Angoulême krönt vor allem Franzosen

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Riad Sattoufs »Der Araber von morgen« ist der beste Comic des Jahres. Dies entschied die Jury unter Leitung des französischen Zeichners Gwen de Bonneval bei Europas größtem Comicfestival in Angoulême. Fast alle Preise gingen an französische Zeichner. Von den prämierten Künstlern kommen einzig der Amerikaner Chris Ware und der Chinese Zhang Leping nicht aus Frankreich.

Der Franzose setzte sich gegen andere Granden der Neunten Kunst wie Chris Ware, Charles Burns, Gilbert Hernandez, Manu Larcenet oder Teams wie Jillian und Mariko Tamaki oder Fiona Staples und Brian K. Vaughan durch. Sattouf hat jahrelang mit Christophe Blain, Mathieu Sapin und Joann Sfar in einem Atelier gearbeitet und von 2004 bis 2014 regelmäßig für das französische Satiremagazin Charlie Hebdo gezeichnet. In Deutschland hat sein Comic Meine Beschneidung viel Aufmerksamkeit erhalten, in Frankreich hatte er bereits 2010 für den vierten Teil seiner Serie Pascal Brutal den Preis für das beste Album gewonnen. Kurz nach der Berlinale kommt seine filmische Kömodie Jacky im Königreich der Frauen in die Kinos, zeitgleich erscheint die Übersetzung des nun ausgezeichneten Comics im Knaus-Verlag.

Der Publikumspreis ging in diesem Jahr an Les Vieux fourneaux, tome I – Ceux qui restent von Wilfrid Lupano und Paul Cauuet. Der Comic erscheint im August unter dem Titel Die alten Knacker im Splitter-Verlag. Lupano war gleich zwei Bänden bei der Auswahl von acht Comics für den Publikumspreis vertreten. Der erste Band von Les Vieux fourneaux setzte sich unter anderem gegen Manu Larcenets BLAST, die LASTMAN-Serie von Bastien Vivès, Michaël Sanlaville und Yves Bigerel und das kanadische Zeichnerteam Regis Loisel undJean-Louis Tripp mit einem ihrer Das Nest-Bände durch.

Der Spezialpreis, mit dem die Jury die Aufmerksamkeit auf eine besondere Arbeit lenken will, geht in diesem Jahr an Chris Ware und sein außergewöhnliches Comic Building Stories. Der Comic ist ein Karton, der zahlreiche Einzelhefte verschiedenen Formats enthält, in denen zahlreiche Geschichten erzählt werden. Wie man diesen Comic liest und wie sich die Geschichten zueinander fügen oder nicht, ist so zum Teil dem Leser überlassen. Der Selbstbau-Comic ist bei Reprodukt geplant, wann er genau erscheint, steht noch nicht fest. Wares JIMMY CORRIGAN oder Der klügste Junge der Welt war ebenfalls bei Reprodukt erschienen und hat begeisterte Kritiken bekommen.

Der Preis für die beste Serie ging an LASTMAN, deren sechster und den ersten Zyklus abschließender Teil vor wenigen Wochen in Frankreich erschienen ist. Damit setzte sich das Zeichnerkollektiv Bastien Vivès, Michaël Sanlaville und Yves Bigerel unter anderem gegen die fulminante Serie BLAST von Manu Larcenet oder SAGA von Fiona Staples und Brian K. Vaughnam durch. Sie erzählen in der sensationellen Franco-Manga-Serie eine Abenteuergeschichte zwischen Game of Thrones und Dragon Ball. Der erste Band ist gerade bei Reprodukt erschienen. Der junge Kämpfer Adrian Velba lebt mit seiner attraktiven Mutter Marianne im mittelalterlichen Tal der Könige und will sich beim Großen Preis der Könige beweisen. Als seine Teilnahme zu scheitern droht, taucht der geheimnisvolle Richard Aldana auf. Actionreich, anrührend und sexy – LASTMAN erobert das Comicherz im Sturm (demnächst mehr).

Die besten Newcomer des Jahres sind nach Ansicht der Jury Lisa Lugrin und Clément Xavier. Ihr Comic Yékini. Le Roi des Arènes ähnelt ein wenig der LASTMAN-Erzählung. Es geht um drei Kämpfer, die an einem Wettkampf eines traditionellen Kampfsportes teilnehmen und dabei Entscheidungen treffen müssen, die ihr Schicksal beeinflussen werden. Die in Senegal angesiedelte Geschichte wird mit Zeichnungen und Fotografien erzählt und ist damit auch in formeller Hinsicht eine besondere Arbeit.

Der Preis für ein Kulturgut der Neunten Kunst ging an den Chinesen Zhang Leping und dessen in China sehr populären Comic San Mao. Le petit vagabond. Der Comic setzte sich gegen neun andere Titel durch, darunter eine Edelausgabe von Gustave Dorés gezeichneter Histoire de la Sainte Russie, Walt Kellys Pogo, Frank Millers Daredevil, Leiji Matsumotos Captain Albator, Neil Gaimans Sandman und Bonten Tarôs Kurzgeschichten Sex & Fury.

Der Krimipreis, vergeben von einer eigens einberufenen Expertenjury, ging an Petites coupures à Shioguni des französischen Zeichnerteams Florent Chavouet und Philippe Picquier. Sie setzten sich mit ihrer außergewöhnlichen Japan-Yakuzi-Crime-Geschichte gegen Arbeiten von Ed Brubaker, Doug Headline, Antonio Altarriba und Atsushi Kaneko durch.

Der Preis für eine alternative Comicpublikation ging an die französische Comicrevue Dérive urbaine. Erstmals wurde in diesem Jahr auch der »Charlie Preis für die Meinungsfreiheit« vergeben. Er wurde am Sonntag vom Jurypräsidenten Gwen de Bonneval und dem Zeichner Blutch präsentiert. Er ging in diesem Jahr an die ermordeten Charlie-Hebdo-Zeichner Cabu, Charb, Honoré, Tignous und Wolinski.

Der wichtigste Preis bei Europas wichtigstem Comicfestival wurde schon am Donnerstag vergeben. Der japanische Zeichner, Drehbuchautor und Regisseur Katsuhiro Otomo, Erfinder der legendären Akira-Reihe, wurde in diesem Jahr mit dem Großen Preis von Angoulême ausgezeichnet. Der Preis wird alljährlich für das Lebenswerk eines Zeichners vergeben, der im Folgejahr für gewöhnlich der Jury als Präsident vorsteht. In diesem Jahr leitete der Franzose Gwen de Bonneval die Jury, da der öffentlichkeitsscheue Vorjahresgewinner Bill Watterson nicht nach Angoulême reisen wollte.

Katsuhiro Otomo, der seit Jahren nicht mehr gezeichnet hat, erklärte per Videobotschaft, dass er den Preis als Ermunterung verstehe, wieder zum Stift zu greifen. Ebenfalls am Donnerstag erhielt die Redaktion von Charlie Hebdo zur Eröffnung des Festivals einen Ehrenpreis. Im Rahmen des Festivals erinnert außerdem eine große Ausstellung an das Satiremagazin.

In der Festivaljury waren in diesem Jahr neben dem zeichnenden Präsidenten Gwen de Bonneval der Kulturjournalist Mathieu Charrier, der Globetrotter und Schriftsteller Jean-Luc Coatalem, die Comicjournalistin Laurence Le Saux, der Comicbuchhändler Philippe »Le Libraire« Faugère, die Direktorin des Fumetto-Comicfestivals in Luzern Jana Jakobek und der Autor und Hergé-Experte Numa Sadoul.

Bereits am Freitag verlieh eine Jugendjury mit ausgewählten jungen Lesern den Preis für den besten Jugendcomic an Les Royaumes du Nord 1 von Stéphane Melchior-Durand und Clément Oubrérie. Ihr Comic ist der erste Teil einer Adaption von Philip Pullmans Trilogie His Dark Materials mit den drei Romanen Der goldene Kompass, Das magische Messer und Das Bernstein-Teleskop.