Alle Artikel mit dem Schlagwort: Joe Sacco

Mütterchen Russlands eiskalte Hand

Eigentlich wollte der sardische Comiczeichner Igort gerade mit seinem vierten Japan-Album »Kokoro« für Furore sorgen. Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg, den Wladimir Putin in der Ukraine führt, rückt zwei ältere Alben von ihm aber in den Vordergrund.

Der Zeichner als Reporter

Mit dem Aufschwung der Neunten Kunst ist ein totgeglaubtes Subgenre wiederbelebt worden, dass den herkömmlichen Journalismus herausfordert. Gemeint ist der »Comic Journalism«, der meist in Form der visuellen Reportage daherkommt. Wenn »Zeichner als Reporter« aktiv sind, kann viel passieren, wie ein Blick auf verschiedene Arbeiten zeigt.

Zum Fraß vorgeworfen

Joe Sacco hat sich mit zahlreichen Krisenreportagen einen Ruf als Comicreporter erarbeitet. Zuletzt hat er mit seinem Weltkriegsleporello Geschichte erfahrbar gemacht. In seinem neuesten Werk verarbeitet er im Underground-Stil die moralischen Verfehlungen der Machtpolitik der USA. »BUMF Vol. 1. I buggered the Kaiser« ist DER Comic zum US-Folterbericht.

Faktenreiche Sprechblasen

Der Comicmarkt in Deutschland differenziert sich zunehmend aus. Neben den Serien und Fortsetzungsgeschichten, Crime- und Horrorcomics, SciFi-Sagas und Funny-Tales, Comicreportagen und »Graphic Novels« entsteht mit dem Sachcomic ein neues Genre an den Rändern der Neunten Kunst. Es ist der leichteren Vermittlung komplexer Sachverhalte gewidmet. Das geht jedoch nicht immer gut.

Ein zeichnender Reporter

Joe Sacco reist seit Jahren in die Krisenherde der Welt, um als Comicjournalist vom Schicksal der Menschen zu berichten. Mit »Der Erste Weltkrieg. Die Schlacht an der Somme« hat er ein historisches Panorama vorgelegt, das die Materialschlacht sichtbar macht und zeigt, wie sich das Individuum in der Masse auflöst.

Kein richtiges Leben im falschen

Mit »Stuck Rubber Baby« kann das Opus Magnum des amerikanischen Comiczeichners Howard Cruse nun wiederentdeckt werden. Darin arbeitet er die Verfolgung von Schwarzen und Homosexuellen im Amerika der 1960er Jahre auf.

Es ist selten der Fall, dass sich ein Leser nach der Lektüre eines Comics fragt, was er denn eigentlich schon wisse von all dem, was er da gerade erfahren hat. Howard Cruse versetzt seine Leser mit seinem monumentalen Comic »Stuck Rubber Baby« in diese Lage. Er lässt darin sein Alter Ego Toland Polk auf die Ereignisse in der kleinen amerikanischen Stadt Clayfield Anfang der 1960er Jahre zurückblicken. Seine Leser bekommen so ein Bild des damaligen Amerika, wie es die meisten schon vergessen haben, geprägt von Rassenhass und Gewalt.

Howard Cruse verarbeitet in »Stuck Rubber Baby« seine Erinnerungen an seine Studentenzeit im vom Fremdenhass zerrissenen Birmingham (Alabama), wo Rassisten und Bürgerrechtler immer wieder gewaltsam zusammenstießen. Von diesen bürgerkriegsähnlichen Konfrontationen, dem alltäglichen, strukturellen Rassenhass, der Untergrundbewegung zur Unterstützung der schwarzen Bewegung sowie dem homosexuellen Amerika erzählt Cruse in seinem Comic. Dabei basieren die Entwicklungen und Eruptionen in seiner Erzählung auf tatsächlichen Ereignissen, was die Lektüre umso interessanter und lehrreicher macht.

Im Mittelpunkt der comicalen Erzählung steht Toland Polk, der auf seiner Erfahrungen als junger weißer Student, der seine Rolle im Leben noch sucht, zurückblickt. Bereits der erste Satz seiner Rückschau zieht den Leser tief in die amerikanische Wirklichkeit der Kennedy-Jahre: »Wenn ich zurückblicke, dann waren es gar nicht so viele Tote, die ich während meiner Jugend im Süden gesehen habe, aber ich habe keinen von ihnen jemals vergessen können.« Dieser Satz steht zwischen zwei Bildern, die das damalige Amerika geprägt haben, von denen aber nur eines in den meisten Köpfen geblieben ist – das der vor dem Weißen Haus winkenden Kennedys. Die brennenden Busse im Hintergrund der unter Polizeischuss für die Rassentrennung demonstrierenden Südstaatler – das dunkle Amerika, wenn man so will – haben inzwischen viele vergessen. Dabei liegen diese Zustände gerade einmal 50 Jahre zurück.

Wer nun meint, Howard Cruse widmet diesem dunklen Amerika einen mehr als 200 Seiten umfassenden Comic, der täuscht sich. Cruse’ Comic ist seinem Alter Ego und dessen bürgerrechtsengagiertem Freundeskreis gewidmet. Der Rassenhass bildet lediglich den historischen Rahmen, in dem sich Toland Polks Erinnerungen bewegen. »Stuck Rubber Baby« erzählt aber nicht nur die Geschichte des Kampfes für eine Aufhebung der Rassentrennung, sondern die der Liberalisierung einer Gesellschaft, der Befreiung aus dem konservativ-republikanischen Südstaatenmuff. Denn Cruse führt über seinen Antihelden Toland Polk, der im Laufe der Erzählung seine Homosexualität entdeckt, zwei große Themen zusammen: Rassismus und Homophobie. In der Schwulenszene kulminiert der Wunsch nach Freiheit und Liberalismus und findet Ausdruck in einem toleranten und offenen Miteinander. Was heute amerikanische Normalität ist, war vor 50 Jahren oft nur in Bürgerrechtskreisen und schwulen Bars möglich.

Als Cruse’s Comic nach vier Jahren Arbeit 1995 in Amerika erschien (in Deutschland wurde der Comic 1996 bei Carlsen unter dem Titel »Am Rande des Himmels« erstmals publiziert), war er seiner Zeit weit voraus. Zu schwer lagen beide Themen im Magen der amerikanischen und westlichen Gesellschaft. Die Rezeption des Comics, welches von der Kritik auf eine Stufe mit Art Spiegelmans »Mouse« gestellt wurde und die wichtigsten Comic-Preise gewann, war verhalten. Inzwischen sind aber 15 Jahre ins Land gegangen. Während Howard Cruse in Amerika die Underground-Comix-Szene mit Anthologien wie »Gay-Comics« geprägt und die LGBT-Bewegung in beeindruckender Weise geprägt hat, hat hierzulande Ralf König einiges dazu beigetragen, dass das Thema Homosexualität seinen festen Platz in der Comicszene und gesellschaftliche Toleranz errungen hat. »Stuck Rubber Baby« kann nun also unter anderen Vorzeichen wiederentdeckt werden. Es lohnt sich.

Cruse erzählt darin in atmosphärisch dichten Bildern von den Ängsten und Träumen einer Generation, die von einer neuen, gerechteren, liberaleren, freien Gesellschaft träumt. Einer Generation, in der jeder den american dream nicht nur träumen, sondern auch leben kann. In diesem Umfeld bewegt sich Toland Polk, wenngleich er nicht aktiv daran teilnimmt. Schon deshalb eignet er sich nicht zum Helden, sondern ist eher ein Antiheld, ein amerikanischer Jedermann, der seinen Weg finden, mit dem Großen und Ganzen aber möglichst wenig zu tun haben will. Eher unfreiwillig wird er über seine Jugendliebe Ginger in die Szene der Aktivisten gezogen. Dieses Umfeld ist von einem inneren Enthusiasmus angetrieben, weil sie an eine bessere Gesellschaft glauben.

Dreh- und Angelpunkt der schwarzen Befreiungsbewegung waren die Babtistengemeinden in ganz Amerika – deren Bedeutung für die Bewegung hier deutlich wird – weil sie den Bürgerrechtlern Obhut, Aktionsraum, Rückzug und Schutz boten. Ein Schutz, der notwendig war, denn der Ku-Klux-Klan griff immer wieder Schwarze an und bedrohte sie, während Polizei, Politik und Bürgertum sich beim Wegschauen übertrafen.

Toland Polk wird erst dann Teil des Ganzen, als er seine eigene Homosexualität entdeckt und sich plötzlich auf der Seite derjenigen wiederfindet, die für ein freies Leben kämpfen müssen. Und dies wird schnell konkret, denn als er gerade seine ersten Gehversuche in der homosexuellen Community startet, kommt es zur Katastrophe. Bei einem Anschlag auf eine Schwulenbar sterben mehrere Menschen. Toland Polk spürt, dass auch er Ziel dieses Anschlags war, er sich nicht mehr neutral verhalten kann, sondern eine Position im großen amerikanischen Spiel einnehmen muss.

Cruse erzählt dies alles in sorgfältig, bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Bildern. Es sind die kleinen Dinge in seiner graphischen Erzählung, die mehr erzählen, als jedes Geschichtsbuch. Sie transportieren Stimmungen und Emotionen, erzählen von der beklemmenden Atmosphäre des rassengetrennten amerikanischen Alltags und dem bürgerlichen Terror gegen alles, was fremd ist. Cruse erzählt aber auch vom Stolz, Mut und Enthusiasmus der Bürgerrechtsbewegung, die sich selbst nicht geschont hat, um ein liberales Amerika Wirklichkeit werden zu lassen. Das Leben in Amerika der 1960er Jahre steigt aus jedem einzelnen Panel auch deshalb auf, weil Cruse die amerikanische Wirklichkeit originalgetreu abbildet – was die Mode betrifft, die Architektur, die Technik und die Verhaltensweisen der Menschen. Und nicht zuletzt der bunten amerikanischen Gesellschaft gibt Howard Cruse hier ein Bild – in detaillierten Schraffuren und Punkten, die Hautfarben und -schattierungen sichtbar machen. Unermesslich, wie viele Stunden Cruse allein dafür an machen Panels gesessen haben muss.

»Stuck Rubber Baby« ist ein Panoptikum der Kennedy-Jahre – nicht zuletzt auch deshalb, weil Cruse neben seinem Alter Ego Toland auch zahlreiche andere Personen zu Wort kommen und ihrer Eindrücke und Perspektiven schildern lässt. Die Art und Weise, wie Cruse diese vielen Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammenfügt, erinnert an die graphischen Reportagen eines Joe Sacco. Sein zeichnerischer Stil ist hingegen am ehesten mit Robert Crumbs fleischiger, runder Welt zu vergleichen.

Howard Cruse hat das Dokument einer doppelten Befreiung geschaffen – der Befreiung einer einzelnen Person und der Befreiung einer ganzen Nation von den selbst angelegten Ketten. Dieser Comic führt seinen Lesern eindrucksvoll die beklemmende Atmosphäre eines Amerikas vor Augen, welches angesichts der heutigen Normalität mit farbigen und homosexuellen Spitzenpolitikern durchaus in Vergessenheit geraten kann. Rassismus und Homophobie haben den gleichen Ursprung – der Angst vor dem Fremden. Deutlich wird dies noch heute bei so manchem Hardliner der Tea Party Bewegung – auch deshalb hat Howard Cruse’ Comic nichts an Aktualität verloren.

»Es gibt kein richtiges Leben im falschen.« Von der Bedeutung des wohl berühmtesten Satzes des deutschen Philosophen Theodor W. Adorno erzählt »Stuck Rubber Baby« – eindrucksvoll und nachhaltig.

Fußnoten des Grauens

Aufklärerisch, vielschichtig, parteiisch: Comicautor Joe Sacco arbeitet in seiner eindrucksvollen Nahost-Reportage »Footnotes in Gaza« ein dunkles Kapitel der israelisch-palästinensischen Geschichte auf. In Kürze soll der Band auf Deutsch erscheinen.

Beredte Skizzen von Nahost

Der Kanadier Guy Delisle hat mit seinen »Aufzeichnungen aus Jerusalem« den wichtigsten Europäischen Comicpreis gewonnen. Einmal mehr beweist er darin, dass er mit seinen gezeichneten Alltagsbeobachtungen eine Gesellschaft besser versteht als so mancher Soziologe mit Studien und Befragungen.