Literatur, Roman

Danish Dynamite

© Thomas Hummitzsch

In Zeiten von Netflix & Co. hat der epische Roman an Leserschaft verloren. Die dänischen Autorinnen Solvej Balle und Asta Olivia Nordenhof beweisen mit ihren seriell angelegten Werken, dass weltsprengende Großromane immer noch möglich sind.

«Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen», räumt Marcel Prousts Alter Ego ein, bevor er auf mehreren tausend Seiten die Vergangenheit in unwillkürlichen Erinnerungen heraufbeschwört. «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» ist das monumentalste Romanwerk des 20. Jahrhunderts, ein Sittenbild seiner Zeit und ein umfassendes Gesellschaftspanorama in sieben Teilen.

Proust’s fiktionale Autobiografie war im 20. Jahrhundert immer wieder Vorbild für monumentale Romanprojekte. Man denke nur an Werke wie Robert Musils «Der Mann ohne Eigenschaften», Thomas Manns Tetralogie über «Joseph und seine Brüder» oder Isabel Allendes «Geisterhaus»-Trilogie. Während diese mehrbändigen Prosawerke zu Klassikern avanciert sind, haben in den vergangenen Jahren vor allem jüngere Romanreihen wie Elena Ferrantes neapolitanische Saga «Meine geniale Freundin», Karl-Ove Knausgårds «Min Kamp»-Romane oder Jon Fosses metaphysische «Heptalogie» für Aufsehen gesorgt.

Der Erfolg dieser epischen Literaturprojekte täuscht, der Trend geht in eine andere Richtung. Kurze und konzentrierte Romane wie Dorothee Elmigers mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten «Die Holländerinnen» oder Katerina Poladjans mit dem Preis der Leipziger Buchmesse prämierten «Goldstrand» haben es bei Publikum und Kritik momentan leichter als monumentale Erzählungen.

Was vermuten lässt, dass sich die allgemeine soziale Beschleunigung auch auf die Literatur auszuwirken beginnt. Gründe dafür gibt es viele, neben der Qualität der Romane sind hier sicher auch Verlags- und Verkaufslogiken zu berücksichtigen. Vor allem aber hat sich etwas bei den Leserinnen und Lesern verändert. Algorithmen haben die Belohnungssysteme gekapert, die in immer kürzeren Abständen nach neuen Impulsen verlangen. Würde man sich heute auf die «Suche nach der verlorenen Zeit» begeben, müsste man sich ins digitale Nirvana von TikTok, YouTube und Co. begeben, nicht in einen Roman.

Wie man in Zeiten schwindender Aufmerksamkeit und zunehmender Ablenkung erfolgreich große Romanprojekte umsetzen kann, zeigen die dänischen Autorinnen Solvej Balle und Asta Olivia Nordenhof. Mit ihren jeweils auf sieben Bänden angelegten Romanreihen eifern sie nicht nur Proust nach, sondern heben die Gesetze der Markt- und Aufmerksamkeitsökonomie ein stückweit aus den Angeln.

Solvej Balle erzählt in »Über die Berechnung des Rauminhalts« im Stil einer klassischen Fortsetzungs­geschichte davon, was vom Menschen eigentlich bleibt, wenn die Zeit zum Stehen kommt. Mit jedem Band nehmen die Handlungs­möglichkeiten ihrer Protagonistin, aber auch die existenziellen Fragen an die Welt zu.

Asta Olivia Nordenhof wiederum setzt ihre «»Scandinavian Star«»-Serie über die zerstörerischen Kräfte des Kapitalismus aus verschiedenen Geschichten zusammen. Dabei wirken die jeweils eigen­ständigen Romane wie Teile einer Collage, deren Zusammen­hänge vermutlich erst am Ende auszumachen sind.

Für das Republik-Magazin habe ich die beiden Werke genauer unter die Lupe genommen.

Roman oder Serie?
Romanserie!

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