Die Dinge jenseits aller Politik und Gerechtigkeit

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Im November 2013 stellte Assaf Gavron in Deutschland seinen neuen Roman »Auf fremdem Land« vor. Darin erzählt er von der illegalen Siedlung Ma’aleh Chermesch im Westjordanland, in der sich die Interessen jüdischer Siedler und arabischen Einwohner, die Sicherheitsinteressen Israels und die Staatlichkeitsansprüche der Palästinenser, weltliche Politik und biblische Heilsversprechen überlagern. Nachfolgend wird der Einführungstext von Maria Hummitzsch zur von ihr moderierten Lesung aus Gavrons neuem Roman publiziert.

All zu gern werden Autoren als »vielseitig« und »umtriebig« beschrieben. Das Schöne ist, im Fall des israelischen Autors Assaf Gavron trifft beides auch wirklich zu. Assaf Gavron lebt in dem pulsierenden und liberalen Tel Aviv; in einem Land, in dem die Wahrscheinlichkeit eines Anschlags oder kriegerischen Konflikts wie ein dumpfes Hintergrundrauschen immerzu präsent ist. Zu seinem schriftstellerischen Werk gehören fünf Romane; drei davon  (Alles paletti; Ein schönes Attentat und Auf fremdem Land) sind im Luchterhand Literaturverlag in der Übersetzung von Barbara Linner erschienen.

Zudem ist Gavron Autor eines Erzählbands und zahlreicher Gastrokritiken. Er ist aber auch Übersetzer – und das, man ahnt es vielleicht, nicht gerade von kleinen Fischen der amerikanischen Gegenwartsliteratur, Jonathan Safran Foer, J.D. Salinger, Phillip Roth und Joanne K. Rowling stehen auf seiner Publikationsliste. Als Durchschnittsmensch wünscht man sich beinah, die Aufzählung seines Schaffens käme an dieser Stelle an ihr Ende – und wird enttäuscht. Weil Gavron es nicht beim Schreiben und Übersetzen belässt. Er ist Sänger und Songwriter der Band »The Mouth & Foot«, deren fünftes Album im Dezember 2013 erschienen ist; hat das Computerspiel »Peacemaker« mitentwickelt, das den Nahostkonflikt simuliert, und ganz nebenbei ist er auch Kapitän der israelischen Schriftsteller-Nationalmannschaft.

Assaf Gavron sagt gern von sich, er sei kein politischer Autor. Wenn man ihm dann aber vor Augen hält, dass seine Romane sich (auch!) um Selbstmordattentäter, das stets gegenwärtige Nahost-Problem der Wasserknappheit und nun in seinem aktuellen Roman Auf Fremdem Land um die jüdischen Siedlungen in der Westbank drehen, legt er den Kopf schief und grinst. Weil man über all diese Themen nicht schreiben kann, ohne ein waches politisches Bewusstsein zu verraten. Im Fall von Assaf Gavron kommt ein ungewöhnlich differenzierter Blick auf die vielen Positionen hinzu, die in seinem Land bezogen werden können – und bei aller Kritik des Terrors, eine große Empathie mit den Palästinensern.

Auf fremdem Land erzählt von der illegalen Siedlung Ma’aleh Chermesch im Westjordanland, die irgendwo hinter Jerusalem von Otniel Asis gegründet und provisorisch aus Wohnwagen errichtet wird. Irgendwann wird ein Stromgenerator geliefert, ein Kindergarten gebaut und eine Synagoge, dann kommen ein Wassertank und ein Wachturm hinzu – und ein Trupp Soldaten zum Schutz. An diesem Ort mit uneindeutigem Status überlagern sich die Interessen jüdischer Siedler und arabischen Einwohner, die Sicherheitsinteressen Israels und die Staatlichkeitsansprüche der PA, weltliche Politik, biblische Heilsversprechen und Rechtssysteme; es ist ein Ort, an dem »überhaupt nichts sicher war und nur wenige Dinge eine Logik hatten«, wie es auf Seite 474 des Romans heißt. Wie das graphisch aussieht, erfährt man über die eigens von ihm angefertigte Skizze am Ende des Buches. Und genau auf diesem Stück Land kreuzen sich die Wege seiner Figuren.

Wenn Assaf Gavron, der zu Recherchezwecken über mehrere Jahre an den Wochenenden in einer jüdischen Siedlung gewohnt hat, über das prekäre und aggressive Leben in den besetzten Gebieten erzählt, liegen Witz, Wut und Wahn nah beieinander, treffen empathische Innensicht und kritische Außensicht aufeinander. Man spürt seine Faszination für diese Gebiete, in denen es keine Gesetzte und demnach auch keine festen Rechte gibt; in denen Säkulare, Neo-Orthodoxe und Gemäßigte miteinander leben; in denen es hin und wieder zur Überschneidung von Interessen mit den palästinensischen Nachbarn kommt, wie beim Ölgeschäft, oder dann, wenn der Jude Roni über die Komplizenschaft mit einem palästinensischen Dorfbewohner über ihr beidseitiges Starren auf einen Frauenbusen feststellt: »Es gibt Dinge jenseits aller Politik und Gerechtigkeit«, heißt es zu Beginn des Romans.

Wenn Assaf Gavron, wie es oft der Fall ist, in Interviews gefragt wird, ob er einen Weg zum friedlichen Mit- oder Nebeneinander sieht und welcher das sein soll, so bezieht er Stellung und sagt, er selbst sei für die Errichtung zweier autonomer Staaten, was bedeutet, dass die israelische Regierung die Siedlungen räumen müsste, um die Westbank zurückzugeben.

Wenn man diese Frage dann geklärt hat, wird der Weg endlich frei für das Eigentliche. Für seine Literatur. Für seine Sprache. Für die Poesie seiner Bilder. Für Sätze wie: »Der Schabbat senkte sich über den Hügel wie ein Schleier auf die Schultern einer Braut, leise und luftig«. Dann kann man den politischen und juristischen Hintergrund der Siedlungen einen Augenblick lang hinter sich lassen; kurz die Räumungsfrage vergessen und den Figuren begegnen, sich auf ihre Nöte und Freuden einlassen; ihr Lieben begleiten und hören, wie sie sich fragen, muss man was machen, kämpfen und erobern, »hingehen und größere Ideale und größere Ziele suchen, nur weil die Alten einen Staat aufgebaut haben«?

042_87419_135868_xxlAssaf Gavron: Auf Fremdem Land

Aus dem Hebräischen von Barbara Linner

Luchterhand Verlag 2013

549 Seiten, 22,99 Euro.

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2 Gedanken zu “Die Dinge jenseits aller Politik und Gerechtigkeit

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