Die weibliche Seite von »Tschick«

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In Wolfgang Herrndorfs Millionenbestseller begegnen dessen Helden Maik und Andrej (Tschick) dem Müllmädchen Isa. Sie hilft den beiden Jungs, Benzin aus einem Golf zu klauen und fährt ein paar Kilometer mit ihnen mit, bevor sie sie wieder verlässt. In »BILDER deiner großen LIEBE« wird ihre Geschichte erzählt.

»Falls du noch nicht auf dem Weg bist, mach dich auf den Weg!« Diese Ansage hört die Hauptperson in der titelgebenden Geschichte von Wolfgang Herrndorfs zweitem Buch Diesseits des Van-Allen-Gürtels auf dem Anrufbeantworter, weil sie auf der Party ihrer Freundin erwartet wird. Sie wird nicht hingehen, sondern sich mit einem Jungen aus der Nachbarschaft über den Kannibalen von Rotenburg und über die Echtheit der Mondlandung der Amerikaner unterhalten. Aber das ist hier unerheblich, es kommt einzig auf den eingangs zitierten Satz an. Denn er wirft die Frage auf, ob in ihm vielleicht das verborgene Werkmotiv von Wolfgang Herrndorf liegt, denn in seinen Geschichten geht es immer wieder um das Aufbrechen, Unterwegssein und Ankommen. Seine Helden begeben sich entweder kühn in eine Situation der inneren Verlorenheit oder versuchen dieser zu entgehen. Dafür versenken sie schon einmal eine Wohnungseinrichtung im hauseigenen Pool oder suchen ihr Heil in einer Hippiekommune hinter den Dünen.

Auch die Heldin in Herrndorfs hinterlassenem »unvollendeten Roman«, die hier und in Tschick Isa, an anderen Stellen in Herrndorfs Werk aber Inge heißt, macht sich auf den Weg. Ihr Motto lautet: »Ich komme aus der Scheiße, und in die Scheiße gehe ich irgendwann auch wieder. Aber zwischendurch werde ich berühmt.« Das ist bei ihr etwas schwieriger als normalerweise, weil sie in einer geschlossenen Heilanstalt lebt. Da sich dort aber niemand sonderlich für sie interessiert, haut sie bei der erstbesten Gelegenheit ab. Sie begibt sich, ohne Schuhe und Gepäck, auf eine Reise, auf der sie neben dem Afghanistanrückkehrer Daniel, dem geheimnisvollen Frachtkahnfahrer Max Hiller, dem Schriftstellerjuristen Greiff und dem notgeilen LKW-Fahrer »Teddybär« auch zwei Teenagern begegnet, die erst eine Müllkippe nach einem Schlauch absuchen und dann verzweifelt versuchen, an einer Tankstelle Benzin aus einem alten Volkswagen abzuzweigen. Sie wird ihnen helfen, zum Dank nehmen sie sie ein Stück mit. Die zwei Teenager bleiben hier zwar ohne Namen, aber wer Tschick gelesen hat, erkennt die Situation sofort wieder und weiß, dass es sich hier um die Begegnung von Maik Klingenberg und Andrej Tschichatschow mit dem »Müllmädchen« Isa Schmidt handelt.

In BILDER deiner großen LIEBE hat Wolfgang Herrndorf die Geschichte dieses jungen Mädchens aufgeschrieben. Dieser letzte, unvollendete oder – wie die Herausgeber Kathrin Passig und Marcus Gärtner schreiben – »kaputte« Roman ist Herrndorfs letzte literarische Botschaft und steht an der Stelle eines anderen Projekts, dass er nicht mehr bewältigen konnte. Noch im November 2011 hatte er nach Sand noch die Arbeit an einem Science-Fiction-Roman begonnen, die Arbeit daran aber »aus Kompliziertheitsgründen« abgebrochen. »Stattdessen Isa, Roadmovie zu Fuß«, schreibt er am 31. März 2012 in seinem Blog Arbeit und Struktur, und weiter: »Mit etwas Rumprobieren einen Ton gefunden, schreibt sich wie von selbst. Und praktisch: Kein Aufbau. Man kann Szene an Szene stricken, irgendwo einbauen, irgendwo streichen, irgendwo aufhören.« Die Möglichkeit des Montierens von Szenen und Situationen war es schließlich, die den von einem bösartigen Hirntumor befallenen und von Konzentrationsstörungen geplagten Herrndorf bewogen haben, die »Tschick-Fortsetzung aus Isas Perspektive«, die er neun Monate vorher noch mit den Worten »Mach ich nicht« in den Wind geschrieben hatte, dann doch in Angriff zu nehmen. In seinem Blog findet man seit dieser Entscheidung einige Einträge zum Isa-Roman.

In den Wochen vor Herrndorfs selbstbestimmten Ende hat er sich mit Kathrin Passig, eine seiner wichtigsten Vertrauten, und seinem Verleger Marcus Gärtner immer wieder getroffen, um die Veröffentlichung des Romans möglich zu machen. Herrndorf wusste, dass es sein Zustand nicht zulassen würde, den Roman abzuschließen. Die Rohfassung bestand aus einem 95 Seiten umfassenden Manuskript und einem weiteren Dokument mit dem Titel »Verstreutes«, das zusätzliche Szenen enthält. Herrndorf forderte einen Koautor, die Verleger sagten, dass sie das nicht befürworten würden. Wo Herrndorf draufstehe, müsse auch Herrndorf drin sein. Gemeinsam kamen sie kurz vor seinem Schritt aus dem Leben überein, dass der Roman erscheinen solle, die Herausgeber aber das Rohmaterial »redigieren, streichen, anordnen« und zwischenzeitlich herausgenommene Passagen wieder einfügen sollten, um einen zusammenhängenden Text zu schaffen, »der vorhandene Lücken aber nicht verbirgt«.

Das tut er tatsächlich nicht, auch weist er einige Ungereimtheiten und Widersprüche auf. Etwa dass der LKW-Fahrer Teddybär, in dessen Kabine Isa für einen Teil ihres Roadtrips steigt, von einem 18-Tonner spricht, Isa selbst ein paar Seiten später aber von einem Zwölftonner. Mutmaßlich ist dieser Widerspruch darauf zurückzuführen, dass Herrndorfs Manuskript zwei LKW-Fahrer vorsah, die Herausgeber diese aber in einer Szene zusammengeführt haben. Die Übergänge der Kapitel wirken wie Filmblenden – fade out, fade in –, aber nicht wie die genretypische durchgehende Fahrt. Es sind die Literatur gewordenen Zeichen des Fragmentarischen, das trotz allen Redigierens und Glättens unweigerlich in diesem Roman steckt.

Es steckt darin aber auch eine Menge der klaren, ungebügelten und kompromisslosen Sprache Wolfgang Herrndorfs, die sich immer wieder zu Erkenntnisminiaturen fügt. Etwa wenn Herrndorfs überaus unzuverlässige Erzählerin – zu Beginn ihrer Reise führt sie einen angeregten Dialog mit einem taubstummen Jungen, später erinnert sie sich an Dinge, die nicht stattgefunden haben – davon spricht, dass Leute, die ein schwieriges Schicksal haben, dennoch besser im Leben stehen. »Die sind immer glücklicher. Nicht die Normalen, das ist ein Naturgesetz.« Oder wenn sie feststellt, dass es keinen Unterschied macht, »vor siebzig Jahren gestorben zu sein oder vor siebzig Sekunden«. Natürlich meint man, in Worten wie diesen Wolfgang Herrndorf selbst hören zu können. Zumal Isa für einen entlaufenen Teenager relativ oft über die existenziellen Fragen von Leben und Tod und ihre kleine Existenz im Kosmos nachdenkt. »Das Weltall ist grenzenlos, aber endlich, folglich ist es auch die Zahl der Sterne, und während ich nachdenke und hochschaue in die unendliche Kleinheit und Enge über mir, schreie ich. Ich stehe fünf Minuten auf der Stelle und schreie, der Boden fällt auf mich, und ich schreie und schreie«. Worte einer jungen Frau, deren Schicksal den Leser nicht loslässt.

Herrndorf ist Isa vor Jahren in Burgthann bei Nürnberg begegnet, wo er mit ihr die Natur erkundete und sich abends Musil vorlesen ließ. Wie Bruder und Schwester seien sie gewesen, erinnert er sich in seinem Blog. Aber »eines Tages verschwand sie aus Nürnberg, ohne eine Adresse zu hinterlassen. Es waren nur ein paar Tage, die ich sie kannte. Ich glaube, die glücklichsten in meinem Leben.« Es sind die Bilder einer großen Liebe, die in diesen wenigen Worten aufflackern und die dem Roman seinen Titel geben.

Mit dem Isa-Roman BILDER deiner großen LIEBE hat Wolfgang Herrndorf seinen Erfolgsroman Tschick fortgeschrieben, zu Ende schreiben aber konnte er ihn nicht. So bleibt er unvollendet, ein letzter Gruß im Nebel.

U1_978-3-87134-791-7.inddWolfgang Herrndorf: BILDER deiner großen LIEBE. Ein unvollendeter Roman

Herausgegeben von Kathrin Passig und Marcus Gärtner

Verlag Rowohlt Berlin 2014

144 Seiten. 16,95 Euro

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4 Gedanken zu “Die weibliche Seite von »Tschick«

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  4. Das reale Vorbild von Isa taucht in Arbeit und Struktur immer wieder auf. Herrndorf hat sich in seinen letzten Monaten doch noch einmal mit ihr getroffen.
    Eine literarische Vorgängerin blitzt bereits in der Erzählung “Im Oderbruch” auf. Dort wird nicht nur ein “Maik Tschichatschow” erwähnt, sondern eine geheimnisvolle, traurige junge Frau beschrieben, die Isa sehr ähnlich ist.

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