Comic

Chris Ware erhält Großen Preis von Angoulême

Der Vater von Jimmy Corrigan, Quimby der Maus und Rusty Brown, Comiczeichner und Geschichtenarchitekt Chris Ware, wird mit dem Hauptpreis des größten Europäischen Comicfestivals ausgezeichnet. Im kommenden Jahr soll er in Frankreich zu Gast sein.

Es gibt wohl kaum einen Comiczeichner, dem ein solcher Ruf als Genie vorauseilt wie Chris Ware. Seine Bildergeschichten sind bis ins kleinste Detail geplant, geometrisch ausbalanciert, penibel durch-orchestriert, nichts ist dem Zufall überlassen. Tragende Texte fließen in die kleinsten Einheiten seiner Zeichnungen, jeder Buchstabe handgelettert – für seine Fans ein Genuss, für seine Kritiker eine Idiotie, für seine Verlage sicher irgendetwas dazwischen. Denn eines steht fest, seine Comicwerke zu reproduzieren ist eine einmalige Herausforderung. Der Berliner Reprodukt Verlag, der bislang die einzige deutschsprachige Ausgabe eines Ware-Comics – die umwerfende Geschichte »JIMMY CORRIGAN oder DER KLÜGSTE JUNGE DER WELT« – herausgebracht hat, soll fast zehn Jahre Arbeit in das Album gesteckt haben, bis das knapp 400 Seiten zählende Album, bei dem selbst der Schutzumschlag ein eigenständiges Kunstwerk – das zugleich unablässiger Bestandteil des Albums ist – darstellt.

Bei der Corona-Edition des Comicfestivals in Angoulême, wo bereits im Januar die Hauptpreise vergeben wurden, wurde nun bekanntgegeben, dass der Amerikaner den Großen Preis des Festivals erhält. Er folgt damit auf Emmanuel Guibert, Rumiko Takahashi und Richard Corben, die zuletzt diese Ehre erhielten. Damit einher geht, dass der publikumsscheue Amerikaner im kommenden Jahr zum Festival reist, eine Werkausstellung im Rahmen des Festivals stattfindet und er eines der drei offiziellen Plakate gestalten wird.

Ausgezeichnet wird er für sein »originelles Werk, das zwischen süßer Melancholie und tiefer Traurigkeit schwankt«, heißt es in der Begründung. Ware sei dabei immer bemüht, den Alltag seiner Figuren und ihre lächerlichsten Gesten unter die Lupe zu nehmen. »Darüber hinaus zeichnen sich seine Werke durch ihre großzügige Verwendung einer umgehend wiedererkennbaren Bildsprache und der sorgfältigen Herstellung aus.«

Wares Kunst, soviel kann man wohl sagen, sprengt in jeglicher Hinsicht Grenzen. Zuletzt erschien sein Album »Rusty Brown«, an dem er mindestens zwanzig Jahre gearbeitet haben soll. Es soll der erste Teil einer Trilogie sein, doch schon dieser Teil umfasst gut 350 Seiten. Er erzählt verschiedene Geschichten an einem Wintertag im Jahr 1975, an dem Rusty Brown die trübe Erfahrung macht, der Idiot der Klasse zu sein. Im Lehrerzimmer sehen wir Rustys Vater, der müde seinem Ruhestand entgegendämmert. Wir lernen Rustys Lehrerin Joanne Cole kennen, den Schulproll Jason Lint sowie Alice, die neu in die Stadt zieht. Von diesen Figuren ausgehend springt die Erzählung vor und zurück, blättert die Biografien dieser Figuren auf und führt sie in strenger Formsprache auf den Seiten zusammen. Dabei erhält alles Bedeutung, jede Farbe, jede Schriftgröße, jede Positionierung, jede Unter- oder Überordnung. Dieser Comic ist so chaotisch wie das Leben selbst und in seiner virtuosen Strenge geradezu poetisch.

In seiner Erscheinungsform ragt »Building Stories« aus dem Oeuvre des Amerikaners heraus. An den Karton, in dem 14 vollkommen verschieden gestaltete Teile der Geschichte versammelt sind, hat sich noch kein ausländischer Verlag herangetraut. Dies zu reproduzieren erforderte verlegerische Wahnwitz, den zumindest der deutsche Comicmarkt mit seinen niedrigen Absatzzahlen nicht rechtfertigt. Zumal sich Ware-Fans mutmaßlich längst mit dem englischen Original eingedeckt haben. In Angoulême wurde Wares Comicbox bereits 2015 mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. All seinen Arbeiten liegt seine Experimentierlust zugrunde, die er in seiner Serie »Acme Novelty Library« perfektioniert hat. Dort sind Geschichten von Quimby der Maus, Jimmy Corrigan und Rusty Brown sowie von Figuren namens Potato Guy und Rocket Sam versammelt, lose zusammenhängend und in unterschiedlichen Formaten produziert.

Chris Ware hat in seiner Karriere 28 Harvey- und 22 Eisner-Awards in nahezu jeder Kategorie erhalten. Gäbe es eine Hall of Fame der Comicautoren, ihm wäre ein Platz in der ersten Reihe sicher. Dass er nun den Großen Preis von Angoulême erhält, ist nur konsequent. Ob er im kommenden Jahr tatsächlich anreist, bleibt abzuwarten.