»Wir haben den Sinn für gemeinsames Handeln verloren«

Stephen-Emmott_9966

Der reinste Albtraum: Ein Planet mit zehn Milliarden Menschen. Der Klimaforscher Stephen Emmot glaubt, dass es keinen Ausweg mehr aus dem selbstgewählten Untergang gibt und schreibt dennoch dagegen an. Warum er das tut, erklärte er mir in Berlin.

Herr Emmott, in Ihrem Buch »Zehn Milliarden« machen Sie deutlich, dass wir uns den Boden unter den Füßen wegziehen, wenn wir nicht umgehend sorgsamer mit unseren Ressourcen umgehen. Ihre Erkenntnisse werden als »letzter Weckruf« beworben, weil Sie Perspektiven aufzeigen, wie eine rapide wachsende Weltbevölkerung bei schwindenden natürlichen Ressourcen langfristig auf diesem Planeten leben kann. Ist die Lage tatsächlich so schlimm?

Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich der letzte Weckruf ist. Darum ging es mir anfangs auch nicht. Ursprünglich wollte ich ein Manifest gegen die intellektuelle Bequemlichkeit und Selbstgefälligkeit in unseren Gesellschaften schreiben. Denn die Situation, in der wir uns befinden, ist doch folgende: Wir steuern sehenden Auges auf zahlreiche globale Probleme zu, von denen wir wissen, dass sie durch das rapide Wachstum der Weltbevölkerung verstärkt werden. Und dennoch tun wir als Gemeinschaft nichts, um diese Probleme anzugehen – schon gar nicht mit der Dringlichkeit, die die gegenwärtige Situation erfordert. Gegen diese Bequemlichkeit schreibe ich mit diesem Buch an. Ob das tatsächlich der »letzter Weckruf« ist, wird man sehen. Aber es spricht wenig dafür, dass die von mir aufgeworfenen Fragen demnächst ernsthaft diskutiert werden.

Sie gehen in Ihrem Buch dramaturgisch vor. Es gibt Seiten, auf denen steht nur ein Satz, andere sind bis zum Rand gefüllt. Was ist die Idee hinter diesem Konzept?

Ich habe im vergangenen Jahr eine Vorlesungsreihe gehalten, die quasi ein erster Entwurf für dieses Buch war. Dabei habe ich verschiedene dramaturgische und rhetorische Mittel angewandt. Ich habe beispielsweise Pausen gemacht oder einige Sekunden geschwiegen, um so Dinge zu betonen, die mir wichtig waren und meinen Zuhörern Zeit zu geben, einigen Fakten nachzuspüren oder sie sacken zu lassen. Um diese Dinge auch im Buch zu betonen, wollten mein Verleger und ich solche Mittel in gedruckter Form wiederfinden, weshalb wir mit der Typographie und dem Seitenaufbau gespielt haben. Manche mögen das, andere nicht, aber die Kritik, dass man nicht gegen Verschwendung andiskutieren könne, wenn man ein Buch so gestaltet, wie wir es gemacht haben, ist einfach absolut lächerlich. Unsere Probleme sind doch deutlich größer, als das mein Buch da überhaupt irgendwie ins Gewicht fallen würde. Über die eigentlichen Probleme und ihr komplexes Zusammenspiel möchte aber niemand sprechen. Ich wollte in diesem Buch die kritischen Aspekte in ihrer hohen Verbundenheit aufzeigen und zugleich dem Ottonormalverbraucher einen verständlichen Zugang zu dem Thema ermöglichen, um ein Nachdenken über unsere Verhaltensweisen und Debatten über notwendige Veränderungen anzustoßen.

Dann lassen Sie uns darüber sprechen. Sie thematisieren unter anderem die Auswirkungen der globalen Bevölkerungsexplosion auf Ressourcen wie Nahrung, Land oder Wasser. Was kommt da auf die Menschheit zu?

Um eines voranzustellen: Alle Probleme, die ich aufzeige – unser hoher Energieverbrauch, der Klimawandel, dessen schädliche Folgen für die Landwirtschaft und damit für die Produktion von Nahrungsmitteln, der Wassermangel, die unablässige Schädigung und Zerstörung unserer Ökosysteme durch Verbrauch und Verschmutzung – hängen zusammen und können nicht einzeln gelöst werden. Weil die Weltbevölkerung weiterhin rasant wächst, werden wir künftig mehr Energie, noch mehr Nahrungsmittel, mehr Agrarflächen und mehr Wasser benötigen als bislang. Es wird immer wieder behauptet, dass das Wachstum der Weltbevölkerung auf zehn Milliarden die Menschheit vor Probleme stellen wird. Ich sage, wir können die Zehn-Milliarden-Perspektive getrost vernachlässigen. Bereits mit den gegenwärtig etwas mehr als sieben Milliarden Menschen sind diese Probleme doch schon längst da. Das rasante Bevölkerungswachstum wird dazu führen, dass die Probleme noch schneller noch gravierender werden.

Für diese Ansichten werden sie von nicht wenigen kritisiert.

Es gibt einige Leute, die nicht wahrhaben wollen, dass wir ein grundsätzliches Ernährungsproblem haben. Die erklären dann, dass ich offenbar die grüne Revolution der 1960er Jahre verpasst habe, mit der die Anzahl der Hungerkatastrophen zurückgegangen ist. Für mich sind diese Argumente Zeichen intellektueller Faulheit. Natürlich habe ich registriert, dass die Hungerkatastrophen seit der grünen Revolution zurückgegangen sind. Aber wer sagt denn, dass die Entwicklung moderner landwirtschaftlicher Hochertragssorten und deren industrialisierter Anbau weltweit nicht die Ursache der zahlreichen Umweltschäden ist, mit denen wir heute zu kämpfen haben? Extreme Wetterereignisse im Rahmen des Klimawandels nehmen rapide zu. Die Qualität der Böden in Regionen mit dem stärksten Bevölkerungswachstum nimmt immer schneller ab. Die Gesamtfläche des kultivierbaren Lands weltweit schrumpft. Schon jetzt verschlingt die Landwirtschaft 70 Prozent des weltweiten Trinkwassers. Wollen wir künftig die Bedürfnisse einer wachsenden Weltbevölkerung auch nur ansatzweise im gleichen Maße erfüllen, müssten wir bis 2050 die landwirtschaftliche Produktion von Nahrungsmitteln jedoch verdoppeln. Wir haben aber keine weiteren 70 Prozent Trinkwasser. Und als wäre das nicht schon genug, hat die grüne Revolution eine Vielzahl an Monokulturen hervorgebracht, die überaus anfällig für Krankheiten und Schädlinge sind, die meist hochresistent gegen die herkömmlichen Schädlingsbekämpfungsmittel sind. Die Vorstellung, dass die grüne Revolution einfach so weitergehen und die Ernährungsfrage lösen wird, ist ein Hirngespinst.

Was heißt das perspektivisch? Müssen wir das Bevölkerungswachstum in den Griff bekommen, neue Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung einer wachsenden Weltbevölkerung suchen oder unsere Lebensweise radikal verändern?

Ich diskutiere in meinem Buch zwei Möglichkeiten, mit der Situation umzugehen. Die eine besteht darin, dass wir uns mithilfe neuer Technologien aus der Misere heraustüfteln, also auf Geoengineering und andere moderne Techniken setzen. Ich habe allerdings keine Belege dafür gefunden, dass wir bereit sind, das in dem Ausmaß zu machen, wie es angesichts der Lage notwendig wäre. Die andere Möglichkeit besteht darin, dass wir unsere Lebensweise verändern. Und wenn ich »wir« sage, dann meine ich unsere Spezies, die Menschheit, und nicht ein paar tausend Leute, die dazu übergehen, Elektroautos zu fahren. Wenngleich wir auch als Individuen kollektiv aktiv werden müssen. Wir müssen, jeder für sich und alle gemeinsam, dringend darüber nachdenken, wie wir unser gesamtes System und seine Funktionsweisen verändern können – politisch, ökonomisch und gesellschaftlich. Dieses Umdenken findet jedoch nicht statt und das ist fatal. Weder die Wirtschaft, noch die Politik und auch keiner von uns will sich soweit einschränken, wie es notwendig wäre.

Dies stellt natürlich auch die Marktgläubigkeit an ein permanentes Wachstum infrage.

Das ist richtig. Verrückterweise wird dieser Glauben momentan bestätigt, denn genau das passiert momentan: alles wächst. Aber das geschieht auf absolut untragbaren Grundlagen mit einem überaus schädlichen Ausgang. Was wir uns dabei immer vor Augen halten müssen: unser energieintensiver, ressourcenvernichtender Lebensstil ist zur globalen Blaupause geworden. Das Nachahmen dieses Lebensstils wird die bereits bestehenden Probleme noch einmal verschärfen und keines davon auch nur ansatzweise lösen. Aber wer will es den Menschen in den aufstrebenden Wirtschaftsnationen schon verdenken, dass diese genauso leben wollen wie wir?

Diese Hoffnung und die Notwendigkeit, unsere Lebensweise radikal zu verändern, sind schwer unter einen Hut zu bringen. Bei dieser Frage schwingt auch eine starke ethisch-moralische Komponente mit. Wir sind nicht in der Position, diesen Menschen das Recht auf ein Leben im Wohlstand abzusprechen. Und weitere drei Milliarden, die noch gar nicht geboren sind, wollen ebenfalls Wohlstand genießen. Diesen gordischen Knoten zu lösen, erfordert eine Art und Weise der Debatte, wie ich sie nirgendwo auf der Welt erkennen kann.

Sie sprechen hier von ernsthaften und problembewussten Diskussionen? Sehen Sie dafür nicht einmal Ansätze?

Nein, leider nicht. Solche Debatten müssten bei den G8- und G20-Treffen oder beim Weltklimagipfel stattfinden. Ich kann mich nicht erinnern, dass diese Gipfel dafür genutzt würden. Stattdessen müssen wir auf dreißig Jahre Worte ohne Taten zurückblicken und haben wahrscheinliche weitere solcher Jahrzehnte vor uns.

Mir scheint die Lösung der ethisch-moralischen Komponente entscheidend. Was schlagen sie also vor?

Dieses Problem ist zu komplex für einfache Antworten. Menschen mögen einfache Antworten und Lösungen, aber das wird der Wirklichkeit nicht gerecht wird. Zu viele Dinge spielen in eine ernsthafte Lösung dieser hochkomplexen Frage hinein: die Wirtschaft, die Globalisierung, das Individualverhalten der Menschen, der Verbrauch von Ressourcen – all diese Themen sind für sich schon kompliziert. In ihrer Verbundenheit verbieten sich dann einfache Antworten.

Der Verbrauch der Ressourcen durch die Menschheit steigt in einem höheren Ausmaß als die Weltbevölkerung. Woran liegt das?

Dies liegt vor allem am globalen Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens, was bei dem Einzelnen zur Tendenz führt, mehr zu konsumieren. Zum Beispiel ist die Nachfrage nach Fleisch deutlich gestiegen. Fleisch ist in seiner Produktion jedoch alles andere als ressourcenschonend. Weltweit steigt auch die Nachfrage nach Luxusartikeln, die alle mehr Energie benötigen.

Süßwasser ist eine der wichtigsten Ressourcen. In Ihrem Buch sprechen Sie von dem Konzept des »virtuellen Wassers«. Was hat es damit auf sich?

Über dieses Konzept wird viel zu selten gesprochen, dabei ist es entscheidend, wenn wir über unseren Lebensstil nachdenken. Es geht dabei um das Wasser, was zur Herstellung von Konsumgütern benötigt wird, aber im Produktionsprozess verschwindet. Mir war es wichtig, dieses Thema hervorzuheben. Wenn wir allein 3.000 Liter Wasser benötigen, um einen einzigen Burger zu produzieren, dann ist das doch eine Tatsache, die nicht nur bemerkenswert, sondern auch bedenkenswert ist. Das meiste von dem Wasser geht bei der Fleischproduktion verloren, durch Bewässerung und Verdunstung auf landwirtschaftlichen Flächen.

Eine aktuelle Studie amerikanischer Wissenschaftler zeigt auf, dass virtuelles Wasser eine der Hauptursachen für das Problem des sinkenden Grundwasserspiegels ist und bis 2050 der wichtigste Grund für Störungen im internationalen Handel sein könnte, weil einige Länder einfach nicht genug Wasser haben werden, um mit anderen Staaten mithalten zu können.

Nicht zu vergessen die Tatsache, dass der Transfer von Wasser in wasserarme Regionen nur sehr schwer umzusetzen ist, in diesen Gebieten aber zugleich die am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppen leben.

Sie sprechen hier einen wichtigen Punkt an. In den am stärksten bevölkerten Regionen sind die zu bewältigenden Herausforderungen, etwa was extreme Wetterereignisse, Wassermangel, Umweltverschmutzung und Bodendegradation betrifft, am höchsten. Die ärmsten Staaten werden am stärksten von den absehbaren Veränderungen unseres Ökosystems betroffen sein. Es werden aber auch die Wohlstandsstaaten nicht verschont bleiben. Teile von Frankreich, Spanien, Italien oder den USA werden zunehmend mit ähnlichen Problemen konfrontiert sein.

Glauben Sie, dass es Menschen schwerfällt, zu akzeptieren, dass Dinge begrenzt sind?

Ich vermute, dass Menschen bereit sind, kleine persönliche Einschränkungen hinzunehmen. Die Kenntnis des eigenen ökologischen Fußabdrucks beeinflusst zweifellos das Verhalten der Menschen. Und auch der Umstieg auf Elektroautos, das Recyceln von Papier und Kunststoff – Menschen sind bereit, das zu tun. Aber diese gut gemeinten Gesten sind keine adäquaten Lösungen für das Problem, vor dem die Menschheit im globalen Maßstab steht.

Die Verweigerung, etwas zu ändern, beginnt meist auf der individuellen Ebene und dem Zweifel, allein etwas ausrichten zu können.

Weil wir in einer individualistischen Konsumgesellschaft leben, meint der Einzelne, er könne nicht mehr tun, als den eigenen Konsum zu reduzieren. Mein Eindruck ist, dass wir unseren Sinn für gemeinsames Handeln verloren haben. Wir haben verlernt, darüber nachzudenken, wie wir gemeinsam leben wollen. Aber dieses gemeinsame Nachdenken über das Miteinander, diese Kernaufgabe des politischen Diskurses, findet nicht mehr statt.

Ich war von ihrem »rationalistisch-pessimistischen« Blick auf technische Lösungen überrascht. Sie kommen ja selbst aus einer technikaffinen Umgebung. Woher also dieses Skepsis?

Ich habe versucht, Belege dafür zu finden, dass wir uns aus den Problemen, vor denen wir stehen, heraustechnologisieren könnten und schlichtweg keine gefunden. Selbst wenn die technischen Möglichkeiten, die derzeit diskutiert werden, machbar wären, bräuchten wir umgehend ein weltweites Umsetzungsprogramm. Ich kann hier keine Bemühungen erkennen. Was das Geoengineering betrifft, fehlen sogar Belege, dass es so funktioniert, wie man es sich erhofft. Ich sage nicht, dass man nicht weiter nach technischen Lösungen suchen sollte, aber darin die Lösung zu sehen, halte ich für zu weit gesprungen. Darüber hinaus halte ich gar nichts von der Annahme, dass sich die Menschheit schon als clever genug erweisen wird, um rechtzeitig die richtigen Maßnahmen zu finden. Technik hat uns in diese Probleme hineingeführt. Sie wird meines Erachtens nicht das ideale Mittel sein, uns wieder aus diesen Problemen herauszuholen.

Die Lösung liegt also im politischen Diskurs?

Zugegebenermaßen ist Politik heute vor allem von kurzfristigen nationalen Wachstumsbestrebungen geprägt. Ich warne daher vor allzu viel Optimismus. Eine sinnvolle Perspektive scheint mir aber der Blick auf die Generationen nach uns zu sein, der aktuell die Debatten über die öffentliche Verschuldung von Staaten prägt. Immer wieder fällt in dieser Diskussion der Satz, dass die Staatsschulden den Kindern und Enkelkindern nicht zumutbar seien. Ich frage mich, warum dieser Satz nicht im Zusammenhang mit dem riesengroßen Experiment fällt, das wir aktuell mit unserer Erde durchführen. Es kann doch niemand verneinen, dass wir mit einer Klimakrise konfrontiert sind, dass es im globalen Maßstab beträchtliche Engpässe in der Nahrungsmittel- und Trinkwasserversorgung gibt. Ich denke, wir brauchen wieder Politiker mit Visionen und großen Ideen, um diese Fragen zu lösen.

42385Stephen Emmott: Zehn Milliarden

Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger

Suhrkamp Verlag 2013

205 Seiten. 14,95 Euro

Hier bestellen