»Ich kann nicht ohne Musik«

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Der niederländische Comiczeichner Erik Kriek legt nach seinen Lovecraft-Adaptionen »Vom Jenseits und andere Erzählungen« nun gezeichnete »Mörder-Balladen« vor. Mit seinem Comicband »In the Pines« verneigt er sich vor der amerikanischen Country- und Folkmusik. Wir sprachen mit ihm über Motive dieser düsteren Geschichten, die die meisten als Songs kennen.

Der deutsche Journalist Moritz von Uslar hat die so genannten 99-Fragen-Interviews salonfähig gemacht. Ich werde mich hier mal seines Ansatzes bedienen, der folgendermaßen funktioniert. Ich frage beispielsweise McDonalds oder Burger King? Und Du entscheidest sofort, kannst das kommentieren, musst es aber nicht. Ich lege mal los. Salat oder Steak?

Steak!

Holland oder die USA?

Holland!

Whiskey oder Bier?

Bier!

Comic oder Graphic Novel?

Pff… Comic!

Robert Crumb oder die Hernandez-Brüder?

Die Hernandez-Brüder!

Renaissance oder Expressionismus?

Expressionismus!

Straßenmusiker oder Profis?

Profis.

Nick Cave oder Johnny Cash?

Johnny Cash, natürlich!

Vinyl oder iTunes?

iTunes!

Comics oder Musik?

Oh, das ist schwierig. Ich kann weder ohne das eine noch ohne das andere. Muss ich mich wirklich entscheiden?

Ja!

Dann sage ich Musik.

Das ist witzig. Robert Crumb hat im Nachwort zu seinen Jazz-Comics »Mister Nostalgia« geschrieben, dass er, wenn er diese Wahl hätte, sich für die Musik entscheiden würde.

Ja, na klar. Comics ist mein Job. Wenn ich aber wählen müsste, ob ich den Rest meines Lebens keine Comics mehr lesen oder Musik hören möchte, dann wird es doch einfach. Ich entscheide mich für die Musik, denn ich kann nicht ohne Musik. Ich kann aber einfach ohne Comics.

Hörst Du bei der Arbeit Musik?

Ja, ja klar. Ich höre aber auch viel Radio oder Hörbücher. Je nachdem, was ich gerade mache. Wenn ich tusche, dann höre ich lieber Hörbücher oder Gespräche, denn da habe ich den Kopf frei. Aber wenn ich schreiben muss oder meine Geschichten entwerfe, skizziere, dann kann ich nur Musik hören.

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Erik Kriek by Marvin Kleinemeier © Bob Sala (www.rum-diary.net)

Hast Du bei dem Projekt mehr Folk oder Country gehört?

Naja, nein, das nicht. Ich höre im Grunde alles. Was ich nicht mag, ist House, RMB oder HipHop. Also alten HipHop schon, aus den Achtzigern, als das noch toll war. Jetzt ist das etwas für Kinder, finde ich. Aber vielleicht liegt das auch an mir. Je älter ich werde, desto weiter gehe ich zurück, was meinen Musikgeschmack betrifft. Ich habe jetzt die Musik aus den zwanziger und dreißiger Jahren entdeckt, das finde ich richtig toll. Schwierig ist nur, dass ich mein Studio mit zwei anderen Zeichnern teile. Einer mag Jazz, ich mache Country und der dritte hört Indie-Pop. Das ist dann insgesamt etwas schwierig, keiner kann seine Musik laut hören, so sitzen wir alle mit Kopfhörern im Studio. Das ist schon blöd. Aber wenn ich dann mal Bluegrass hören will, dann stöhnen die anderen. Ach nee, Du schon wieder mit deiner Banjo-Musik. Blöd, aber ich kann es verstehen. Wenn mein Kollege Jazz auflegt, denke ich, ach nein, der mit seiner Jazz-Trompete. Also müssen wir alle mit Kopfhörern hören, auch wenn ich das nicht mag. Ich fühle mich dabei isoliert und von der Welt abgeschnitten. Aber wenn es nicht anders geht, dann ist das so.

Was ist Deine Geschichte mit den Mörder-Balladen?

Ich suche immer nach Projekten, die mir gefallen. Diese Art Musik, Country, Bluegrass, Folk, ist eine große Leidenschaft von mir. Mein Lovecraft-Comic war auch so ein Herzensding. Ich habe im Grunde nur ein Publikum und das bin ich selbst. Ich möchte gern Sachen machen, die es noch nicht gibt und die ich selbst gern lesen möchte. Und es half mir, meinen Verleger hinter mir zu wissen. Er mag diese Musik auch und das ist natürlich super für mich, denn wenn er den Comic mag, weiß ich, dass er dann auch im Laden liegt.

Du beschäftigst Dich schon eine Weile mit dem Thema.

Vor zehn Jahren habe ich schon einmal bei einem Projekt mitgemacht, das hieß »Comics in Stereo«. Jeder sollte seinen Lieblingssong aussuchen und zu diesem einen Comic zeichnen. Schon damals habe ich mir »Long Black Veil« ausgesucht, eine Mörder-Ballade. Dann hieß es aber, es solle ein holländischer Song sein, weshalb ich also einen neuen Comic gemacht habe. Das hat mir gut gefallen, so dass ich damals schon den Gedanken hatte, warum daraus nicht ein ganzes Buch machen. Das kam dann mit der »Long Black Veil«-Geschichte aber erst einmal in meinen Vorratsschrank, um es irgendwann noch einmal herauszuholen. Und als meine Lovecraft-Geschichten fertig waren, hat mich mein Verleger gefragt, was ich als nächstes machen möchte, und da sagte ich ihm, dass ich da so eine Idee hätte.

Wie hast Du die fünf Balladen, die Du in Deinem Comic adaptierst, ausgesucht?

Das war zunächst einmal eine zufällige Auswahl, denn es gibt ja unendlich viele Mörder-Balladen. In einem zweiten Schritt aber habe ich versucht, eine inhaltliche und thematische Auswahl zu treffen, um fünf verschiedene Typen an Balladen zu verwenden. Dazu muss man wissen, dass die meisten Mörder-Balladen sich im Wesentlichen ähneln. Es gibt da meistens einen Kerl, der seine Freundin schlägt oder umbringt, weil sie ihn nicht mehr liebt oder heiraten will. Fünf solche Geschichten hätte ich zu langweilig gefunden. Deshalb ist zum Beispiel »Taneytown« mit im Comic, auch wenn das keine klassische Mörder-Ballade ist. Aber ich fand, dass es passen würde, mit dieser Geschichte auch das Thema Rassismus mit im Buch zu haben, denn die Musik und die Kultur, in der die Mörder-Balladen verankert sind, sind ja auch schwarz. Oder ich habe versucht, Balladen zu finden, in denen ich die Frauenrollen etwas stärker herausheben konnte. Das habe ich auch schon bei den Lovecraft-Erzählungen gemacht. Da habe ich Frauen hinzugefügt, denn bei Lovecraft gibt es gar keine Frauen. Meine Freundin – die meine stärkste Kritikerin ist – hat dann zu mir gesagt, dass ich da mal die weibliche Stimme etwas stärken soll. Und last but not least hat mein Verleger noch einen Anstoß geliefert. Ich hatte am Anfang Johnny Cash und dann sagte er, dass nicht alle Menschen Country mögen. Er riet mir, das musikalisch etwas zu weiten, so kam Nick Cave dann auch dazu. Ich bin zwar nicht sein größter Fan, aber er hat auch ein paar barocke, düstere Fantasien wie ich, so dass ich dachte, das könnte passen.

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