»Ein Akt der seelischen Gewalt«

DSC_0284

Ein Gespräch mit dem Feuilletonchef der FAZ Patrick Bahners über das Kopftuch, falsche Integrationsthesen und die Folgen der gesellschaftlichen Säkularisierung. In seinem jüngsten Buch »Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam« setzt sich Bahners mit dem Phänomen der Islamkritik auseinander. Der Titel war für den Leipziger Buchpreis in der Kategorie Sachbuch nominiert.

Herr Bahners, Ihr Buch »Die Panikmacher« ist eine scharfe Kritik der Islamkritik. Warum war es notwendig, diese vorzunehmen?

Die Religionsfreiheit ist in Gefahr. Wenn Muslime heute eine Moschee in Deutschland bauen wollen, dann haben sie es mit Nachbarn zu tun, die davon überzeugt sind, dass ein solches Haus des Gebets ein Fremdkörper im sozialen Organismus sein muss, ein Versteck für Verfassungsfeinde und Brückenkopf des verdeckten Bürgerkrieges. Jedes Bauprojekt löst skeptische Anfragen der Anwohner aus, auch ein Supermarkt oder ein Fitnessstudio, und wenn im Neubau nicht verkauft oder trainiert, sondern gepredigt werden soll, dann richtet sich auf den Inhalt der Predigten eine ganz natürliche kritische Neugier. Aber es ist schon so weit gekommen, dass eine kritische Masse beunruhigter Bürger sich ihre Beunruhigung gar nicht mehr nehmen lassen will. Die Leute haben sich einreden lassen, dass Muslime gegenüber »Ungläubigen« im Zweifel die Unwahrheit sagen und dass der Imam, der sich ohne Vorbehalt zum Grundgesetz bekennt, besonders verdächtig ist. Diese Vergiftung der alltäglichen Kommunikation ist ein Erfolg der radikalen Islamkritik.

Sie werfen den »Panikmachern« vor, ihre Kritik am Islam schade dem Rechtsstaat. Zuvor konnten nicht wenige derer, die Sie jetzt kritisieren, ihre Thesen prominent in der FAZ, für die Sie arbeiten, verkünden. Was ist passiert, dass Sie nun die Autoren ihres Blattes angreifen?

Meine Einwände gegen Alice Schwarzers Forderung nach einem Kopftuchverbot für Schülerinnen oder meine Bedenken gegen Necla Keleks Ruf nach einer Religionspolizei mit säkularisierender Mission habe ich seit Jahren immer wieder in Artikeln in der F.A.Z. dargelegt. Die politische Wirkung der Islamkritik, wie sie sich in der Sarrazin-Affäre manifestiert hat, war dann der Grund, meine Kritik einmal im Zusammenhang zu entfalten. Islamkritiker werden auch künftig im Feuilleton der F.A.Z. zu Wort kommen.

Es ist eine illustre Gruppe, die Sie in Ihrem Buch zu den »Panikmachern« zählen: SPD-Mitglied Thilo Sarrazin zählt ebenso dazu wie Pax-Europa-Mitgründer Udo Ulfkotte. Mit der Atheistin Necla Kelek poltert der bekennende Katholik Matthias Matussek. Altkanzler Helmut Schmidt und Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck scheinen in die gleiche Kerbe zu schlagen wie Deutschlands Feministin Nr. 1 Alice Schwarzer und Euroislam-Verfechter Bassam Tibi. Was macht den typischen »Panikmacher« aus?

Gauck und Schmidt würde ich eher den verirrten Sympathisanten zuschlagen. Beide haben Solidarität mit Sarrazin geübt, aus einem Reflex heraus, ihm die Rolle des Unbequemen abzunehmen, der wegen des freimütigen Gebrauchs der Meinungsfreiheit von einem Kartell der Mächtigen gemaßregelt worden sei. Gegenüber all denen, die mit empirischen Argumenten Sarrazin geduldig widersprechen, lässt sich die Position, man könne ihm gar nichts entgegensetzen, nur mit gehöriger Herablassung durchhalten. Ein anti-elitäres Ressentiment findet in der Islamkritik ein Ventil, das man eher aus der amerikanischen politischen Öffentlichkeit kennt. Und seltsamerweise wird es auch von höchstplatzierten Insidern der politischen Führungsschicht wie dem früheren Bundeskanzler und dem Bundespräsidenten der Herzen artikuliert.

Gibt es bei der Islamkritik einen gemeinsamen Nenner?

Als Weltreligion mit missionarischem Selbstverständnis ruft der Islam seiner Natur nach Kritik hervor. Jeder Mensch, der die Botschaft des Propheten hört und ihre Wahrheit nicht bekennt, ist ein Islamkritiker – ich auch. In meinem Buch verwende ich den Begriff der Islamkritik in einem engeren Sinne, wie er sich im Meinungskampf der Gegenwart eingebürgert hat. Er bezeichnet dann eine Spielart der Ablehnung des Islams, die ihrerseits einen weltanschaulichen und sogar quasi-religiösen Charakter hat. Der Islam wird als apokalyptischer Widersacher, als Hauptfeind der freien Gesellschaften identifiziert – und zwar nicht nur der politische Islam von Ahmadinedschad und Bin Laden, die uns tatsächlich den Krieg erklärt haben, sondern auch die Volksreligion der Einwanderer. Die Muslime kommen als Eroberer: Das ist der Hauptsatz der Islamkritik, die als politische Bewegung den Widerstand des Westens gegen Überfremdung und Selbstaufgabe organisieren will. Thilo Sarrazin hat diesen Satz in seinem Interview mit Lettre International formuliert und Necla Kelek hat ihn in ihrem Buch »Die fremde Braut« geschmackloserweise ihrem kleinen Sohn in den Mund gelegt.

DSC_0884Sind diese Argumente aus der Luft gegriffen oder handelt es sich dabei eher um Umdeutungen der gesellschaftlichen Realität?

Die gesellschaftliche Realität von Eingliederungsschwierigkeiten muslimischer Zuwanderer mit niedrigem Bildungsstand wird umgedeutet im Sinne einer Theorie der islamischen Weltverschwörung, die alle Merkmale des »paranoiden Stils« des politischen Denkens zeigt, den der amerikanische Historiker Richard Hofstadter anhand der Beispiele des McCarthyismus und des Antikatholizismus definiert hat. Der Preis der schlichten Totalerklärung sind empirische Unwahrscheinlichkeiten und logische Brüche. Das ostentative Nichtlernenwollen eines Schülers in Berlin-Neukölln wird als Weltbürgerkriegshandlung gedeutet – nun, ein Dschihad mit so fußlahmen Truppen sollte uns keinen Schreck einjagen.

Provozieren diese »Panikmacher« eine Paranoia vor dem Islam oder bedienen sie sich einer vorhandenen Angst, wenn sie ihre islamophoben Thesen in die Welt setzen?

Man unterscheidet in der moralischen Psychologie gerne zwischen der Furcht, die sich auf eine definierte Gefahr konzentriert, und der diffusen Angst. Die eine möchte man für rational halten, die andere für irrational. In der Welt nach dem 11. September genügt diese Maxime nicht mehr. Die iranische Atomrüstung und die Anschlagsplanungen von Al Qaida müssen wir fürchten, und der politische Islam muss uns Angst machen. Mein Buch spielt entgegen den Behauptungen einiger Rezensenten diese Gefahren nicht herunter. Ganz im Gegenteil. Ich fürchte nur, dass die von der Islamkritik empfohlenen Gegenmittel wirkungslos und sogar gefährlich sind. Wenn der Historiker Hans-Ulrich Wehler den Islamismus die Pest des einundzwanzigsten Jahrhunderts nennt, ist das eine drastische Formulierung, die ihren Zweck als Alarmglocke tatsächlich erfüllen mag. Ich erlaube mir lediglich die Anmerkung, dass man die Pest nicht eindämmen wird, indem man alle Muslime in Deutschland unter Quarantäne stellt.

Die Islamkritik ist ein recht junges Phänomen und stößt immer wieder auf ein breites Echo in der Bevölkerung. Wie kommt das?

Für die historische Einordnung des Phänomens der Islamkritik ist wichtig, dass es ihre Thesen schon vor dem 11. September gab, als komplettes Paket, etwa im Programm christlicher Splitterparteien. Sie war aber ein Ladenhüter. Heute wirken ihre schlichten Erklärungen auf viele Leute überzeugend, aber dabei handelt es sich nur um eine vordergründige Plausibilität. Ein Grund der Anziehungskraft der Islamkritik ist die allgemeine Vertrauenskrise des politischen Systems. Sarrazin fand viel Zustimmung bei Zeitungslesern, die von Frau Merkel verlangten, sie hätte das Buch lesen müssen, bevor sie ein Urteil abgab. Viele dieser Sarrazin-Unterstützer legen Wert darauf, dass sie ihm in der Sache gar nicht zustimmen. Andererseits werden sie glauben, so ganz falsch liege Sarrazin in der Sache des Islam nun auch wieder nicht. Der Islam stört die säkulare Selbstzufriedenheit, ohne dass von ihm wie von früheren Herausforderungen des abgeklärten Konsenses – dem christlichen Sozialismus, der dialektischen Theologie oder dem Zionismus – eine moralische und intellektuelle Faszination ausginge. Er wird einfach nur als Störung empfunden, als Irritation.