Ermittlung mit Geschmack

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Die hier beschriebene Comic-Serie ist nichts für schwache Nerven. In der düsteren Halbwelt von »CHEW. Bulle mit Biss!« fließt Blut, es kommt zu Gewalt und Kraftausdrücken kann man nicht ausweichen. CHEW ist ein Actioncomic mit politischem Anspruch – und erreicht bei Jugendlichen vielleicht gerade deshalb mehr als ein Sachbuch zur Ernährungsethik.

Tony Chu ist ein hartnäckiger Ermittler, den so schnell nichts von seinem Weg abbringen kann. Als »Bulle mit Biss!« wird er daher auch im Untertitel der US-amerikanischen Comic-Reihe CHEW bezeichnet, in deren Mittelpunkt er steht. Diese Bezeichnung muss man durchaus direkt verstehen, denn Tony Chu ist ein Cibopath. Der lateinische Wortstamm cibo (dt. Tiere füttern) weist darauf hin, dass dieser Ermittler besondere alimentatorische Eigenschaften zu besitzen scheint – und dem ist auch so. Denn Tony Chu enthüllt in der Vergangenheit liegende Geheimnisse, indem er sich die Informationsträger auf der Zunge zergehen lässt. Einem Stück Pizza kann er entlocken, dass sein Belag aus den zusammengefegten Küchenresten besteht, dem Biss in einen Hamburger folgen Visionen zu den letzten Stunden der den Fleischbelag liefernden Kuh und ein zufälliger Blutstropfen auf seinen Lippen lässt Chu imaginieren, was seinem Besitzer in der nahen Vergangenheit widerfahren ist.

Lassen wir mal zur Seite, dass diese geistigen Visionen natürlich Unsinn sind – nicht wie Tony Chu gestrickte Menschen würden sich wohl mit einem solchen Talent als Sektenguru versuchen – ist die mehr oder minder logische Konsequenz einer solchen Fähigkeit, dass man fleischlastigen Speisen nicht allzu zugeneigt ist. Denn wer will schon bei jedem Bissen das Bolzenschussgerät vor dem inneren Auge sehen oder die Laufmesser einer Hühnerschlachtanlage auf sich zukommen sehen. Dementsprechend ist Tony Chu Vegetarier und Fragen rund um den Themenkomplex Ernährung spielen in den CHEW-Bänden eine prominente Rolle – und das passt wiederum zum Thema der aktuellen diesseits-Ausgabe.

CHEW. Bulle mit Biss feiert in den Vereinigten Staaten immense Erfolge. Die Serie gewann mit dem Eisner-Award den renommiertesten Comicpreis überhaupt, erhielt außerdem zwei Harvey-Awards, wurde von der New York Times auf Platz 1 der Comicbestseller gesetzt und von MTV zu einem der besten zehn Comics in 2009 gekürt. Dies ist insofern überraschend, als dass Jonathan Safran Foer zwar auch einige seiner Leser in den Staaten dazu gebracht hat, über ihre persönliche Haltung zum Fleischlichen nachzudenken, damit allerdings nicht einen solchen Trend ausgelöst hat, wie dies in Deutschland der Fall ist. Über die Erfolgsgeschichte der Serie gibt es nur Spekulationen, die auch das Autorenduo John Layman und Rob Guillory nicht erhellen kann. Autor John Layman ist es selbst ein Rätsel, warum ausgerechnet diese kriminalistische Hack- & Slash-Vegetarier-Satire derart einschlägt:

Frauen mögen CHEW. Typen, die Comics lesen, geben es ihren besseren Hälften, die normalerweise keine Comics lesen. Und umgekehrt das gleiche Spiel: Leuten, die keine eingefleischten Comic-Leser sind, wird CHEW als Beispiel eines zugänglichen Comics ans Herz gelegt.

Und auch Zeichner Rob Guillory kann sich den Erfolg nicht mit einer reproduzierbaren Formel erklären: »Wir hatten einfach den Schneid, ein großes Risiko einzugehen, indem wir eine originelle Geschichte erzählten, die mit nichts anderem auf dem Markt vergleichbar war. Es kam so, dass jener große Teil der Leserschaft, der CHEW dann begeistert aufnehmen sollte, vom Status Quo der Comiclandschaft gelangweilt und reif für was Neues war.«

Dieses Neue besteht in schnell geschnittenen Szenen in futuristischem Design – anders wäre diese Story auch nicht zu verkaufen. Denn wenngleich hier mit Massentierhaltung, Gammelfleisch, Vogelgrippe und Nahrungsmafia aktuelle Fragen um die Nahrungsmittel- (und insbesondere) die Fleischproduktion aufgegriffen werden, passen die Verhältnisse in CHEW nicht in diese Welt. Im ersten Teil, der den unzweideutigen Titel Leichenschmaus trägt, besteht ein weltweites Verbot von Hühnerfleisch. Schuld ist ein Nahrungsmittelskandal, der Millionen Todesopfer weltweit gefordert hat. Doch wo Verbote sind, sind diejenigen, die sie zu brechen suchen, nicht weit. Der illegale Handel mit Hühnerfleisch blüht, in Hinterzimmern von Restaurants, Clubs und Bars, in abseitigen Etablissements und an einschlägigen Treffpunkten werden für Hühnerkeulen und Hähnchenbrust gigantische Beträge gezahlt.