Schrei nach Liebe

Nora Fingscheidt: Systemsprenger © Peter Hartwig / kineo / Weydemann Bros. / Yunus Roy Imer

Nora Fingscheidt feiert mit »Systemsprenger« ein beeindruckendes Spielfilmdebüt auf der Berlinale. In ihrem Beitrag porträtiert sie ein wildes Mädchen, für das in den etablierten Kinder- und Jugendhilfestrukturen kein Platz ist.

Die neunjährige Bernadette, die lieber Benni genannt werden will, trägt eine schier unbändige Wut in sich. Es braucht wenig, bis sich der Schalter in ihrem Kopf umlegt und sie ohne Rücksicht auf den eigenen Schaden schreit, um sich tritt oder auf andere Kinder losgeht. Ihre alleinerziehende Mutter ist mit ihr heillos überfordert, weshalb das Mädchen bei Pflegefamilien oder in Einrichtungen für Problemkinder aufwächst. Doch an kaum einem Ort bleibt sie lange, ihre Betreuerin findet schon keine Fachstellen mehr, die das aggressiv auftretende Mädchen aufnehmen wollen. Benni ist ein Mädchen, dass in Fachkreisen hinter vorgehaltener Hand »Systemsprenger« genannt wird. Sie hält sich an keine Regeln, ist in ihrer Wut nicht zu bändigen und rutscht Stück für Stück durch alle Hilferaster. Konkret heißt das, dass sie von einer Einrichtung zur nächsten gereicht wird. Überall erfährt sie Ablehnung, in jedem Haus provoziert sie Streit und Gewaltausbrüche.

Neben ihrer Wut wohnt auch ein großer Schmerz, denn eigentlich will sie nur zurück zu ihrer Mutter. Doch die bekommt schon ihr eigenes Leben nicht auf die Reihe. Immer wieder bricht in dem Mädchen die Sehnsucht nach Geborgenheit durch. Dann weint sie hemmungslos, wirkt in sich gekehrt und ihr Zorn erhält eine Ursache, die man nur allzu gut versteht. Ihre Aggressivität ist ein Schrei nach Liebe. Zwischen ihrer Verletzlichkeit und ihrer Aggression liegen deshalb auch oft nur Sekunden.

Nora Fingscheidt: Systemsprenger © Peter Hartwig / kineo / Weydemann Bros. / Yunus Roy Imer

Nora Fingscheidt: Systemsprenger © Peter Hartwig / kineo / Weydemann Bros. / Yunus Roy Imer

Diese Ambivalenz macht diese Figur nicht nur spannend, sondern auch zu einer schauspielerischen Herausforderung. Denn die Neunjährige muss für die Zuschauer als Figur plausibel werden, zugleich aber auch immer bis zu einem gewissen Grad rätselhaft bleiben. Die elfjährige Helena Zengel spielt diese zerrissene Figur in beeindruckender Manier, sie allein trägt durch den fast zweistündigen Film. Ihr intensives Spiel hat die Bezeichnung Kraftakt mehr als verdient. Daran wird sich jede weitere weibliche Hauptdarstellerin messen lassen müssen. Der Maßstab liegt hoch.

Bei der Pressekonferenz zur Filmpremiere räumt die elfjährige Jungschauspielerin ein, dass ihr die Rolle wahnsinnig viel Spaß gemacht habe – und mit der fluchenden, schimpfenden und alle Welt beleidigenden Benni im Kopf kann man sich das gut vorstellen. Wer will nicht gern mal die Sau rauslassen. Die andere, die verletzliche Seite ihrer Figur sei ihr schon schwerer gefallen, das Weinen auf Knopfdruck und das Aushalten ihrer inneren Schmerzen. Hier haben sie vor allem ihre Eltern und Regisseurin Nora Fingscheidt aufgefangen, die vor, während und nach den Dreharbeiten immer wieder das Gespräch gesucht haben, um Helena Zengel nicht mir ihrer Figur allein zu lassen.

Und allein möchte man mit der tatsächlich nicht sein. Gleichermaßen fasziniert wie schockiert verfolgt man das Mädchen bei ihrem verzweifelten Kampf gegen die Welt. Erst als ihr Schulbegleiter Micha (Albrecht Schuch) mit ihr drei Wochen in den Wald fährt und das Mädchen aus dem überforderten Fürsorgesystem herausnimmt, kommt es etwas zur Ruhe. Die Zeit, Zuwendung und Ernsthaftigkeit des jungen Mannes geben dem Mädchen erstmals so etwas wie Halt. Doch kaum sind die drei Wochen Urlaub vorbei, beginnt der Kreislauf aus Enttäuschung, Verletzung, Gewalt und Ablehnung erneut.

Nora Fingscheidt: Systemsprenger © Peter Hartwig / kineo / Weydemann Bros. / Yunus Roy Imer

Nora Fingscheidt: Systemsprenger © Peter Hartwig / kineo / Weydemann Bros. / Yunus Roy Imer

Regisseurin Nora Fingscheidt, die auch das Drehbuch geschrieben hat, zeigt ihre Hauptfigur mit allen Facetten. Wütend, tobend, hetzend, fliehend, suchend, taktierend, weinend und vor allem immer wieder am eigenen Wesen verzweifelnd. Unterstützt wird dieser Eindruck von Yunus Roy Imers Kamera, der Bilder findet, die die verletzte Seele des Mädchens spiegeln und zuweilen sogar den Eindruck erwecken, man wäre live dabei, wenn etwas in ihrem Inneren zerreißt, bevor es wieder losgeht. Da zerbrechen die Bilder vor den Augen der Zuschauer, grellpinke Buchstaben fluten den Screen oder alptraumhafte Sequenzen vermischen sich mit Erinnerungen und Realitätsfetzen. Die kunstvolle Verarbeitung dieses spannenden Stoffes machen Fingscheidt, die aus dem Pool der Berlinale Talents kommt und 2017 für ihren Dokumentarfilm »Ohne diese Welt« den Max-Ophüls-Preis erhielt, zu einer ernsthaften Anwärterin im Rennen um die Berlinale-Bären.

»Systemsprenger« hat selbst das Potential, etablierte Systeme zu sprengen, auch weil er sich einer klaren Kategorisierung entzieht. Man kann ihn als Sozialdrama sehen, als Porträt und auch als Tragödie. Und nicht zuletzt ist er bei aller Brutalität auch eine bewundernswerte Studie des weitgehend unbekannten Jugendhilfesystems, das hier immer wieder an seine Grenzen stößt. Dabei stellt er die Betreuerinnen und Sozialarbeiter, die Erzieherinnen und Pädagogen, die Ärzte und Sicherheitskräfte mit all ihren Stärken und Schwächen vor, scheut sich nicht, ihr Scheitern (am System, aber auch an sich selbst) ebenso zu zeigen wie die kleinen Erfolge, die sie feiern. Fingscheidt präsentiert sie als Menschen, die täglich das Prinzip Hoffnung nähren. Ohne sie wären Kinder wie Benni vollkommen verloren. Die Rettung können sie allein allerdings auch nicht bieten.