Das perfide System der Kirche

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Gibt es für die katholische Kirche einen richtigen Umgang mit den Missbräuchen Minderjähriger? Ist jede Schuld sühnbar? Diese Fragen stellt der chilenische Regisseur Pablo Larraín in seinem mit einem Silbernen Bären ausgezeichneten Thriller »El Club«. 

In einer Priester-WG in einem kleinen Fischerdorf an der chilenischen Küste leben die gefallenen Jünger des Herrn, »die ihr Amt nicht mehr ausführen dürfen« in einer bequemen Nonchalance. Sie trinken und scherzen miteinander, sie spazieren durchs Dorf und befeuern beim Hunderennen die Rivalitäten im Dorf.

Welcher Verbrechen sie sich im Einzelnen schuldig gemacht haben, wird nicht gesagt, aber es klingen neben dem Missbrauch Schutzbefohlener auch Mitwisserschaft bei den Gräueltaten der Schergen Pinochets, Kinderhandel sowie der Diebstahl von Kircheneigentum an – alles andere als Kavaliersdelikte. Nichts desto trotz führen sie ein recht bequemes Leben für Männer, die das Büßerhemd tragen. In ihrer vergessenen Gemeinschaft am Rande Chiles teilen sie ihr Leben mit einer Schwester, die für sie sorgt.

Als eines Morgens ein neuer Pater ankommt, ist es mit dem bequemen Dasein vorbei. Denn mit ihm taucht ein junger Mann auf, der Probleme macht. Etwa indem er sich vor dem Haus aufstellt und laut die sexuellen Übergriffen deklamiert, derer sich der neue Pater schuldig gemacht hat. Die alteingesessen Priester fordern diesen auf, den Mann mit einer Pistole zum Schweigen zu bringen, da sie ihr einigermaßen angepasstes und unauffälliges Dasein in dem Dorf in Gefahr sehen. Doch statt den Mann zu bedrohen, jagt er sich selbst eine Kugel in den Kopf.A021_C013_0722KA

Was in solchen Fällen passiert, geschieht auch in Larraíns Film. Ein kircheninterner Ermittler taucht auf. Diese soll nicht nur den Vorfall klären, sondern auch entscheiden, ob und wenn ja, wie es mit dem Haus weitergehen soll. Er führt Gespräche mit den Priestern, um sie ihrer Vergehen bewusst zu machen, und stößt dabei nicht nur einmal auf hämisches Lachen. Er führt auch strengere Regeln ein, um die Männer wieder auf den Pfad von Reue und Buße zu führen. Seiner persönlichen Vorstellung von Gerechtigkeit scheint das nicht zu entsprechen. Als sich die Männer einmal mehr gegen seine Vorgaben zur Wehr setzen, »weil sie ihr Leben so nicht führen wollen«, entgegnet er ihnen, dass, wenn es nach ihm ginge, sie alle ins Gefängnis kämen, er aber seiner Kirche nicht schaden wolle.

Haben wir es hier also mit einem der wenigen echten Aufklärer in den Reihen der Kirche zu tun? Mit jeder Minute, die dieser Film voranschreitet, werden die Zweifel daran größer. Denn auch über dem Ermittler, einem vermeintlichen Vertreter der »Neuen Kirche«, liegt ein Schatten, dessen Konturen durch Andeutungen, Blicke und Berührungen zwar sichtbar, aber unscharf bleiben. Zugleich wächst die Bedrohung von außen, der unbekannte Ankläger vom Beginn des Films hat vor der Priester-WG sein Lager bezogen, seine Aktivitäten drohen für Aufsehen zu sorgen. Was also tun? Während der verschwörerische Kreis der Priester versucht, die Sache gewaltsam zu lösen, schlägt der Ermittler, nicht undankbar ob der vorher aufkommenden Gewalt, den Weg der Zuwendung und Barmherzigkeit ein.

Pablo Larraín bildet in El Club das abgrundtief perfide System der Kirche ab. Er hält seine Erzählung dabei in dem Ungefähren, in dem sich auch die Haltung der Kirche bewegt. Beim Betrachter löst dies ein überaus beklemmendes Gefühl aus, weil jede mögliche Linie zwischen Aufklärung und Vertuschung verwischt. Es gibt in diesem Film kein Gut und kein Böse, die Charaktere entziehen sich einer Einordnung und gehen vollends im jahrelang gelebten System der Kirche auf. Jeder ist hier Täter und Opfer zugleich.

el_club12Es gibt bis heute keine eindeutige Position der Kirche, was den Umgang mit Priestern betrifft, die missbraucht haben oder missbraucht wurden. Im realen Leben wie auch im Film werden sie meist der staatlichen Rechtsprechung entzogen; im geschlossenen Kreis des Klerus fehlt leider jedes Bewusstsein für das Vergehen als solches. So deckt und schützt man sich gegenseitig, um »der Kirche nicht zu schaden«.

Einzelkämpfer haben in diesen Strukturen keine Chance. Dieses System ist in Chile noch um einiges stabiler, wie Larraín bereits in seiner Abrechnung mit dem Pinochet-Regime No! zeigte, in dem die enge Verwicklung von Kirche und der gewaltsamen Geschichte Chiles bereits anklang.

Larraíns Film hat jedoch leider einen folgenschweren Fehler: er behandelt die Themen Pädophilie und Homosexualität undifferenziert nebeneinander, als gehörten sie zusammen. Nun ist es zweifellos so, dass die Kirche mit beiden ein Problem hat, aber hat das eine nicht zwangsläufig mit dem anderen zu tun.

Website zum Film