Paul Gauguin und der Sehnsuchtsort Südsee

Paul Gauguin
Aha oe feii?, 1892
Eh quoi! tu es jalouse?
Wie! Du bist eifersüchtig?
Öl auf Leinwand, 66 x 89 cm
Staatliches Museum für Bildende Künste A.S. Puschkin, Moskau
Foto: © Staatliches Museum für Bildenden Künste A.S. Puschkin, Moskau

Nachdem vor zwölf Jahren in Paris die größte Werkschau von Paul Gauguin seit 1949 gezeigt wurde, präsentiert die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel noch bis Ende Juni nun eine etwas kleinere Retrospektive des Werks eines der wichtigsten Wegbereiter der klassischen Moderne.

Im nasskalten Spätherbst 2003 reihten sich vor dem Grand Palais in Paris die Interessierten an Paul Gauguins Tahiti-Bildern geduldig über hunderte Meter in Schlangenlinien ein, um in die Schau mit über 90 Gemälden und 30 Plastiken zu kommen. Auch der Autor stand sich über zwei Stunden lang die Beine in den Bauch, um Meter für Meter den heiligen Hallen näher zu kommen, in denen die seit 1949 größte Gauguin-Ausstellung zu Gast war, nachdem sie in Boston debütierte. Gut zehn Jahre später wird so manchen Besucher im kleinen Dorf Riehen bei Basel ein déjà vu-Erlebnis beschleichen. Die renommierte Fondation Beyeler zeigt in den von Renzo Piano in die idyllische Landschaft gezauberten Hallen über fünfzig Meisterwerke aus dem fliegenden Atelier des europamüden Weltenwanderers Paul Gauguin. Die Schau ist die kleine Schwester der Pariser Retrospektive. Das ist deshalb beachtlich, weil Gauguins Werk über die ganze Welt verstreut ist. Sechs Jahre Vorbereitung hat es gebraucht, um die nun ausgestellten Werke aus dreizehn Ländern aus den Sammlungen großer Häuser und von Privatiers für diese Schau zu lösen. Wesentlich Neues wird dabei nicht gezeigt, Gauguins Kunst ist erschlossen und hinreichend gedeutet. Auch diesmal ordnet sich das Werk um die Zyklen seiner beiden Südsee-Aufenthalte an, was – wie schon anno 2003 in Paris – die Massen anzieht. Die Menschen schieben sich fast durch die weiten Räume des Hauses, bereits vor Abschluss der Halbzeit der Werkschau wurde die einhunderttausendste Besucherin begrüßt.

Die Inaugenscheinnahme dieses außerordentlichen Werkes lohnt aber allein wegen der Gegenüberstellung des verstreuten Ganzen, weil die Verhältnisse und Beziehungen zwischen den Bildern nie besser sichtbar werden, als in der Werkschau. Paul Gauguin gehört zu den Granden der Klassischen Moderne. Vincent van Gogh (mit dem er sich zunächst in einer Künstler-WG zusammentat, um sich dann zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn zu entzweien), Paul Cézanne und Camille Pissaro gehörten zu seinen Weggefährten, in seinen Gemälden sieht man Bezüge zu Edgar Dégas, Sandro Botticelli und Lucas Cranach, aber auch zur altägyptischen Malerei oder der buddhistischen Tempelkultur. Und ohne seinen kühnen Umgang mit Farben und Formen, das Aufbrechen des Impressionismus zugunsten von Emotionen und Stimmungen, wäre die Kunst von Ernst Ludwig Kirchner, Henri Matisse oder Pablo Picasso undenkbar.

Vor allem seine innere Unruhe, die ihn einem Kolumbus gleich nahezu alle Meere und Ecken der Welt haben bereisen lassen, wird in seiner zeitkritischen Kunst sichtbar. Diese Unruhe scheint ihm in die Wiege gelegt. Als Sohn eines exilierten französischen Journalisten wuchs er in Perus Hauptstadt Lima auf, bevor er als Heranwachsender der Marine diente und mehrmals den Atlantischen Ozean überquerte, bevor er überhaupt den ersten Pinselstrich tat. Erst im Alter von 34 Jahren beschließt er, die Künstlerlaufbahn einzuschlagen. Er trennt sich von seiner ersten Frau und den Kindern und gründet in der Bretagne eine Künstlerkolonie. Als Herzstück und Kopf der »Schule von Pont-Avenue« fand Gauguin in der rauen nordfranzösischen Landschaft seinen Stil, der ihn bekannt machen sollte. Die stark kontrastierende und konturierende Verwendung von leuchtenden, reinen Farben, die das Bild in seiner Flächigkeit ausweiten, wird als Synthetismus in die Kunstgeschichte eingehen. Er ist das Brückenstück zwischen Impressionismus und Expressionismus. Kaum ein Werk macht dies so deutlich wie das von Paul Gauguin.

Paul Gauguin, 1891

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Paul Gauguin, 1891 Foto: akg-images

Zugleich suchte der Franzose in seinen Bildern nach einer tieferen Wahrheit unter der Oberfläche seiner Landschaftsidyllen und Heiligenbilder. Es ist, als würde er die Fläche weiten, um Platz zu schaffen für die Tiefe. Die felsige bretonische Landschaft hat ihren Teil dazu beigetragen: »Ich liebe die Bretagne, ich finde hier Wildnis und Primitivität. Wenn meine Holzschuhe auf dem Granitboden klingen, höre ich den dumpfen, eingehüllten, mächtigen Ton, den ich in meinen Bildern suche.« Dieser Ton ist dabei durchaus musikalisch und nicht ausschließlich in Bezug auf die Farbgebung zu verstehen, denn Gauguin stellte an seine Kunst den Anspruch, alle Sinne zu umfassen. »Die Malerei ist die Schönste aller Künste; sie ist die Summe allen Fühlens.« An anderer Stelle heißt es: »Der Musiker ist privilegiert. Töne, Harmonien – und sonst nichts. Er hält sich in einer Sonderwelt auf. Daran sollte auch die Malerei Anteil haben. Als Schwester der Musik lebt sie von Formen und Farben.« Dieser Aspekt wurde auf kluge und zeitgemäße Weise in die Ausstellung eingebunden, indem bekannte Persönlichkeiten und Besucher mehrere Playlists zusammengestellt haben, die unter #GauguinSounds auf der Ausstellungswebsite angehört werden können.

Überhaupt ist die Einbindung moderner museumspädagogischer Mittel in dieser Schau vorbildlich gelöst. Vom kindgerechten Audioguide (der auch jedes Erwachsenenherz erfreut) über den die Ausstellung abschließenden Lebensstrahl bis hin zur interaktiven Weltkarte, auf der sämtliche Reisen Gauguins in chronologischer Reihenfolge nachgezeichnet werden und die eine beeindruckende Bewegungslandkarte ans Tageslicht bringt, lässt die Ausstellung in dieser Hinsicht keine Wünsche offen. Vielmehr noch setzt sie Maßstäbe über die Schweizer Landesgrenzen hinaus.

Der rastlose Weltbürger Gauguin begegnet dem Besucher bereits im zweiten Raum der Ausstellung. Hier befindet sich eines der schönsten und symbolischsten Bilder dieser Werkschau. Bonjour Monsieur Gauguin von 1889 ist ein außergewöhnliches Selbstporträt, das den Künstler vor einem verschlossenen Gartentor zeigt, während sich am Himmel im Hintergrund ein Unwetter zusammenzuziehen scheint. Dort kräuseln sich die Wolken wie auf dem Gemälde Sternennacht von Vincent van Gogh. Die Anspielung auf den Impressionismus ist unübersehbar, zugleich aber will dieser Künstler hier weiter. Bereit weiterzuwandern steht er vor dem Gartentor. Ob die Frau, von der wir nur die Rückansicht geboten bekommen, das Tor öffnen will oder den Zutritt verweigert, bleibt der Entscheidung des Betrachters überlassen. Lässt dieser seinen Blick schweifen hin zur Landschaft jenseits des Gartens der Fondation Beyeler, dann kann er sich denken, dass hier niemand ankommt, sondern Abschied nimmt. Abschied von der Gesellschaft, die ihn nicht will und in der er nicht das findet, was er sucht.