Der König und sein Exil

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Bill Watterson, der Zeichner der weltberühmten Comicstrips von »Calvin & Hobbes«, wurde beim 41. Internationalen Comicfestival in Angoulême für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Damit ist er auch zum Jurypräsidenten des nächsten Festivals ernannt worden. Die internationale Comicwelt fragt sich, ob der publikumsscheue Autor den Posten antreten wird.

Der Amerikaner Bill Watterson, Autor der legendären Comicstrips von Calvin & Hobbes, wurde beim Comicfestival von Angoulême für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Der Carlsen-Verlag kann sich freuen, die Auszeichnung wird der im Herbst erschienenen Gesamtausgabe noch einmal einen zusätzlichen Schub geben.

Mit dem Preis hat Watterson auch den Vorsitz der Jury des nächsten Festivals inne. Ein Geheimnis war sein Triumph über die zwei anderen Finalisten Alan Moore und Katsuhiro Otomo zum Zeitpunkt der Bekanntgabe nicht mehr. Der französische Comicautor Lewis Trondheim (Donjon, Lapinot, Kosmonauten der Zukunft) verkündete schon während der Schlusszeremonie des Festivals auf seinem Twitter-Account, dass Bill Watterson als Träger des Großen Preises ein spektakuläres Festival in 2015 verspreche. Der Amerikaner Watterson, der Brite Moore sowie der Japaner Otomo waren kurz vor dem Festival aus der Liste der 25 Nominierten als potentielle Nachfolger des Vorjahressiegers, dem niederländischen Zeichner Willem, als Finalisten für den Großen Preis von Angoulême ausgewählt worden.

Die Ehre des Gewinners des Großen Preises von Angoulême, der nächsten Jury vorzusitzen, wird mehr und mehr zur belastenden Verpflichtung der Auszeichnung. Denn mit Bill Watterson soll nun ausgerechnet einer der publikumsscheusten unter den Comicautoren der nächsten Jury des kontaktfreudigen französischen Comicfestivals vorstehen. Ob er diese Funktion 2015 tatsächlich ausfüllen wird, wird wohl eines der Top-Themen der nächsten Monate in Comickreisen werden.

Der nicht minder publikumsscheue Brite Alan Moore, Autor des spektakulären Jack-the-Ripper-Comics From Hell, machte diesen Spekulationen schon am Tag vor der Preisverleihung ein Ende. Er gab gegenüber dem französischen Comicmagazin actuabd.fr bekannt, dass er, sollte man ihm den Preis zusprechen, diesen nicht annehmen würde. »Ich habe keine Lust, einen Preis mit derartigen Verpflichtungen anzunehmen. Ich reise nicht mehr und habe auch keinen Pass. Das meine ich nicht böse, aber mir reicht es, an meinen Projekten zu arbeiten«, erklärte er mit Bezug auf die Juryverpflichtung. Comicevents besucht der Brite schon eine Weile nicht mehr, selbst dann nicht, wenn es Preise gibt. Zur Verleihung des Max-und-Moritz-Preises für sein Lebenswerk 2008 in Erlangen reiste er beispielsweise gar nicht erst an.

Schon im vergangenen Jahr gab es ähnliche Stimmen. Damals forderte der französische Zeichner Manu Larcenet, dessen Comics Der alltägliche Kampf und Rückkehr aufs Land sowie Blast auch hierzulande viele begeistern, forderte seine Fans über seinen Blog auf, nicht für ihn zu stimmen, da er keine Lust auf den Stress als Jurypräsident habe.

Andere Autoren bekunden weniger direkt, dass ihnen der Job als Jurypräsident zu viel ist. Lewis Trondheim etwa teilte im vergangenen Jahr als nominierter Kandidat derart provokant gegen das Konzept des Festivals als Verkaufsmesse aus, dass allen Beteiligten völlig klar war, dass er keine Ambitionen für diesen Posten hatte.

In Angoulême kommt zu dem Aufwand des Kuratierens und Führens eines der wichtigsten Comicfestivals der Welt noch eine andere Herausforderung: die des Publikumskontakts. An vier Tagen im Jahr lebt das südwestfranzösische Städtchen für die Neunte Kunst. Hunderttausende strömen in die Stadt, pilgern von einer Veranstaltung zur nächsten: Signierstunde, Podiumsdiskussion, Signierstunde, Zeichenkurs, Signierstunde, Ausstellung und Signierstunde – so sehen die Angoulêmer Festtage des »Bédéphilen« normalerweise aus. Dazu kommt das Baden im regen Treiben der kleinen Ausstellungshallen – für die Fans ein Genuss, für viele Autoren eine Qual. Das Festival lebt von seiner unwahrscheinlichen Intimität in der französischen Kleinstadt sowie davon, dass es Stars zum Anfassen bietet. Da macht das Festival auch vor dem Jurypräsidenten keinen Halt.

Watterson und Moore sind beileibe nicht die einzigen, die gleichermaßen als publikumsscheu und genial in ihrer Zunft gelten. Zuweilen hat man das Gefühl, das eine bedingt das andere: So ist etwa von Zeichnern wie Chris Ware oder Blutch bekannt, dass sie ungern öffentlich auftreten.

Die Herausforderung der zu bewältigenden Arbeit als Jurypräsident sowie die Notwendigkeit, für die internetaffine Comicgemeinde ein Star zum Anfassen zu sein, macht es für das Festival in Angoulême immer schwieriger, den Großen Preis der Stadt zu vergeben. Wenn es hart auf hart kommt und Watterson den Preis nicht annimmt, muss sich das Festival im kommenden Jahr das erste Mal etwas Neues einfallen lassen.

Calvin und Hobbes GesamtausgabeBill Watterson: Calvin und Hobbes

Gesamtausgabe in 3 Bänden im Schuber

Carlsen Verlag 2013

1.440 Seiten. 99,- Euro

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Welches ist das Beste Album 2014? Wer hat den besten Klassiker herausgegeben und welcher Krimi in Text und Bild lohnt sich am meisten? Hier geht es zu den kommentierten Gewinnern des 41. Comicfestivals in Angoulême.

Ein Gedanke zu “Der König und sein Exil

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