Ein Israeli in Paris

Nadav Lapid: Synonymes |  © Guy Ferrandis / SBS Films

Der israelische Filmemacher Nadav Lapid lässt in seiner Tragikomödie »Synonymes« einen Landsmann in Paris nach einem neuen Leben suchen.

Fast zu erfrieren ist in Yoavs Familie schon fast Tradition. Sein Großvater ist während des zweiten Weltkriegs in Osteuropa nur knapp dem Kältetod entkommen und sein Vater hat eine eisige Nacht in den Golanhöhen überlebt. Dem jungen Israeli wird beinahe eine Nacht in Paris zum Verhängnis. Denn ihm werden alle seine Sachen aus der leerstehenden Wohnung geklaut, in der er nach seiner Ankunft übernachtet. Am nächsten Morgen findet das junge Pärchen aus der Nachbarwohnung den unterkühlten Israeli. Vermögend wie Emile und Caroline sind, helfen sie ihm wieder auf die Beine, versorgen ihn mit Kleidung, Geld und allem, was er braucht und entlassen ihn in die Stadt, die Yoav zu seiner neuen Heimat erklärt.

Allerdings will der dekorierte Elitesoldat mehr als seinen Lebensmittelpunkt verlegen. Er will aus politischen Gründen seine israelische Nationalität, Herkunft, Identität und Kultur loswerden. Alles, was ihn mit Israel verbindet, will er ablegen, um mit diesem Staat nichts mehr am Hut zu haben. Denn für ihn ist Israel nicht mehr als eine Ansammlung schlechter Eigenschaften. Schäbig. Obszön. Böse. Barbarisch. Ekelerregend. Beklagenswert. Und vieles mehr. Immer wieder deklamiert er diese Eigenschaften vor sich her, es sind seine Synonyme für den Staat, aus dem er kommt.

Jetzt will er Franzose werden, mit Haut und Haaren. So weigert er sich, Hebräisch zu sprechen, stattdessen paukt er tagein tagaus französische Vokabeln aus dem Wörterbuch. Zufrieden brabbelt er unablässig die neu erworbenen Wörter vor sich hin. Später besucht er auch eine Integrationsklasse, verliert sich in einem Nobelclub, dreht Sexclips mit einem verrückten Künstler und irrt mit Emile und Carolin durch die Stadt.

Nadav Lapid: Synonymes |  © Guy Ferrandis / SBS Films

Nadav Lapid: Synonymes | © Guy Ferrandis / SBS Films

Die Beziehung zu dem jungen Paar, mit denen sich Yoav immer wieder trifft, wird als Kammerspiel inszeniert. Die meisten Begegnungen finden in der Luxuswohnung der bourgeoisen Oberschichtskinder Emile und Caroline statt. Emile schreibt gerade an seinem ersten Buch und tauscht sich rege mit Yoav aus. Denn dieser erzählt ihm zahlreiche Geschichten aus seinem Leben, die Emile dankbar in seiner Literatur aufgreift. Für Yoav ist das nur ein Teil seines Kampfes gegen die eigene Identität. Und während Emile und Yoav beste Freunde werden, interessiert sich Caroline immer stärker für den attraktiven Mann aus dem Nahen Osten.

Nadav Lapid ist selbst von Israel nach Paris und dann wieder nach Israel zurückgezogen, in »Synonymes« verarbeitet er auch die eigene Erfahrung, neue Wurzeln schlagen zu wollen. Das läuft augenscheinlich oft vollkommen anders, als man sich das vorstellt, und Tom Mercier verkörpert dieses Taumeln zwischen Entschiedenheit und Verwirrung, Abenteuerlust und Depression mit einer bemerkenswerten Lakonie. Sein Spiel betont die Ernsthaftigkeit von Yoavs Absichten, ohne die komischen Momente zu verbergen. Er dürfte einer der Kandidaten für den Darsteller-Bären sein.

Lapids Film geht der Frage nach der eigenen Identität auf den Grund. Denn wir sind mehr als die Nationalität im Pass und auch mehr als die Sprache, die wir sprechen. Menschen tragen Geschichte und Geschichten in sich, die gemeinsam mit Erfahrung, Gefühl und Sprache das Ich bilden.

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