Trügerische Erinnerungen

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Julian Barnes erzählt in seinem mit dem Booker Prize ausgezeichneten Roman »Vom Ende einer Geschichte« auf faszinierende Weise, was es heißt, von der eigenen Lebensgeschichte eingeholt zu werden.

»Wie oft erzählen wir uns unsere eigene Lebensgeschichte? Wie oft rücken wir sie zurecht, schmücken sie aus, nehmen verstohlene Schnitte vor. Und je länger das Leben andauert, desto weniger Menschen gibt es, die unsere Darstellung infrage stellen, uns daran erinnern können, dass unser Leben nicht unser Leben ist, sondern nur die Geschichte, die wir über unser Leben erzählt haben. Anderen, aber – vor allem – uns selbst erzählt haben.«

Diese Erkenntnis beschleicht Tony Webster, den Erzähler in Julian Barnes Roman Vom Ende einer Geschichte, nachdem er seinen Lesern auf mehr als 150 Seiten seine eigene Lebensgeschichte erzählt hat. Diese Eingebung ist durchaus auch als Warnung an den Leser zu verstehen, diesem Erzähler mit einem gesunden Misstrauen zu begegnen. Ohne Anlass ist dies nicht, denn Websters Bericht hat an dieser Stelle bereits die eine oder andere Richtungsänderung erfahren. Seine Erinnerungen sind so subjektiv wie es persönliche Rückblicke nur sein können. Dass Erinnerungen nicht unbedingt etwas mit historischer Wahrheit zu tun haben, davon erzählt der britische Schriftsteller Julian Barnes in seinem mit dem Booker Prize ausgezeichneten Roman.

Julian Barnes und der Booker Prize – diese Paarung ist ebenso eine Geschichte für sich wie die Paarung Philip Roth und der Literaturnobelpreis. Dreimal schon stand Barnes auf der Shortlist für den wichtigsten britischen Literaturpreis. Sein postmoderner Roman Flauberts Papagei, der ihn schlagartig weltberühmt machte, unterlag 1984 Anita Brookners Roman Hotel du Lac. 1998 scheiterte sein satirischer Science-Fiction-Roman England, England an der Konkurrenz von Ian McEwans Amsterdam und 2005 stand einem Triumph mit seinem Arthur-Conan-Doyle-Roman Arthur & George am Ende John Banvilles Eloge Die See im Weg.

Ernsthaftigkeit ist das Erste, woran Tony Webster denken muss, wenn er sich an »den Neuen« Adrian Finn erinnert. Eine Ernsthaftigkeit, die ihm bis dahin unbekannt war: »Wir waren grundsätzlich auf Verarschung aus, außer wenn es uns ernst war. Ihm war es grundsätzlich ernst, außer wenn er auf Verarsche aus war.« Dieser neue Schüler sorgte mit seinen intelligenten und hintergründigen Kommentaren zu den verschiedensten Themen für Aufsehen – sowohl bei Schülern als auch bei Lehrern. Adrian Finn wurde schnell Teil von Tonys Clique. Gemeinsam mit Alex und Colin verlebten die vier eine Jugend, die den Leser an die Welt von Peter Weirs Club der toten Dichter erinnert. Jugendliche Wildheit und Naivität paarte sich mit der schier unbändigen Neugier der Clique auf die Welt, die zunächst jedoch nur durch die Lektüre vermeintlich kluger Bücher und nicht durch die eigene Erfahrung in die Köpfe der jungen Männer drang. Mit dem Tod eines Mitschülers erfuhr die gut behütete College-Atmosphäre einen Riss. Obwohl die Schule die Geschichte einer psychischen Labilität des Schülers verbreitete, hielt sich zunächst das Gerücht, eine heimliche Beziehung und eine ungewollte Schwangerschaft hätten den jungen Robson zu einer Verzweiflungstat greifen lassen. Doch diese Version geriet in Vergessenheit. Jahre später, so erinnert sich Tony, habe Adrian dieses Ereignis noch einmal in Erinnerung gerufen: Als der Geschichtslehrer der Schule gefragt habe, was man denn in seinem Unterricht gelernt habe, soll Adrian ihm entgegnet haben: »Geschichte ist die Gewissheit, die dort entsteht, wo die Unvollkommenheiten der Erinnerung auf die Unzulänglichkeiten der Dokumentation treffen.«

Unvollkommen sind auch die Erinnerungen des Ich-Erzählers Tony Webster an seine Jugend, die den ersten Teil dieses Romans prägen. Zwar betont Webster dies auch permanent, aber wirklich elementar scheint dies nicht zu sein, denn seine Jugend klingt wie jede andere britische Jugend in den Sechzigern und Siebzigern. Nach dem College trennten sich die Wege der vier Freunde. Tony lernte an der Universität in Bristol Veronica Ford kennen, die sich zwar von ihm »anwanzen« ließ, ihren Körper jedoch so streng hütete »wie eine Fischereisperrzone«. Zweifelsohne hatten sich dabei einige Enttäuschungen angehäuft: Von der monatelangen Ablehnung körperlicher Zärtlichkeiten bis hin zu einem ziemlich verkorksten Wochenende bei Veronicas Eltern breitet Webster dem Leser die Misere dieser unerfüllten Beziehung aus. Irgendwann kam es zur Trennung und einige Monate später bandelte Veronica mit Tonys Freund Adrian an. Es kommt zum Bruch zwischen Tony und Adrian. Ein paar weitere Monate später wird Adrian tot in der Badewanne gefunden, die Pulsadern säuberlich durchtrennt.

Jahrzehnte später erreicht Tony der Brief einer Notarin, in dem ihm mitgeteilt wird, dass er von Veronicas Mutter das Tagebuch seines alten Schulfreunds Adrian sowie 500 Pfund vererbt bekommt. Doch dieses Tagebuch hat Veronica, und sie will es nicht herausrücken. Tony erzählt nun von seinen Bemühungen, an das Tagebuch zu kommen, wühlt in seinen lückenhaften Erinnerungen und bereut, dass er über zahlreiche Dokumente, an die er sich zwar genau zu erinnern meint, sie aber gern noch einmal konsultieren würde, nicht mehr verfügt. Und dem Leser schwant langsam, dass Adrian Finns Deutung von Geschichte als Resultat der unvollkommenen Erinnerung, die aufgrund unzulänglicher Dokumentation nicht gerade gerückt werden kann, der Leitfaden ist, der sich durch diese Erzählung zieht.

Was nun einsetzt, ist ein spannender Konflikt zwischen dem Autor dieser Geschichte und ihrem Erzähler. Denn während Tony Webster den Leser immer wieder direkt anspricht, um ihn nicht allzu misstrauisch gegenüber seiner Geschichte werden zu lassen, hat Julian Barnes in seinem Roman immer wieder Warnungen gestreut, auf diesen Erzähler nicht hereinzufallen. Versucht Webster den Leser auf seine Seite zu ziehen, indem er sich ihm menschelnd anschleicht, will Barnes ihn wachrütteln mit ganz unromanesken Hinweisen zur Funktionalität von Romanen. In diesen Momenten flackert kurz die Frage auf, wer hier eigentlich mit dem Leser spricht – der Erzähler oder der Autor. Es sind solche Feinheiten, die Barnes Roman so lesenswert machen. Er schärft in diesen Momenten den Blick des Lesers für die sich ihm darbietende Welt.

Neben diesen Konflikt zwischen Autor und Erzähler tritt der zwischen Tony Webster und Veronica Ford um das Tagebuch des Freundes. Doch statt dem Tagebuch bekommt Tony nur einzeln kopierte Seite und einen Brief, den er Adrian aus Anlass der Liaison mit Veronica geschrieben hatte. Die Lebensgeschichte von Tony Webster, die wir bisher gehört haben, zerfällt, denn der unvollkommenen Erinnerung werden nun korrigierende Dokumente gegenübergestellt. Und der Leser ist in Echtzeit dabei, wie das errichtete Gebäude eines Lebens Stein für Stein zusammenbricht. Wie Barnes dies auflöst, liest sich so spannend wie ein Krimi.

»Wenn wir jung sind, erfinden wir verschiedene Zukünfte für uns selbst; wenn wir alt sind, erfinden wir verschiedene Vergangenheiten für andere.« Und für uns selbst, ist man geneigt, nach der Lektüre dieses mitreißenden Romans zu ergänzen, denn genau davon handelt er. Was es heißt, von der eigenen Geschichte eingeholt zu werden, erzählt Vom Ende einer Geschichte. Wie unter dem Deckmantel der Mythenbildung und Verschleierung ein Vulkan brodeln und eines Tages explosionsartig ausbrechen kann, dessen blubbernde Lava alles Imaginierte unter sich begräbt und nur die graue Wahrheit zurücklässt.

9783462044331Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte

Aus dem Englischen von Gertraude Krueger

Kiepenheuer & Witsch 2011

192 Seiten. 18,99 Euro

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2 Gedanken zu “Trügerische Erinnerungen

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