Mehr als ein Kunstsalon

Portrait von Paul Cassirer von Leopold Karl Walter Graf von Kalckreuth | wikimedia commons

Im Kunstsalon Cassirer ging es nicht einfach nur um Kunst, es ging um viel mehr. Die Debatten und Kontroversen um die Ausstellungen machen deutlich, dass sie als Gradmesser für die Weltoffenheit des wilhelminischen deutschen Bürgertums herangezogen werden müssen.

Wenn der Begriff Sisyphusarbeit in der digitalisierten Google-Algorithmus-Moderne überhaupt noch eine Relevanz besitzt, dann in dem, was Bernhard Echte und Walter Feilchenfeldt in den vergangenen Jahren geleistet haben. Mit der Ausdauer des griechischen Helden haben sie in mühsamer Kleinarbeit die nach 1933 zum Großteil verloren gegangene Galeriegeschichte des Kunstsalons Cassirer aus Zeitungs- und Kunstarchiven gehoben und präsentieren, man mag es angesichts dieses Umfangs kaum glauben, den ersten Teil ihrer umwerfenden Dokumentation eines der wohl faszinierendsten Stücke deutscher Kulturgeschichte im 20. Jahrhundert.

Auf gut 1.250 Seiten bieten sie in zwei reich illustrierten Bänden (insgesamt über 1.100 Abbildungen) sämtliche Informationen zu allen 59 Ausstellungen, die in der Kunsthandlung Paul Cassirer zwischen 1898 und 1905 stattgefunden haben. Da die Galerie-Archive seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen sind, ist die dichte Ausstellungsgeschichte überhaupt nur noch über die Berichterstattung in der vielfältigen Berliner Presselandschaft nachvollziehbar. Diese haben Echte und Feilchenfeldt nicht nur zu Zwecken der Rekonstruktion aufgewühlt und durchpflügt, sie haben sie selbst zum Teil ihrer Dokumentation gemacht. Dies eröffnet dem von den recherchierten Fakten in den Bann genommenen Leser nicht nur das Begreifen der kunsthistorischen Revolution, die sich in Cassirers Salon vollzogen hat, sondern er kann sogleich die Rezeption des Salons und seiner gesellschaftlichen Wirkung nachvollziehen. Die Debatten und Kontroversen um die Cassirerschen Schauen, die sich durch sämtliche Gazetten der Zeit ziehen, machen deutlich, dass die Präsentationen in der Berliner Viktoriastraße 35 nicht nur eine Schule des Betrachtens für jeden Besucher darstellten, sondern zugleich auch als Maßstab der wachsenden Weltoffenheit des Berliner Bürgertums herangezogen werden konnten. Hier ging es nicht einfach nur um Kunst, hier ging es um ein liberales und tolerantes, dem Leben zugewandtes Welt- und Menschenbild.

Dass dies vor allem Paul Cassirer nicht Unrecht gewesen sein konnte, machte der Historiker und Berlinchronist Karl Scheffler in seinem Nachruf auf den 1926 freiwillig aus dem Leben geschiedenen Kunsthändler deutlich. »Paul Cassirer hat darunter gelitten, dass er, der Genosse von rein Geistigen, in dem verhältnismäßig engen und sozial nicht eben bevorzugten Beruf des Kunsthändlers gebannt geblieben ist.« Cassirer wollte immer mehr als nur Kunsthändler sein – und war es schließlich auch. Er war der Rufer in der Wüste, der dem piefigen Berliner Kleinbürgertum die weite Welt der zu dieser Zeit ebenso grandiosen wie blühenden europäischen Kunst eröffnete. Keine Geringeren als Lucas Cranach, Francisco de Goya, Eugène Delacroix, Edgar Degas, Éduard Manet, Claude Monet, Camille Pissaro, Paul Cézanne, Vincent van Gogh, Lovis Corinth, Max Liebermann, Max Slevogt, Walter Leistikov, Edvard Munch, Heinrich Zille und Georg Kolbe, um nur einige zu nennen, wurden in der Kunsthandlung Cassirer ausgestellt und verkauft.

Berlin war zu keinem Zeitpunkt ein solcher Magnet für Kunst und Schöngeistiges gewesen wie zu der von Bruno und Paul Cassirer. Ohne die beiden Vettern hätte die moderne Kunst kaum Einzug ins verpiefte Deutschland erhalten. Hätte man diese Behauptung vor der Lektüre der Pionierarbeit von Bernhard Echte und Walter Feilchenfeldt möglicherweise noch als kühn oder anmaßend kritisiert, erhält sie mit Kenntnis dieses Kunst- und Medienspektakels eine geradezu unumstößliche Gewissheit. Über die Viktoriastraße 35 fuhr die Moderne in Berlin ein. Mit diesen prächtigen Bänden kann man diese spektakuläre Einfahrt nun erstmals detailliert nachvollziehen.

In den kommenden Wochen erscheinen Band drei und vier schon jetzt als kulturgeschichtliches Standardwerk einzuordnenden Cassirer-Arbeit von Bernhard Echte und Walter Feilchenfeldt, die sich an Umfang, Tiefgang, Detailverliebtheit und Vielfalt jedem Vergleich entzieht. Kunstliebhaber und -adepten dürfen sich schon jetzt darauf freuen.

Schuber-3-CMYKBernhard Echte, Walter Feilchenfeldt: Kunstsalon Cassirer. Die Ausstellungen 1898 – 1905

Nimbus Verlag 2011

1.254 S. 98,- Euro

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2 Gedanken zu “Mehr als ein Kunstsalon

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