#WomenDoBD oder: Realitätsverweigerung in Angoulême

Frauen 2.1

 

Gut drei Wochen, bevor das Internationale Comicfestival in Angoulême seine Tore öffnet, hat es seinen großen Skandal. Als die Festivalleitung zu Wochenbeginn die Nominierungsliste für den Großen Preis von Angoulême herausgab, befanden sich unter den 30 genannten Comickünstlern ausschließlich männliche Comicschaffende. Nachdem ein Drittel der Nominierten um Streichung von der Liste bat und Comickünstlerinnen Sturm liefen, will das Festival nun nachbessern. Der Schaden ist dennoch immens.

Insgesamt zehn Comicautoren haben inzwischen erklärt, dass Sie die Nominierung für den Großen Preis von Angoulême verzichten. Bei den zehn Künstlern, die ihren Verzicht auf die Chance, Ende Januar Europas prestigeträchtigsten Comicpreis zu gewinnen, entweder persönlich via Facebook oder Twitter verkündeten oder entsprechende Verlautbarungen über ihre Verlage abgaben, handelt es sich um Daniel Clowes, Chris Ware, Charles Burns, Riad Sattouf, Joann Sfar, Milo Manara, Pierre Christin, Etienne Davodeau, Christophe Blain und Brian Michael Bendis.

Sie folgten damit dem Boykottaufruf des Kollektivs von Comickünstlerinnen gegen Sexismus. Das Kollektiv, in dem unter anderem Sarah Glidden, Marjane Satrapi, Julie Doucet, Pénélope Bagieu, Julie Maroh, Chloé Cruchaudet, Aude Picault sowie die bislang einzige mit dem Großen Preis von Angoulême ausgezeichnete Zeichnerin Florence Cestac (1983) aktiv sind, hatte nach der Bekanntgabe der Nominierungsliste am Dienstag dazu aufgerufen, die Abstimmung zu boykottieren, weil die insgesamt 30 Namen umfassende Liste keine einzige weibliche Comicautorin aufführt. Der Zusammenschluss weiblicher Comicschaffender bewertete die Entscheidung als offensichtliche Diskriminierung und sprach von einer »totalen Negation« von Künstlerinnen »in einem Medium, das mehr und mehr Frauen hat«. Das Signal für die Comicszene sei desaströs, Autorinnen und Zeichnerinnen seien dazu verdammt, als Geheimtipps weitergereicht zu werden. Selbst Frankreichs Kulturministerin Fleur Pelleri musste zugeben, dass sie diese Liste verwundere.

Die ersten, die diesem Aufruf folgten, waren Joann Sfar, Daniel Clowes und Riad Sattouff. Clowes ließ über seinen amerikanischen Verlag Fantagraphics mitteilen, dass er nicht wolle, dass sein Name im Zusammenhang mit dieser nun »vollkommen bedeutungslosen Ehre« diskutiert werde. Die Liste sei ein »lächerliches und peinliches Debakel«. Joann Sfar, der 2002 mit dem Großen Preis der Stadt Angoulême für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, forderte die Festivalorganisatoren über die französische Ausgabe der Huffington Post mitteilen, seinen Namen von »dieser anachronistischen Liste« zu streichen. Dort heißt es weiter: »Ich bin ziemlich wütend, wenn ich höre, dass man uns (gemeint sind die Kritiker der Nominierungsliste) politisch korrekt nennt. Ich habe nie nach einer Quote gefragt – eine solche würde auch all jene Frauen, die in den vergangenen Jahren auf der Liste standen, in ein Licht rücken, als hätten sie ihre Nominierung nicht verdient sondern einer Quote zu verdanken. Ich will aber auch nicht an einer Zeremonie teilnehmen, die mit der Wirklichkeit der Comicszene nichts mehr zu tun hat. Dreißig Namen, keine Frau darunter, das ist eine Ohrfeige für all jene, die dafür leben, Comics zu schaffen oder zu lieben.«

Frauen 3Riad Sattouf, der mit dem ersten von drei Bänden von Der Araber von morgen im vergangenen Jahr den Preis für das Beste Album gewonnen hat, teilte mit, dass er seine Nominierung ablehne. Vielmehr beschäme sie ihn, weil viele großartige Comickünstlerinnen wie Rumiko Takahashi, Julie Doucet, Anouk Ricard, Marjane Satrapi oder Catherine Meurisse darauf fehlten. Dem schloss sich Charles Burns über die Twitterkanäle seiner französischen Verlage Edition Delcourt und Edition Cornelius an.

Nach dieser ersten Welle heftiger Kritik reagierte Festivaldirektor Franck Bondoux und verteidigte gegenüber der französischen Tageszeitung Le Monde die Nominierungsliste. Der Große Preis von Angoulême ein Preis für das Lebenswerk und »in der Comicgeschichte gebe es leider nur sehr wenige Frauen«. Gleichzeitig erklärte er auf der Internetseite des Comicfestivals: »Das Festival liebt Frauen, aber wir können nicht die Comicgeschichte umschreiben.«

Das brachte die Szene nur noch mehr auf die Palme und weitere Comickünstler erklärten ihren Rückzug von der Liste. Das Comickollektiv gegen Sexismus sah genau diesen darin bestätigt und kommentierte sarkastisch: »Das ist genau das, was wir Frauen wollen… wir wollen hören, dass uns jemand liebt.«

Selbst Milo Manara, dessen Erotikcomics in den achtziger Jahren wegweisend waren, inzwischen aber nur noch wie Altmännerlektüre wirken, fühlte sich mit dieser Begründung offenbar brüskiert. Er habe sich immer bemüht, »Frauen respektvoll als Subjekte und nicht einfach nur als Objekte seiner Kunst« zu sehen. In einer Liste ohne Comickünstlerinnen wolle er nicht stehen, erklärte er via Facebook. Étienne Davodeau soll gesagt haben, dass die Liste »die schlimmsten Klischees« bestätige, indem sie den Eindruck erwecke, die Neunte Kunst sei antifeministisch. Brian Michael Bendis bezog sich bei seiner Boykott-Erklärung auf seine »klugen und starken Töchter«, die immer noch für gleiche Rechte kämpfen und einen Umgang damit finden müssen, dass es einige Männer gibt, die meinen, sie zuerst als Objekte und dann erst als Individuen sehen zu können.

Auch wenn Bondoux inzwischen ankündigte, weitere Comickünstler nachzunominieren, schwelt der Konflikt mit dem Künstlerinnenkollektiv weiter, könnte sich sogar noch verhärten. Nach der deutlichen Kritik an der Liste suchte sich der Festivaldirektor herauszureden, indem er den schwarzen Peter weitergab, und zwar ausgerechnet an jene, die ihn kritisierten. Das Festival habe das Kollektiv »auf offiziellem Weg« um Vorschläge gebeten, der Liste aber keine fünf bis zehn Namen entnehmen können, die unbedingt auf die Liste gehört hätten (wörtlich sprach Bondoux von »unablehnbar«). Die Comickünstlerinnen taten folgerichtig das, was jeder normale Mensch tun würde: Sie schrieben dem Festivaldirektor einen Brief, in dem sie darauf hinwiesen, dass es nicht ihre Aufgabe sei, eine solche Liste zu erstellen und in der Jury doch ausreichend kulturhistorische Expertise im Bereich der Neunten Kunst bestehe, um aus eigenen Stücken Frauen zu berücksichtigen. Bondoux Attacke ging nach hinten los.

Frauen-1Tatsächlich laufen die Argumente des Festivals mit einer Ausnahme ins Leere. Richtig ist, dass die Comickunst lange Zeit eine No-Go-Area für Künstlerinnen war. Die Claims hatten die Pioniere der Neunten Kunst abgesteckt. Erst nach und nach erhielten auch Frauen Zutritt in die heiligen Hallen der Comicbranche. Inzwischen sind sie nicht mehr wegzudenken. Und das ist gut so! Diese Floskel greift nicht, weil sie gut klingt, sondern weil vor allem der kreativste Bereich der Neunten Kunst – der der Mini- und Do-it-Yourself-Comics – von Frauen dominiert wird. Kommen wir aber zurück zum Argument, dass man die Comicgeschichte nicht ändern könne. Das ist so richtig wie unnötig, schließlich gehören nominierte Künstler wie Charles Burnes, Daniel Clowes, Joann Sfar, Riad Sattouf oder Christophe Blain nicht zu den Altvorderen der Neunten Kunst. Folgt man Bondoux‘ Argument der Auszeichnung für ein Lebenswerk, das in der Comicgeschichte relevant sei, konsequent, dann dürften auch ihre Namen nicht auf der Liste stehen. Oder anders herum gesagt: ihre Namen gehören da mit der gleichen Berechtigung hin, wie die von Julie Doucet, Alison Bechdel oder Aline Kominsky-Crumb.

Der Einwurf, es habe keine guten Vorschläge gegeben, ist schlichtweg ein Armutszeugnis – für die Jury im Allgemeinen und den Festivaldirektor im Besonderen. So genannte Comicexperten, die die vielen Frauen unter den Comicschaffenden nicht wahrnehmen, sind keine Experten, sondern Liebhaber. Wenn sie dann auch nicht wild nach außen keilen, wie es Bondoux tut, sind sie zudem noch selbstgefällige Chauvinisten.

So wirkt auch der Umgang mit der meist freundlich verbundenen Bitte der oben genannten Comicautoren, ihren Namen von der Liste der Nominierten zu nehmen, trotzig. Man werde, so kündigt das Festival seit gestern auf seiner Homepage an, erneut Namen zur Nominiertenliste hinzufügen, allerdings ohne andere Namen zu streichen. Damit verweigert das Festival der Bitte der Autoren die Anerkennung und riskiert, sollte die Abstimmung zu deren Gunsten ausgehen, den nächsten Eklat. Denn in dem Fall ist nicht davon auszugehen, dass einer der zehn Künstler, die bislang ihren Rückzug von der Liste erklärt haben, den Gesichtsverlust wagt und den Preis dann annimmt. Das gilt auch für nachnominierte Kandidatinnen. Sollten diese Gewinnen, ist ebenso wenig zu erwarten, dass sie den Preis annehmen. Der Imageschaden, zumindest für die diesjährige Festivalausgabe, ist immens.

Das Festival unter der Leitung von Bondoux gibt sich derweil naiv und fragt nach Vorschlägen für weibliche Comickünstlerinnen, die den Preis verdient hätten. Entweder versteht die Festivalleitung nicht, dass Vorschläge durch weibliche Comicschaffende oder feministische Aktivisten dazu führen würden, dass den Nominierten die Eignung ab- und eine Alibifunktion zugesprochen würde, oder sie will diesen Eindruck bewusst befeuern.

Im Netz kursieren dennoch verschiedentlich Listen mit konkreten Vorschlägen. Die linksliberale Zeitung Libération schlug in einem Beitrag 15 Comickünstlerinnen vor, die Zeina Abirached (avant-verlag), Nine Antico, Alison Bechdel (Kiepenheuer & Witsch), Claire Bretécher (Reprodukt), Catel Muller (Splitter), Roz Chast (Rowohlt), Nicole J. Georges, Phoebe Gloeckner, Ulli Lust (avant-Verlag, Suhrkamp), Lisa Mandel, Julie Maroh (Splitter), Catherine Meurisse, Marion Montaigne, Anouk Ricard (Reprodukt) und Marjane Satrapi (Edition Moderne) umfasst. Die Zeitung vergisst am Ende des Beitrags aber nicht zu erwähnen, dass ebenso gut Pénélope Bagieu, Chloé Cruchaudet, Annie Goetzinger, Chantal Montellier, Aude Picault oder Posy Simmonds nominiert werden könnten.

BDEgaliteUnter dem Hashtag #WomenDoBD kursieren auf Twitter und Blogs weitere Namensvorschläge, in denen man über die genannten hinaus die Namen von Barbara Canepa, Debbie Drechsler, Julie Doucet, Chantal Montellier, Trina Robbins, Jeanne Puchol, Linda Barry, Gabrielle Bell, Aline Kominsky-Crumb, Trina Robbins, Dame Darcy, Kaoru Mori, Rutu Modan, Moyoco Anno, Inio Asano, Mari Yamazaki, Hisae Iwaoka, Leslie Plée, Aude Picault, Junko Mizuno sowie Jillian Tamaki und Mariko Tamaki findet. Weitere Kandidatinnen könnten Fiona Staples, Judith Vanistendael, Jessica Campbell, Vanessa Davis oder die deutschen Autorinnen Isabel Kreitz oder Birgit Weyhe sein. Der Jury in Angoulême bleibt nicht vielmehr, als dass sie diese Nachhilfe annimmt, denn die Chance, sich selbst als kompetent zu zeigen, hat sie bereits verspielt.

Wenn man dem Ganzen einen positiven Effekt abgewinnen möchte, dann vielleicht die Tatsache, dass der Skandal weiblichen Comicschaffenden die längst verdiente Aufmerksamkeit gibt. Aber selbst das ist nicht ohne bitteren Beigeschmack, denn die hätten sie durch Ihre Arbeiten längst verdient gehabt.

Die französische Huffington Post will die Namen der zusätzlich nominierten Frauen bereits kennen. Demzufolge sollen Linda Barry, Julie Doucet, Moto Hagio, Chantal Montellier, Marjane Satrapi und Posy Simmonds nachnominiert worden sein.

Mit dem Großen Preis von Angoulême geht die Ehre einher, der Jury im kommenden Jahr vorzustehen. Im vergangenen Jahr wurde Akira-Zeichner Katsuhiro Otomo mit dem Preis ausgezeichnet. Er verzichtete, wie auch der im Vorjahr ausgezeichnete Bill Watterson, auf die Leitung der Jury. Die Jury wird stattdessen von Abel Lanzac alias Antonin Baudry geführt, der gemeinsam mit Christophe Blain anno 2013 für den Diplomatencomic Quai d’Orsay mit dem Preis für das Beste Album ausgezeichnet wurde.

Das Internationale Comicfestival in Angoulême ist Europas bedeutendstes Comicfestival und findet in diesem Jahr vom 28. bis 31. Januar statt. Neben der Auszeichnung für ein Lebenswerk finden neun Auszeichnungen in der »Competition Officielle« statt, darunter auch die für Europas Bestes Album. Unter den hier nominierten Alben sind gut ein Viertel von weiblichen Comicschaffenden.

2 Gedanken zu “#WomenDoBD oder: Realitätsverweigerung in Angoulême

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