Im Preisregen wird niemand nass

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Der Japaner Katsuhiro Otomo ist bei Europas wichtigsten Comicfestival bereits mit dem Großen Preis von Angoulême ausgezeichnet worden. Damit steht fest, dass 2016 zum ersten mal ein Japaner als Präsident der Jury vorsteht. Die Konkurrenz um die weiteren Preise, die am Sonntag vergeben werden, ist gewaltig.

Auch wenn die deutsche Comicszene wächst und gedeiht, wird zum alljährlichen Stelldichein in Angoulême eines deutlich: die Comic-Nation Frankreich hat uns in Sachen Neunte Kunst eine Menge voraus. Beispielsweise Europas größtes Comicfestival, aber gut, das ist erstens historisch gewachsen und zweitens dann auch Konsequenz des Ansehens der Neunten Kunst im Land von Asterix und Obelix. Ebenso folgerichtig ist der enorm breite Markt an Text-Bild-Literatur. Seit Jahren wird geunkt, dass der Markt übersättigt und kurz vorm kollabieren sei. Mit Blick auf die unendlich lange Ausstellerliste kann man nur süffisant kommentieren: »Warten wir es mal ab«. Was das 42. Comicfestival uns aber erst recht voraus hat, ist eine Nominiertenliste, die sich gewaschen hat. Es konkurriert die Crème de la Crème der Neunten Kunst miteinander.

Aber zunächst zum Großen Preis. Die Auszeichnung Katsuhiro Otomos ist eine mittlere Sensation, denn noch nie wurde ein asiatischer Zeichner in Angoulême mit dem Großen Preis ausgezeichnet. Zuvor wurde bei Europas größtem Comicfestival 41 Jahre lang die asiatische Comickultur stiefmütterlich behandelt. Nun endlich ist diese Zeit vorbei, der asiatische Comic bekommt mit Otomo die Ehre, die ihm gebührt. Der Japaner selbst zeigte sich glücklich und motiviert. »Der Preis ist eine Ermunterung und ich denke, ich werde das Zeichnen jetzt wieder aufnehmen«, kommentierte der Schöpfer des Akira-Universums Otomo via Youtube. 2002 wurde er bereits mit zwei Eisner-Awards ausgezeichnet.

Am Sonntag werden zum Abschluss des Festivals Europas wichtigste im Theater von Angoulême vergeben. Der Berliner Jens Harder ist in diesem Jahr der einzige Zeichner aus Deutschland, der sich Hoffnungen machen kann. Er ist mit dem zweiten Teil seiner Evolutionsgeschichte BETA für die Preise nominiert. Dass er einen der fünf Hauptpreise gewinnt, ist trotz seiner grandiosen Arbeit recht unwahrscheinlich; er müsste sich gegen Hochkaräter wie Chris Ware mit seinem fulminanten Selbstbau-Comic Building Stories, Charles Burns mit seinem Comic Zuckerschädel (bei Reprodukt), die kanadischen Cousinen Jillian und Mariko Tamaki mit ihrem Welterfolg Ein Sommer am See (ab Mai bei Reprodukt), Gilbert Hernandez Non-Love & Rocket-Comic Julio oder das kongeniale SciFi-Duo Fiona Staples und Brian K. Vaughan mit Teil 3 ihrer Saga-Serie (bei Cross Cult) durchsetzen. Damit aber nicht genug, wetteifern auch Lokalmatadoren wie Manu Larcenet mit seinem Blast-Abschlussband (ab März bei Reprodukt), Riad Sattouf mit seiner Satire Der Araber von morgen (ab Februar bei Knaus) oder das Team um Bastien Vivès mit seiner kongenialen Serie LASTMAN (bei Reprodukt) sowie Avantgardisten wie Blutch (bei avant-Verlag & Reprodukt) oder Brecht Evens (bei Reprodukt), Lynda Barry und Catherine Fleurisse um die Lorbeeren von Angoulême.

Aus den insgesamt 35 Comics und ihren Autoren wählt die Jury das beste Album, die beste Serie, den besten Newcomer und die bemerkenswerteste Arbeit aus. Außerdem entscheidet sie darüber, welcher Comic den Preis für ein Kulturgut der Neunten Kunst erhält. Dafür gibt es eine gesonderte Liste mit zehn Titeln. In dieser konkurriert in diesem Jahr eine Edelausgabe von Gustave Dorés gezeichneter Histoire de la Sainte Russie unter anderem mit Walt Kellys Pogo, Frank Millers Daredevil, Leiji Matsumotos Captain Albator, Neil Gaimans Sandman und Bonten Tarôs Kurzgeschichten Sex & Fury.

Die acht Titel für den Publikumspreis sind allesamt aus der offiziellen Auswahl. Neben den Bänden von Larcenet, Vivès und Staples/ Vaughan sind dies die Kanadier Regis Loisel/Jean-Louis Tripp mit dem neunten Band ihrer Das Nest-Serie Erkenntnisse (bei Carlsen), François Bouq und Jérôme Charyn mit ihrer Geschichte einer Rache Little Tulip und das Duo Mezzo und Jean-Michel Dupont mit ihrer Künstlerbiografie Love in Vain. Außerdem ist der französische Comicautor Wilfrid Lupano mit gleich zwei Bänden beim Publikumspreis vertreten. Einmal mit Grégory Panaccione und die gemeinsame Bildergeschichte Un Océan d’Amour, und einmal mit Paul Cauuet für die federleichter Geschichte über das Alter Les Vieux Fourneaux.

Beim Krimipreis, vergeben von einer eigens einberufenen Expertenjury, tritt Ed Brubaker (bei Panini) gegen Doug Headline, Antonio Altarriba (bei avant-Verlag), Florent Chavouet und Atsushi Kaneko. Dessen nominierter Titel Wet Moon erscheint im Juni bei Carlsen.

Spannung ist wie in jedem Jahr vor allem beim Preis für den besten Alternativcomic angesagt. 30 Comicpublikationen sind hier im Rennen, neben zahlreichen französischen Ausgaben unter anderem auch die englischsprachige Zeitung The Comix Reader des in Berlin lebenden Zeichners Richard Cowdry, der sich darin am Underground-Stil der 60er Jahre abarbeitet.

Der Jugendpreis, verliehen von einer Jury junger Leser, ging bereits am Freitag an Stéphane Melchior-Durand und Clément Oubrérie für den ersten Teil ihrer Adaption von Philip Pullmans Trilogie His Dark Materials mit den drei Romanen Der goldene Kompass, Das magische Messer und Das Bernstein-Teleskop. Nominiert waren in der Kategorie auch der in Erlangen ausgezeichnete Brite Luke Pearson mit dem dritten seiner Hilda-Comics Hilda und der schwarze Hund (bei Reprodukt), die beiden deutschen Zeichner Patrick Wirbeleit (ICOM-Preisträger) und Uwe Heidschötter mit der französischen Ausgabe ihres Comics Kiste (bei Reprodukt) sowie der US-Amerikaner und Harvey-Gewinner David Petersen mit Die schwarze Axt, dem dritten Band seiner Mouse Guards-Serie (bei Cross Cult).

 

 

 

 

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