Die kanadischen Cousinen Mariko und Jillian Tamaki wecken mit ihrem Comic »This One Summer« in Proust’scher Manier Erinnerungen an das eigene Erwachsenwerden.
Mit einjähriger Verspätung ist Nordamerikas Comicsensation in Deutschland angekommen. Mit This One Summer kommt den kanadischen Cousinen Jillian und Mariko Tamaki seit über einem Jahr so viel Aufmerksamkeit zu wie zuletzt Chris Ware für seinen Comic-Selbstbausatz Building Stories. Nach einer Ignatz-Nominierung im vergangenen Jahr wurde das Album vor einigen Wochen als beste Graphic Novel mit einem Eisner-Award ausgezeichnet. Als erster Comic überhaupt wurde This One Summer außerdem mit zwei Literaturpreisen der Organisation der amerikanischen Bibliotheken bedacht.
Will man die beiden Künstlerinnen erreichen, wird es schwierig. Während man an Mariko Tamaki noch relativ problemlos herankommt, beißt man bei Zeichnerin Jillian Tamaki auf Granit. Kein Wunder, denn sie ist aktuell eine der gefragtesten Comickünstlerinnen Nordamerikas. Bei den diesjährigen Ignatz-Awards, mit denen die besten Indie-Comics ausgezeichnet werden, war sie mit ihrem Album SuperMutant Magic Academy – einem seit 2010 gezeichneten, web-basierten Harry-Potter-Fantasie-Remix mit feministischem Anstrich, der im kommenden Jahr in deutscher Übersetzung erscheint – sowie der ausgezeichneten Kurzgeschichte Sex Coven insgesamt dreimal nominiert. Die Geschichte handelt von einem mysteriösen Musikstück, das im Comic als »wortlose, sechsstündige, atonale Drone«, beschrieben wird, dessen Sound so tief ist, »dass sich jede Akkordverschiebung wie ein neuer Riss im Universum anfühlt«. Den »akustischen Mindfuck«, den dieses Musikstück in clemenssetzhafter Manier bei seinen Hörern hervorruft, hat Jillian Tamaki in solch spektakuläre Bildwelten übertragen, dass sie dafür mit einem Ignatz-Award ausgezeichnet wurde.
This One Summer ist ein Meisterwerk von Proust’scher Qualität, dessen Bilderwelten Gedanken an das eigene Coming-of-Age hervorrufen, so wie die in Tee getauchten Madeleines beim Ich-Erzähler der Recherche du temps perdu Kindheitserinnerungen wecken. Die Geschichte handelt von dem einen Sommer, an den man sich noch Jahrzehnte später erinnert – als die Sonne die Abende in besonders warme Farben tauchte; als es plötzlich wichtig war, wie man aussieht, wenn man aus dem Wasser steigt; als die Liebe das erste Mal über einem hereinbrach und es die Kindheit dabei ganz mies erwischte. Als man begriff, dass die heile Welt, die einen umgibt, so heil gar nicht ist, und man sich in der kalten Welt da draußen das erste Mal allein beweisen musste.
Wann dieser besondere Sommer angefangen hat, weiß hinterher niemand mehr genau, wie er endete aber schon. So wird es auch der blonden Rose gehen, wenn sie irgendwann an ihn zurückdenkt. Denn sie verschläft seine ersten Momente auf dem Arm ihres Vaters, der sie durch die Nacht trägt. Das rhythmische Knirschen seiner Schuhe auf dem Kies ist das akustische Signal für das Auslaufen einer Kindheit, das sich in dieser Geschichte mit jedem weiteren Panel vollzieht. Dabei dreht sie mit ein paar selbstvergessenen Traumtänzen noch eine Ehrenrunde und geht auf den letzten Seiten mit dem schweren Ticken einer Uhr zu Ende. Dazwischen liegt Ein Sommer am See (so der ungelenke, weil die Einzigartigkeit dieses Sommers ignorierende deutsche Titel), in dem eine langjährige Verbindung, junge Herzen und einige Teile des Familiensilbers zu Bruch gehen.
Im Zentrum dieser von Jillian Tamaki in weichen Linien gezeichneten Geschichte steht die Sommerferien-Freundschaft von Rose und Windy, die mit ihren Eltern den Sommer in Awago Beach verbringen. Im Gegensatz zu den Vorjahren ist in diesem Jahr irgendetwas anders. Rose ist, wie die Titelseite des Comics zeigt, beim Sprung ins kalte Nass der Erwachsenenwelt schon etwas weiter als ihre kleine Freundin. Sie beginnt, sich für das Liebesleben der älteren Teenager zu interessieren und in ihren Eltern Menschen mit Problemen zu erkennen. Das Unbehagen, das diese Phänomene des Erwachsenwerdens in ihr auslösen, versucht sie mit dem Grusel von Horrorfilmen zu überdecken.
Noch nicht Erwachsen, aber eben auch kein Kind mehr – für Autorin Mariko Tamaki hat diese Zeit etwas Intensives. »Da ist all dieses Potential, diese Kraft und dieser Drang, sich selbst zu finden. Zugleich ist man dünnhäutig, verletzlich und macht Fehler.«
Inspiriert von den Sommerurlauben, die sie als Kind mit ihren Eltern in der Muskoka-Region verbracht hat, hat sie ihrer Cousine Jillian ein Script geschrieben, das ihren Idolen Alice Munro und Margaret Atwood alle Ehre macht, weil es das auf eine jugendliche Zielgruppe zugeschnittene Buch nicht auf Jugendthemen beschränkt. In der Erzählung werden nicht einfach nur die letzten Züge der kindlich-naiven Freundschaft zwischen Rose und Windy nachgezeichnet, sondern über die Beobachtung der weiteren Figuren durch die beiden Mädchen auch grundsätzliche Themen wie Sexualität, Depression und Einsamkeit sowie Genderfragen behandelt. Da ist zum einen Rose’ Mutter Alice, auf deren Seele ein düsteres Geheimnis lastet, das erst von ihr abfällt, als sie die junge Jenny davon abhält, sich nach einem verhängnisvollen Flirt mit dem Kassierer im Dorfkiosk im See zu ertränken. Es sind vor allem diese »Erfahrungen des Frauseins, die ich in der Geschichte haben wollte«, erklärt Mariko Tamaki. Gesteigert wird das Thema der inneren Einsamkeit nur noch im vielsagenden Schweigen in Rose’ Familie, die die Stille immer näher an den Abgrund führt.



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