»Stattdessen Isa, Roadmovie zu Fuß«

Isa_Titelbild

Wolfgang Herrndorfs unvollendeter Roman »BILDER deiner großen LIEBE« erzählt die Geschichte des »Müllmädchens« Isa Schmidt, die in seinem Jugendroman »Tschick«, wenn man so will, »die dritte Hauptfigur des Buchs« darstellt, wie Kathrin Passig und Marcus Gärtner im Nachwort zu dem nun von ihnen herausgegebenen Isa-Roman schreiben. In seinem Blog »Arbeit und Struktur« hat sich Wolfgang Herrndorf immer wieder zu dem Projekt geäußert. Die Einträge sind hier versammelt.

29.7. 2010 5:33

Herrliches Erwachen in C.s Wohnung, den ganzen Morgen kommt die Meise durchs offene Fenster herein, fliegt über mir rum und kreischt. Ich kann mir nicht erklären, was sie will, ihr Futternapf auf der Fensterbank ist voll.

Der Himmel blau, die Bäume grün, der Wind rauscht in den Blättern: ein bißchen wie damals das Erwachen in der Hütte in Burgthann. Ines wohnte mitten im Wald, unten am Garten vorbei floß ein Bächlein, das wir morgens im seichten, sandigen Flußbett kilometerweit stromauf wateten. Ines voran, mit dieser Naturkindhaftigkeit, kletterte barfuß genauso schnell über die Katarakte wie ich. Einmal schoß jemand mit dem Luftgewehr über unsere Köpfe hinweg.

Zum Einschlafen las sie mir Musils Fliegenpapier, Hellhörigkeit, die Hasenkatastrophe usw. vor. Wie Bruder und Schwester haben wir dagelegen, geschlafen haben wir nie miteinander. Sie hatte einen Freund und ich eine Freundin. Der Hauptfigur in den Plüschgewittern hat sie den Namen gegeben, im Jugendroman taucht sie als Isa auf. Eines Tages verschwand sie aus Nürnberg, ohne eine Adresse zu hinterlassen. Es waren nur ein paar Tage, die ich sie kannte. Ich glaube, die glücklichsten in meinem Leben. In ihrer Hütte stand ein überdimensioniertes Funkgerät, seinerzeit Autotelefon genannt.

19.6. 2011 13:56

Tschick-Fortsetzung aus Isas Perspektive angefangen. Mach ich aber nicht. Mach ich nicht. Nachwehen der Briefe.

31.3. 2012 15:36

Hagel und Schnee und Gewitter.

Die Arbeit am im November gestarteten Science Fiction aus Kompliziertheitsgründen seit langem abgebrochen. Stattdessen Isa, Roadmovie zu Fuß. Mit etwas Rumprobieren einen Ton gefunden, schreibt sich wie von selbst. Und praktisch: Kein Aufbau. Man kann Szene an Szene stricken, irgendwo einbauen, irgendwo streichen, irgendwo aufhören.

22.10. 2012 8:31

Mädchenschönschrift, liniertes Papier, Realschule, Baden-Württemberg: “Eigentlich hasse ich es Bücher zu lesen, aber das hier hat mir Spaß gemacht. Das ist auch das Beste was ich gelesen habe, aber ich habe eh nur 2 gelesen. Das andere war aber scheiße.”

Die Lieblingsstellen der Vierzehnjährigen sind die Schimpfwortorgie von Tschick und Isa auf der Müllkippe (von Gymnasiasten immer wieder kritisiert, “weil wir dann dieselben Worte benutzen”) und die Szene, wo der Mann sich einen runterholt, während Isa die Haare geschnitten bekommt.

Ihre Klassenkameradin A. schreibt: “Ich konnte mich sehr gut in Maik hinein versetzen, da er im gleichen Alter wie ich ist und ich so ähnliche Sachen machen würde.”

Im nachhinein bedauere ich, die Autoknack- und Fahranleitung nicht so ausführlich behandelt zu haben wie ursprünglich geplant.

23.2. 2013 14:47

Würde die Arbeit am Blog am liebsten einstellen. Das Blog nur noch der fortgesetzte, mich immer mehr deprimierende Versuch, mir eine Krise nach der anderen vom Hals zu schaffen, es hängt mir am Hals wie mein Leben wie ein Mühlstein. Ich weiß aber nicht, was ich sonst machen soll. Die Arbeit an Isa tritt auf der Stelle.

19.4. 2013 17:26

Den ganzen Tag lang über nichts anderes als darüber nachgedacht, das Blog einzustellen, nicht zum ersten Mal, die mühsame Verschriftlichung meiner peinlichen Existenz.

Wenn ich noch eine Chance sähe, Isa fertigzustellen, wäre hier Schluß, Beschränkung auf das Notwendigste, Rückkehr zur ursprünglichen Mitteilungsveranstaltung für Freunde und Bekannte in Echtzeit. Dafür war das gedacht. Aber funktioniert hat es nie. Statt alle Fragen zu beantworten und Zeit zu sparen, kostet es mir welche.

21.5. 2013

Dramatischer Sprachverfall. Unklar, ob die Worte schon schwinden, oder ob nur Streß. Denn immer wieder gelingen fast fehlerfreie Sätze. Hauptsächlicher Bestandteil, wenn ich das richtig sehe: der Gedanke, Isa nicht fertigstellen zu können. Spätestens letzten Sommer wäre es da gewesen. Zuletzt immer noch manchmal zunehmend schlapp Tage gearbeitet, Material längst genug, kann ich nicht mehr, wird nichts.

27.7.2013 14:00

Marcus, Passig, letzte Fragen zum Blog für Rowohlt. Passig liest die ersten zwei Kapitel von Isa laut vor. Die hab ich noch nie gehört, die anderen auch nicht. Gut finden sie’s.

Ich schreie und schreie und heule und tobe, und dann ist es vorbei.

C. kennt’s auch. Sie kommt morgen, um mir das kaputte Material vorzulesen.

2.8. 2013 20:18:00

Lars liest mir Isa vor.

17.8. 2013 17:00

C. liest mir Isa vor.

19.08.2013 11:00

Passig und Marcus kommen. Lesen Isa, halten es für machbar.

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Die Auszüge sind den Einträgen auf Wolfgang Herrndorfs Blog »Arbeit und Struktur« entnommen. Der Blog wurde im Dezember 2013 in Buchform veröffentlicht.

roBerlin_SU_Herrndorf_HK_f_Mattfolie.inddWolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur

Verlag Rowohlt Berlin 2013

447 Seiten. 19,95 Euro

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2 Gedanken zu “»Stattdessen Isa, Roadmovie zu Fuß«

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