Faktenreiche Sprechblasen

Titelbild

Diese Kritik kann man an dem Comic Das Überleben der Spezies des belgischen Wirtschaftskolumnisten Paul Jorion und des französischen Zeichners Grégory Maklès nicht übern. Ihre »kritische, aber nicht ganz hoffnungslose Betrachtung des Kapitalismus« ist eine glänzende Aufarbeitung der Finanzkrise und ihrer Folgen in Comicform. Vom Text-Bild-Verhältnis über die perfekte Bildsprache bis hin zur Übertragung der hochkomplexen wirtschaftstheoretischen Fakten in allgemein verständliche Informationshäppchen passt in dieser Einführung in die kapitalistische Logik und ihre Abgründe einfach alles.

Im Zentrum steht dabei die Untersuchung der Rollen von Arbeitnehmer, Boss und Kapitalist, die – ein jeder in seiner Rolle – dazu beitragen, dass das kapitalistische System wie durch Zauberhand erhalten bleibt. Der angestellte Ottonormalverbraucher ist dabei so austauschbar, wie die Legofigur, als die er dargestellt wird. Seine Anliegen werden zwischen den Eigeninteressen seines Bosses (der einem nordafrikanischen Militär ähnelt) und der Raffgier des fröhlich-selbstzufriedenem Geldgebers in Zylinder und Dreiteiler aufgerieben.

© 2012 Futuropolis et Arte Éditions

© 2012 Futuropolis et Arte Éditions

Dem ausgebeuteten Tor zur Seite stehen ein linker Journalist, der Opfer eines tragischen Unfalls wird, sowie der Kapitalistenerbe Johann-Eduard, der seine ständige Kritik am Kapitalismus schließlich mit einer Umerziehung à la Clockwork Orange bezahlen muss. Orchestriert wird diese gezeichnete Soap-Opera von dem geheimnisvollen Fabuloux, der als magischer Soziopath bei der Bank »Gloldman Sax« mit waghalsigen Finanzprodukten spekuliert und eingangs vor Gericht sein Handeln mit dem Motto »TDS – Tod den Schwachen« rechtfertigt.

Jorion und Maklès wollen in ihrem Comic nicht einfach nur eine Geschichte des Kapitalismus erzählen, sondern sie haben eine echte Story, anhand der sie diese Geschichte ausführen. Das ist der große Unterschied zum Economix-Comic, der im Vergleich dann doch etwas zu brav die Geschichte der Weltwirtschaft erzählt.

Der Wechsel von der Faktionalität zur Fiktionalität des frankobelgischen Autorenteams verschafft ihnen die Freiheit, um das Medium Comic vollends zu nutzen. Von der ersten bis zur letzten Seite finden Sie für die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen die richtige (Bild)Sprache. Der steinzeitliche Befehl »Ey Ranran, schieb deinen Hintern rüber« könnte direkt vor dem Satz »Wir sind Kapitalisten. Wenn es Arbeit zu tun gibt, finden wir jemanden, der sie für uns erledigt« stehen, und dieser wiederum direkt vor der Erkenntnis des Arbeiters »Wenn man sieht, was man sieht, und hört, was man hört, hat man allen Grund zu denken, was man denkt«.

Jorion und Maklès entlarven durch kongeniale Assoziationen die Rollen- und Verhaltensweisen des Menschen im Kapitalismus und zeigen, was die Finanzwelt im Innersten zusammenhält. Die kapitalistische Logik ist eine darwinistische Spielart unseres Wirtschaftssystems, bei der nur einer gewinnen kann. Denn »ein Spiel, bei dem alle gewinnen, wäre schließlich nicht sonderlich unterhaltsam, oder?»

WEB_Cover_UeberlebenPaul Jorion, Grégory Maklès: Das Überleben der Spezies. Eine kritische, aber nicht ganz hoffnungslose Betrachtung des Kapitalismus

Egmont Graphic Novel 2014

120 Seiten. 24,99 Euro

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Eine kürzere Fassung dieses Textes erschien im Berliner Stadtmagazin TIP, Ausgabe 01/2015.