Der Botschafter der Eleganz

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Starlets wie Marlene Dietrich und Audrey Hepburn gerieten eher zufällig vor seine Linse, Künstler wie Marc Chagall, Pablo Picasso oder Joseph Beuys ließen sich von ihm ins rechte Licht setzen. Der deutsche Fotograf Willy Maywald brachte mit seinen Bildern das mondäne französische Leben ins Nachkriegsdeutschland. Das Museum für Fotografie zeigt noch bis Anfang August eine Retrospektive.

Willy Maywald hätte nicht in die Welt ziehen müssen, um ihr zu begegnen, denn Anfang des 20. Jahrhunderts kam die Welt zu ihm. Seine Eltern führten in der niederrheinischen Kleinstadt Kleve das renommierte Grand Hotel Maywald, wer etwas auf sich hielt, der kehrte dort ein. Den 1907 geborenen Kosmopoliten hielt das nicht in der kleinbürgerlichen Umgebung; über die Kunsthochschulen in Köln und Krefeld ging er nach Berlin, um dort einzutauchen in die künstlerische Avantgarde. Im Fotoatelier Binder auf dem Kurfürstendamm fand er Ansichtsmaterial, um schließlich selbst loszuziehen durch die kleinen Theaterbühnen und Varietés, Hinterhofkinos und Schwulenbars der Stadt.

Hier legte er die Grundlagen für seine fotografischen Ausflüge durch die Pariser Bars und Cafés, von denen er zwischen 1932 und 1940 noch unzählige machen sollte. In der französischen Hauptstadt fand er seine Wahlheimat, schon zwei Jahre nach seinem Umzug von Berlin nach Paris eröffnete er sein schnell bekanntes Studio May-Wa im Künstler- und Schriftstellerviertel Montparnasse. Hier sollte er in den folgenden Jahren Aufnahmen von Simone de Beauvoir, Jacques Prévert, James Baldwin oder William Somerset Maugham machen. Die Vorkriegsjahre waren seine große Zeit der ungestellten Porträtfotografie, die in dieser Form nicht mehr wiederkommen sollte. Zugleich waren diese Jahre der Anfang einer unvergleichlichen Karriere als Porträtist der künstlerischen Avantgarde, insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg.

Bevor der Krieg Europa in ein Flammen- und Trümmermeer verwandelte, empfing Paris noch 1937 die Weltausstellung. Für Maywald bot sich die Gelegenheit seiner Hinwendung zur Architekturfotografie. Er bannte die Zeichen der Zeit, die sich auch in der Architektur wiederfanden, auf Zelluloid. Neben den letzten Ausläufern der Bauhausarchitektur in der Ausführung des Pressepavillons ragen auf seinen Bildern die monströsen Bauten der totalitären und autoritären Staaten auf, die mit ihren fallenden Linien und kippenden Perspektiven die Welt am Rande des Abgrunds zeigen.

In diesen Abgrund stürzte auch Willy Maywald. Als deutscher Staatsbürger geriet er in Verdacht, das Hitlerregime zu unterstützen, er wurde in einem Arbeitslager interniert. Von dort floh er in die südfranzösische Künstlerkolonie Cagnes-sur-Mer, wo er einige Monate handgefertigte Bastschuhe und Modeaccessoires verkaufte. In dieser Zeit fotografierte er auch Monets verwunschenen Garten in Giverny; ein Blick auf dieses Foto lässt den Betrachter eintauchen in eine Traumwelt zwischen Gemälde und Wirklichkeit.

Im September 1942 gelangte Maywald ungesehen in die Schweiz, wo er über Umwege in Winterthur unterkam. Dort nahm er sein Fotografenhandwerk wieder auf. Unzählige seiner Bilder zeigen das kulturelle Leben in Zürich und Ascona, dessen Protagonisten ähnlich entrückt wirken wie die einigermaßen heile Schweizer Welt inmitten der europäischen Apokalypse. Zugleich deutet sich in den Aufnahmen von Persönlichkeiten wie Marie-Therese Pinto, Erika Schneyer und Chicchio Haller bereits Willy Maywalds Gabe zur Inszenierung an, die er später als Modefotograf perfektionieren sollte.

Willy Maywald: Nico, um 1960

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Willy Maywald: Nico, um 1960. © Association Willy Maywald / VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Nach dem Krieg besuchte der Fotograf mit der Kamera im Anschlag seine Heimat, das elterliche Hotel fand er nur noch in Ruinen wieder. Maywald kehrte zurück nach Paris und verfolgte seine Karriere als Modefotograf und Porträtist der Avantgarde weiter. Schon vor dem Krieg hatte er den jungen Christian Dior kennengelernt, bis zu seinem Tod sollte Maywald der Haus- und Hoffotograf des Modezaren werden. Seine klug belichteten Aufnahmen der verschwenderischen Kollektionen Diors stellten einen wichtigen Baustein bei dessen Durchbruch in der Modewelt dar. Mit jeder weiteren Dior-Kollektion wurde auch der junge deutsche Fotograf mutiger in der Inszenierung der Modelle. Er verließ mit ihnen das Studio und ließ sie in einen Dialog mit den modernen Pariser Straßenkulissen oder den klassischen Statuen in den großen Museen der Stadt treten. Nach Diors Tod 1957 fotografierte der Deutsche auch für dessen Nachfolger Yves Saint-Laurent sowie für andere Pariser Modeschöpfer wie Jacques Griffe, Pierre Balmain oder Jacques Fath. Die im Museum für Fotografie ausgestellten Abzüge zeigen deutlich seine spektakuläre Inszenierung der Mode: Sich kreuzende Linien, aufeinander prallende Formen und kontrastierende Schlagschatten werden zur erzählenden Kulisse der Mode, die Fotografie zum Bildroman par excellence.

Diese Nähe zur Modewelt ermöglichte es Willy Maywald, das schrille Paralleluniversum am Rande der Modenschauen und Defilees einzufangen. Hollywood-Größen wie Marlene Dietrich, Humphrey Bogart, Lauren Bacall und Audrey Hepburn lichtete er am Rande einer Anprobe bei Dior ab. Andere wie Vivian Leigh, Maria Casarès oder Katharine Hepburn fotografierte er in ruhigeren Momenten, abseits des Trubels. Dabei fing er die Persönlichkeiten hinter den künstlichen Fassaden ein. Katharine Hepburn zeigt er geschlossen, nachdenklich und in sich gekehrt, abseits der Welt der medialen Aufmerksamkeit. Von der deutschen Punk-Sängerin Nico, die in Frankreich als Model groß herauskam, nahm er hingegen ein kokettes Porträt auf. Der Föhn, den er einsetzte, um ihre Haare wild wehen zu lassen, ist am Bildrand noch zu sehen.

In diesem Einfangen des Wesentlichen liegt die Stärke seiner Porträtfotografie, die sich vor allem in den zahlreichen Künstlerporträts spiegelt, die Willy Maywald nach dem Zweiten Weltkrieg in Paris und im Süden Frankreichs gemacht hat. Eine Bildikone ist etwa sein Porträt von Fernand Léger, der, umrahmt von den Leinwänden seiner Serie Les Constructeurs, aus diesen Bilderwelten geradezu hervorzugehen scheint. Wir treffen auf Henri Matisse in seinem Garten in Vence, auf Pablo Picasso in seinen Häusern in Golfe-Juan und Vallauris oder auf Hans Arp in seinem Atelier. Jean Cocteau neben einem ausgedienten Karussellpferd. Die Liste der porträtierten Künstler lässt sich noch um zahlreiche Namen fortsetzen: Ossip Zadkine, Le Corbusier, Tamara de Lempicka, Hans Hartung, Marc Chagall, Pierre Soulages, Alexander Calder, Yves Klein oder Joseph Beuys – es gibt kaum eine Größe in der bildenden Kunst seiner Zeit, die nicht von Willy Maywald abgelichtet wurde.

Ob Modefotografie oder Einblicke in die Refugien der Kunst – die Aufnahmen des 1985 verstorbenen deutschen Fotografen Willy Maywald erschienen in den wichtigsten Magazinen der Welt. Seine engen Beziehungen zu den Prominenten aus Film, Kunst und Theater machten ihn zu einem der bevorzugten Lifestyle-Fotografen, als die Gattung des Lifestyle noch gar nicht erfunden war. Als »Botschafter der Pariser Eleganz« brachte er das mondäne Leben dorthin, wo man träumte, es auch nur einen Tag einmal selbst leben zu können. Diesen Traum lässt die Werkschau im Berliner Museum der Fotografie noch einmal aufleben.

Willy Maywald. Fotograf und Kosmopolit. Porträts, Mode, Reportagen. Museum für Fotografie Berlin. Noch bis zum 2. August 2015

Maywald_Blick_01Jutta Niemand (Hrsg.) & Katharina Sykora (Text): Willy Maywald. Fotograf und Kosmopolit. Porträts, Mode, Reportagen.

Kerber Verlag 2015

334 Seiten. 225 s/w-Abbildungen. 48,- Euro

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