»Beim Zeichnen muss etwas Imaginäres entstehen«

David-B.-Porträt

Vor wenigen Wochen stellte David B. auf dem Comicsalon in Erlangen den zweiten Teil seiner Geschichte über die Beziehungen der Vereinigten Staaten mit dem Nahen Osten »Die besten Feinde« vor. Ich sprach mit dem französischen Comicstar über seine neue Arbeit, aber auch über das Düstere und Absurde in seinem Werk, die Bedeutung von Träumen und Fantasien für seine Arbeit sowie die Suche nach grafischen Lösungen am Zeichentisch.

David B. soeben ist der zweite Band von »Die besten Feinde« erschienen, in der Sie das Verhältnis der Vereinigten Staaten mit dem Nahen Osten seit 1783 nachzeichnen. Woher kommt diese Gegnerschaft, auf die Sie im Titel anspielen?

Als ich zu recherchieren begann, wie die erste Begegnung dieser beiden Kulturen ausgesehen hat. Dabei bin ich auf die Geschichte der kleinen amerikanischen Wirtschaftsflotte im Mittelmeer gestoßen, die von muslimischen Piraten aufgebracht wurde, wie ich sie im ersten Teil von »Die besten Feinde« erzähle. Schon bei dieser ersten Begegnung trafen die Amerikaner die verheerende Entscheidung, das beiderseitige Verhältnis eher auf Krieg als auf eine friedliche Lösung hinauslaufen zu lassen. Die Amerikaner entschieden, dass man den Muslimen zeigen wolle, wer den längeren Atem hat und es begann eine Geschichte voller Verschwörungen und Komplotte. Die Vereinigten Staaten kooperierten in den folgenden Jahrzehnten immer mit denjenigen, die ihnen gerade genehm waren – ein Prinzip, das später auch in Vietnam und in Südamerika Anwendung fand und bis heute Praxis im Nahen Osten ist.

Für diese Geschichte haben Sie mit dem Historiker und Nahostexperten Jean-Pierre Filiu kooperiert. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Als der zweite Golfkrieg ausbrach, habe ich mich gefragt, wie es zu dieser Feindschaft zwischen Amerikanern und Muslimen kommen konnte. Ich habe eine Menge gelesen und je mehr ich mich durch Bücher wühlte, desto mehr Fragen tauchten auf. Auf dem Festival für historische Bücher in Levallois, zu dem ich für »Auf dunklen Wegen« eingeladen worden war, lernte ich Jean-Pierre Filiu kennen. Es war ein Zufall, dass er selbst ein begeisterter Comicleser ist, meine Arbeiten kannte, Spezialist für die Geschichte des Nahen Ostens ist und aus seinen verschiedenen Tätigkeiten das Verhältnis zwischen den USA und dem Nahen Osten sehr gut kannte. Da lag es nahe, dass ich ihn fragte, ob er sich eine Zusammenarbeit vorstellen konnte.

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Wie sah die genaue Zusammenarbeit aus?

Erst hatte Filiu versucht, ein Storyboard zu zeichnen. Das ging aber gar nicht. Ich bat ihn, mir einfach nur die Fakten aufzuschreiben, übersetzte diese dann in ein Storyboard und entwarf erste Skizzen mit konkreten Texten, die ich ihm wiederum zur Kontrolle vorlegte. Er sagte mir dann, wenn Fakten nicht mehr stimmten, Hintergründe ungenau oder unverständlich umgesetzt waren oder ich Situationen falsch interpretiert habe.

Das stelle ich mir nicht so ganz einfach vor, da Ihr Stil ja sehr fantasievoll und verdichtend ist. Hatte Jean-Pierre Filiu von Anfang an ein Gefühl für die Art und Weise, wie Sie Dinge grafisch umsetzen?

Das war ja genau das, was ihn interessiert hat. Ich hatte ihm gleich zu Beginn gesagt, dass ich kein realistisches Album machen werde. Realismus interessiert mich nicht. Meine Arbeit besteht darin, die Wirklichkeit in eine andere grafische Sprache zu übersetzen, die zu meiner Geschichte passt. Hier haben wir es mit einer historisch-politischen Geschichte zu tun, also musste ich einen Stil, eine Symbolsprache finden, der das aufgreift – über grafische Metaphern, Symbole, Karikaturen und all diese Mittel, die dafür zur Verfügung stehen. Jean-Pierre Filiu konnte mit dem, was ich ihm geschickt habe, auch sofort etwas anfangen. Es war ja genau das, was er am Comic so mag. Es gibt im zweiten Band etwa die Sequenz, als israelische Bürger nach dem Massaker von Sabra und Schatila im Libanon gegen ihre Regierung demonstrierten. Ich habe in der Szene jedem Demonstranten einen Kadaver an die Seite gestellt. Das fand Filiu als Symbol der Sympathiebekundung mit den Opfern beispielsweise besonders stark, auch weil es von dem Schwarz-Weiß-Bild, das zu den Verhältnissen im Nahen Osten, die die meisten im Kopf haben, wegführt.

In »Die besten Feinde« sind wie auch in Ihren anderen Arbeiten zahlreiche mythologische Erzählungen verarbeitet. Das Gilgamesch-Epos, die biblischen Erzählungen, die griechische Philosophie und vieles mehr. Woher kommt diese Faszination für die Mythologie.

Die habe ich, seit ich klein bin. Mein Bruder und ich waren begeistert von allem, was geheimnisvoll war. Unsere Eltern waren beide Kunstprofessoren, wir hatten also auch zahlreiche Bücher mit Illustrationen zu all diesen Dingen zu Hause. Für Kinder ist das großartig. Wir fanden die Monster und Geister aus den mythischen Geschichten in den Kunstbüchern wieder – bei den alten Griechen, auf babylonischen Reliefs oder in Museen. Das trojanische Pferd etwa wird im Louvre in einem Flachrelief aufgegriffen. Mir wurde nach und nach klar, dass diese Geschichten mehr sind als nur Märchen, dass sie eine Bedeutung tragen, die über meine kindliche Faszination hinausgingen. Diese Übertragungen sind ein fester Bestandteil der Geschichte, der Kunst, der Religion und der Moral.

Collage-FeindeZu Beginn des ersten Albums von »Die besten Feinde« haben Sie Gilgamesch und Enkidu Aussagen von George W. Bush und Donald Rumsfeld in den Mund gelegt. Glauben Sie, dass sich die Geschichte wiederholt?

Ich habe das Vorgehen der Amerikaner im Irak schon wie ein Echo der Geschichte aufgefasst, zumal das Gilgamesch-Epos ja auch im Irak verortet ist. Das fand ich schon irgendwie verrückt, ein Treppenwitz der Geschichte, zu dem es dann gut gepasst hat, Gilgamesch und Enkidu die Worte von Bush und Rumsfeld in den Mund zu legen. Das Gilgamesch-Epos ist in meinen Augen überaus wichtig, denn es ist das erste aufbewahrte Buch über die Menschheit, in dessen Erzählung eine philosophisch-moralische Dimension existiert. Diese Eingangsszene verdeutlicht die Bedeutung von Jean-Pierre Filiu für diese Arbeit, denn er hat diese ganzen Zitate ausfindig gemacht und mir zugearbeitet. Ich war beim Zeichnen dann ehrlich gesagt selbst ziemlich verblüfft über die Parallelität der Dinge: dass Gilgamesch und Enkidu mit der gleichen Vehemenz diese Bäume haben wollen, wie die Amerikaner das Öl im Nahen Osten. In beiden Fällen gab es die mahnenden Stimmen, die davor warnen, loszuziehen und alles kurz und klein zu schlagen. Und in beiden Fällen wurden sie fatalerweise ignoriert.

In den beiden Bänden gehen Sie auf zahlreiche Konflikte zwischen den Amerikanern und den Muslimen ein. Haben Sie dabei so etwas wie ein immer wiederkehrendes Muster entdecken können?

Die Grundregel besteht darin, dass die Amerikaner mit der allerersten Auseinandersetzung – die mit den muslimischen Piraten – für sich festgelegt haben, dass sie den Muslimen zeigen werden, wer der Chef im Ring ist: nämlich sie selbst. So wie vor kurzem Tripolis bombardiert wurde, um Gaddafi zu beseitigen, haben die Amerikaner das auch schon vor gut zweihundert Jahren gemacht. Die Mittel, mit denen die Konflikte ausgetragen werden, sind gleich geblieben, einzig ihre Schlagkraft hat sich im Laufe der Jahre geändert. Auch die Strategien wiederholen sich. Einer der Klassiker ist es, Aufstände und Palastrevolutionen zu unterstützen, wenn der aktuelle Staatschef als störend oder illoyal empfunden wird. Dabei konnten sich die Amerikaner sicher sein, irgendein unzufriedenes Familienmitglied oder einen untreuen Gefährte zu finden, dem man dabei unter die Arme greifen konnte. Nicht immer sind dann dabei die Hoffnungen der USA in Erfüllung gegangen. Dieses Muster des Putsches als politisches Mittel findet man bei der Machtergreifung des iranischen Schahs wieder, aber auch in Südamerika, etwa in Guatemala oder in Chile. Es spiegelt das typische Muster der amerikanischen Machtpolitik.

Tatsächlich habe ich die beiden Bände wie eine durchgehende Geschichte der Manipulationen und Einflussnahmen der Amerikaner auf die Staaten und Herrschaftshäuser im Nahen Osten gelesen.

Ja letztlich ist es auch genau das. Im zweiten Band treten zwar die machtpolitischen Fragen im Rahmen des Kalten Krieges in den Vordergrund, aber auch da waren die kleinen Machenschaften hinter den Kulissen der globalen Strategie entscheidend. Ebenfalls wird dort das Engagement der Amerikaner für den Staat Israel deutlich, wie es im Laufe der verschiedenen Kriege im 20. Jahrhundert gewachsen ist.

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Nach den ersten zwei Bänden, kommt die Frage vielleicht zu früh, aber wie lautet die Moral von der Geschichte?

Oh, die Moral, das ist eine schwierige Frage. Vielleicht liegt sie darin, dass es immer die kleinen Völker und Gemeinschaften sind, die den Kürzeren ziehen und verlieren, weil sie mal von der einen und dann von der anderen Seite instrumentalisiert werden und das klassische Bauernopfer der großen Politik sind. Ein weiteres Fazit, dass ich ziehe, lautet, dass man dem Frieden einfach keine Chance gibt. Vielleicht muss die Moral am Ende so lauten – so einfach, so katastrophal. So gab es im ersten Libanonkrieg zahlreiche Parteien, die sich bereit erklärten, bei Friedensverhandlungen zu vermitteln, darunter Frankreich, Ägypten, Tunesien und Algerien. Aber da das die Israelis (und mit ihnen die Amerikaner) partout nicht wollten, wurde immer weiter gekämpft und kam es zu immer mehr Toten. Im Irak das Gleiche: Die Amerikaner wollten unbedingt einmarschieren und Saddam Hussein beseitigen. Dann wussten sie nicht, wie sie die Kämpfe beenden und aus dem Irak wieder hinauskommen sollten. Und aktuell erleben wir, was für ein Chaos sie hinterlassen haben. Wir werden gerade Zeuge eines religiösen Konflikts zwischen Sunniten und Schiiten, der explodiert und Al Qaida – einer Organisation, die erst viele Jahre von den USA alimentiert wurde – eine neue Chance gibt, mit ihrem Terror Fuß zu fassen.

Der arabische Frühling, lässt er für die Region hoffen?

Ich bin kein Spezialist, aber ich glaube, er ist gescheitert. Jean-Pierre Filiu ist da der bessere Experte [Jean-Pierre Filieu, Cyrille Pommes: Der Arabische Frühling. Carlsen-Verlag]. Er ist sehr hoffnungsvoll, was die syrischen Rebellen betrifft, die von den USA, Großbritannien und Frankreich ja auch ganz gut ausgerüstet wurden.

Das zweite Album endet nach dem Libanonkrieg 1984. Sitzen Sie schon am dritten Band?

Ja, im dritten Teil wird es vor allem um die beiden Golfkriege gehen, aber bislang habe ich noch wenig gemacht. Aber mit der Bush-Ära und den Ereignissen rund um den Nahostkonflikt wird das noch einmal viel Arbeit. 

2 Gedanken zu “»Beim Zeichnen muss etwas Imaginäres entstehen«

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