros und en détail lautet eines seiner bekanntesten Bücher, in dem er das Globale vor der Haustür sucht und findet. Der Titel spricht für Magris’ Werk, immer wieder sucht er das Große im Kleinen und verortet das Grundsätzliche im Konkreten.

In der aktuellen Sammlung verschiedener Zeitungsbeiträge und Essays, die der bekennende Triester Kaffeehausliterat – einer der letzten wohlgemerkt, denn die Tradition der Kaffeehäuser befindet sich im Aussterben – zwischen 2000 und 2002 verfasst hat, macht sich Magris in eloquenter Form Gedanken über die Zusammenhänge von Politik und Moral in der Gegenwart. Dabei schreibt er engagiert gegen »das unheimliche Verschieben der Schranken des Anstands« an – eine Formulierung, die eine gewisse Neigung des intellektuellen Weltbürgers zum Wertkonservativismus deutlich macht. Die Suche nach dem Wert des Moralischen in einer unmoralischen Gegenwart ist zwar ein alter Schuh, aber insofern höchst aktuell, als dass das Zusammenleben in der Moderne, in der Werte, Bedeutungen, Traditionen und Gebräuche ungebremst aufeinanderprallen, nur dann friedlich sein kann, wenn ihm universal gültige Werte zugrunde gelegt werden.

Eine der wichtigsten Fragen, der Magris in Die Verschwörung gegen den Sommer nachgeht, ist daher die nach den Notwendigkeiten, Möglichkeiten und Grenzen der Toleranz, die für Magris Dreh- und Angelpunkt des gesellschaftlichen Miteinanders in der polytheistischen Welt der Moderne ist. Gibt es in der Gegenwart eine Hierarchie höherer und niederer Normen und Werte? Muss es sie geben oder darf es sie gerade nicht geben? Es gibt sie, Magris unterscheidet dabei in »Gründe des Gesetzes und Gründe des Herzens«. Denn die juridischen Normen sind nicht maßgebend, legt man die Messlatte des Moralischen an. »Das positive Recht an sich ist nicht legitim – selbst wenn es aus einem demokratischen System oder aus dem Empfinden und Wollen einer Mehrheit hervorgeht –, sobald es die Moral mit Füßen tritt.« Ob wir den Blick auf das System der Sklaverei im 18. Jahrhundert oder auf die Vernichtung des Europäischen Judentums durch die Nationalsozialisten werfen – Terror wird nicht legitim, nur weil ihn eine Mehrheit befürwortet. Mit dem gleichen Argument lohnt sich der Blick auf die Gegenwart: weder der von demokratisch gewählten Regierungen abgesegnete Finanzkapitalismus noch die vermeintlich demokratische Abstimmung mit den Füßen auf der Krim können juristisch in Zweifel gezogen werden. Eine moralische Grundlage allerdings ist in beiden nicht zu erkennen.

Grundsätzlich wohnt der Toleranz eine unlösbare Problematik inne: Sie strebt vermeintlich einen Zustand der Grenzenlosigkeit an und muss dennoch Grenzen haben, da sie andernfalls selbstzerstörerisch wirkt. So dürften die Grundprinzipien der Demokratie – beispielsweise die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz unabhängig von Geschlecht, Nationalität oder Religion – nicht infrage gestellt werden, findet Magris.

Zugleich erfordere der Dialog mindestens die Akzeptanz, dass andere Wertesysteme und Kulturen gleichwertig sind. Auf diesen sollte man unter zwei Voraussetzungen immer setzen: Zum einen müsse man bereit sein, sich überzeugen zu lassen, sollten sich die Thesen des Gegenübers »als logisch begründeter und menschlich überzeugender« erweisen. Wie dies in der multiethnischen Gesellschaft unserer Zeit aussehen kann, macht Magris am Beispiel einer Schule und den dort aufkommenden Fragen zu Kruzifix, Kopfbedeckung bei Schüler- und Lehrerschaft sowie zum koedukativem Sportunterricht deutlich. Zum anderen sei aber zu akzeptieren, dass man bei aller Toleranz auch vor Situationen gestellt sein kann, die den Dialog verhindern – nämlich dann, wenn einer der Dialogpartner davon ausgeht, über absolute, (quasi)religiöse Wahrheiten zu verfügen. Wo genau in diesen Situationen das Minimum des ethischen und moralischen Universalismus liegen kann, lotet Claudio Magris in seinen Essays aus.

Magris gelingt es in seinen Essays, solange die Schichten der gegenwärtigen Widersprüchlichkeiten abzuschälen, bis der Kern des Universellen frei und sichtbar vor uns liegt. Etwa wenn er »die im rechten Sinn verstandene Laizität« als Grundpfeiler des Dialogs und der Toleranz herausarbeitet, ohne dabei der Religion eine Absage zu erteilen. »Die Achtung vor der Vernunft wird a priori weder durch den Glauben noch durch seine Ablehnung garantiert.« Eine liberale Gesellschaft meint in diesem Sinne auch nicht, dass alles erlaubt sein darf. Ideen, Vergnügungen, Wünsche und Leidenschaften, all das sei dem Einzelnen freigegeben. Eine liberale Gesellschaft soll dem Individuum »aber die wenigen Dinge kategorisch verbieten, die ihn zu einem – großen oder kleinen – Peiniger anderer Individuen machen«.

»Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen«, wie wir von Thomas Hobbes wissen. Das Ungemeine, das Dunkle liegt in seinem Wesen. Was nützt da sämtliche Ethik und Moral, könnte man fragen. Magris erwidert, dass sie einhegt und der Natur des Menschen zur Blüte verhilft, so wie das Wasser die Blume blühen lässt. »Dieses Wasser verwandelt keine Margerite in eine Orchidee, aber ohne dieses Wasser stirbt die Margerite. Wird sie dagegen liebevoll gepflegt, regelmäßig gegossen und vor den Unbilden des Wetters geschützt, so gedeiht die Margerite und kann wunderschön werden.«

Im »aufregenden Prozess« des alle Grenzen überschreitenden Dialogs in der Moderne bestehe die Aufgabe Europas darin, den humanistischen Kern des »Glaubens an die Zentralität des Menschen« als Fundament der europäischen Zivilisation hoch zu halten. Nur wenn es Europa gelinge, eine Kultur zu bewahren, in der »die Angehörigen anderer Kulturkreise Europäer werden können unter Beibehaltung ihrer Eigenheiten und ohne sich brutal unserem Lebensstil anpassen zu müssen«, wird es weiterhin für die Weltgeschichte relevant bleiben. Nicht weil es europäisch wäre, sondern weil es sich als universalistisch zeigen würde.

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Claudio Magris: Die Verschwörung gegen den Sommer. Über Moral und Politik

Übersetzt aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend

Hanser Verlag 2013

152 Seiten. 16,90 Euro

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