Abgründiges Vergnügen im Keller

© Stadtkino Filmverleih

Der Österreicher Ulrich Seidl zeigt in seinem Film »Im Keller«, welchen Leidenschaften Menschen abseits des Tageslichts nachgehen. Mit der Kamera ist er hinabgestiegen in die Wäsche-, Party- und SM-Keller der Republik Österreich und hat ihren Kern entschlüsselt.

Die Beklemmung im deutschsprachigen Kino hat einen Namen: Ulrich Seidl. Hatte der Österreicher in seiner PARADIES-Trilogie Liebe – Glaube – Hoffnungzuletzt die Abgründe einer Familie vorgeführt, entführt er seine Zuschauer in seiner neuesten Doku-Fiktion buchstäblich in die Unterwelt. Im Keller heißt sein neuer Film, der bei den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig Premiere feierte. Mit ihm kehrt Seidl zur mit Laien inszenierten Dokumentation (Mehr dazu im intellectures-Interview mit Ulrich Seidl) zurück, wie man es aus seinen frühen Filmen Good News über das tägliche Leben der Zeitungsverkäufer im Wien der späten 1980er Jahre oder aus der Herrchen-Tier-Dokumentation Tierische Freunde kennt.

Nun zeigt er uns die privatesten Orte seiner Landsleute, die sich nicht, wie man annehmen könnte, hinter den meterhohen Hecken und heruntergelassenen Rollläden verbergen, die Seidl zu Beginn seines Filmes zeigt, sondern hinter den kleinen Fenstern in Bordsteinnähe. Diese sieht man nach knapp anderthalb Stunden Kellerforschung. Die Fenster, hinter denen die Räume noch erleuchtet sind, während es auf den Straßen längst dunkel ist, sind Seidls abschließender Kommentar. Hier, im Licht der nackten Kellerleuchten, breitet sich die Hölle aus, die sich der Biedermann schafft, um seinem grauen Alltag zu entfliehen. Diese Welt ist nicht schillernd und bunt, sondern bedrückend und schmuddelig.

Wenn ein Regisseur wie Ulrich Seidl einen Film über das geheime Leben der Österreicher im Keller macht, dann ist der Gedanke an die Schicksale von Natascha Kampusch und Elisabeth Fritzl natürlich sofort im Kopf. Er liefert die Grundlage der Beklemmung, die über diesem Film liegt, bevor man auch nur eine Szene gesehen hat. Im Film spielen Kampusch und Fritzl keine Rolle. Die Laienschauspieler, die bei Seidl ihre Kellerräume betreten, tun dies bereitwillig. Aber warum?

»Österreicher verbringen ihre Freizeit häufig in Kellern. Dort unten können sie – Männer, Familienväter, Hausfrauen, Ehepaare oder Kinder – sein, wie sie sein wollen«, erklärt Seidl, dessen Film auch ein Psychogramm der Österreicher ist. Natürlich könnten die im Untergrund aktiven Sportler und Bastler, Hobbyfunker und Jugendbands ebenso gut in jedem anderen Land sitzen, aber irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass Seidl mit der Dokumentation dieser Parallelwelten sein Bild von Österreich vorlegt. Denn wenn die Österreicher nur in den klaustrophobischsten aller Räume ihre eigene Freiheit leben können, wie es Seidl hier zeigt, dann sagt das eine Menge über die Freiheit im öffentlichen Raum als auch über das Wesen der Freiheit in der Alpenrepublik aus.

© Stadtkino Filmverleih

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Seidl zeigt uns die Wasch- und Bastelkeller, die Hobby- und Arbeitskeller, die verschiedensten Kellerbars und Partykeller, sogar einen zum Schieß- und Klangraum umfunktionierten Atomschutzbunker. Das, was dort geschieht, ist unspektakulär und atmet die Einsamkeit des Eremitendaseins. Manche seiner Protagonisten suchen in den Kellerräumen die Wärme, die ihnen im wahren Leben fehlt, etwa indem sie dort mit lebensechten Babypuppen kuscheln oder ihre sexuellen Vorlieben und Präferenzen pflegen. Andere wiederum verkriechen sich dort vor der Bedrohung der Welt, entweder indem sie sich im wahrsten Sinne des Wortes warmschießen für das raue Leben auf der Straße oder indem sie sich in eine aus Nazidevotionalien eingerichtete Welt zurückziehen. Die Unterwelten, die Seidl hier zeigt, haben viel mit der kargen Tristesse gemein, die schon die Betzelle ausstrahlte, in der sich die Erzkatholikin Anna in PARADIES Glaubeeingerichtet hatte.

In Österreich sorgten insbesondere die Szenen in einem Nazi-Keller im Burgenland für einen handfesten Politskandal. Zwei Gemeinderäte der bürgerlich-konservativen Volkspartei ÖVP – das österreichische Pendant zur CDU/CSU – schmetterten unterm Hakenkreuz ungeniert Trinklieder. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen wegen des Verdachts der verbotenen »Betätigung im nationalsozialistischen Sinne« auf. Die Politiker traten daraufhin von ihren Ämtern zurück und erklärten ihren Parteiaustritt. Tatsächlich wirkt der Betreiber des Nazi-Kellers Josef Ochs recht harmlos in Seidls Porträt. Es bleibt unklar, ob hier ein Rentner ein skurriles Hobby hat oder ob seine mit Blasmusik gekoppelte Sammelleidenschaft, die bis in die österreich-ungarische Monarchie zurückreicht, Ausdruck seiner politischen Gesinnung ist. Wenn der polizeilich registrierte Ochs aber bekennt, dass seine Hitler-Gedenkhöhle »der gemütlichste Raum« im ganzen Haus ist, in dem er problemlos Nachbarn und Freunde empfängt, und wenn seine Frau im ganzen Film nicht einen Auftritt hat – möglicherweise will sie unerkannt bleiben –, dann nährt dies eine finstere Ahnung; einen nationalsozialistischen Untergrund im Wortsinne.

Seidl zeigt den Keller als Ort der Dunkelheit, als Hort der menschlichen Abgründe. Die Parallelen zu den Fällen Kampusch und Fritzl werden besonders dann deutlich, wenn die Geschehnisse in den Kellern in ein Täter-Opfer-Verhältnis kippen. Dies ist vor allem bei Beziehungsgeflechten der Fall, in denen Dominanz und Unterwerfung eine Rolle spielen. Da ist der Bühnentechniker Gerald Duchek, dem in den eigenen vier Wänden die Rolle des »Ehesklaven« vorbehalten ist und der seiner dominanten Gattin Alessa seinen »Sklavenkörper« zur Verfügung stellt. Im gesamten Film sagt er, »das Schwein«, natürlich kein Wort, das ist seiner Rolle natürlich immanent. Wenn er auftaucht, dann immer nur als Objekt der Befehle seiner Frau. Mit zunehmender Unterwerfung ihrer- und Auslieferung seinerseits fragt man sich, ob dieses Hobby tatsächlich selbstgewählt ist, wann die Beteiligten an ihre Grenzen stoßen und wie dies dann innerhalb der jeweiligen Rollen glaubhaft dem jeweils anderen zu vermitteln ist. Wie sagt ein Sklave, dass die Quälerei seiner Herrin das Maß der Erträglichkeit überschreitet? In der Szene gibt es dafür Codes, der Film lässt dies aber im Dunkeln. Denn die Dramaturgie will, nein, muss weiter.

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Denn erst jetzt wird es tatsächlich gruselig. Die Caritas-Mitarbeiterin Sabine hat nun ihren Auftritt. Im öffentlichen Leben berät sie Frauen, die mit Gewalt konfrontiert sind, privat lässt sie sich gern den Hintern versohlen. Schnitt, Close-up: Wir sehen sie im Bondage-Gewand, wehrlos und verletzlich. So erzählt sie, dass sie selbst ist ein Gewaltopfer ist und in ihrem Leben schon zahlreichen Quälereien ausgesetzt war. Ihr Sexualleben scheint dieser Erfahrung in fataler Weise zum Opfer gefallen zu sein, denn in der Abgeschiedenheit des Kellers lebt sie ihre (vermeintliche?) Lust an der Auslieferung aus. Sie spricht selbst davon, »ihre Seele baumeln lassen« zu können, wenn die Gummipeitsche auf sie niedergeht. Kann das sein? Kann sich die Geprügelte nun an einer wie auch immer lustvoll gearteten Inszenierung der Prügel erfreuen, indem sie sich ihr freiwillig ausliefert?

Hat man bis hierhin die von Seidl gesammelten Kellergeschichten mit einer Mischung aus Sarkasmus, Fassungslosigkeit und Widerstand gesehen, stellt sich bei dieser – zugegebenermaßen dramaturgisch genial durchkomponierten – Geschichte noch das letzte Nackenhaar auf. Denn sie erzählt davon, wie eine Biografie gefangen ist in der österreichischen Unterwelt. Dies ist der Kern des existenziellen Grusels, der Österreich und den Keller seit Natascha Kampusch und Elisabeth Fritzl verbindet.

Wie sich Ulrich Seidl in seinem Film der Parallelwelt des Kellers kaleidoskopartig annähert und die darin gelebten Obsessionen seziert, wie er sich dabei langsam aber stetig dem beklemmenden Grauen annähert, indem er es in seiner nackten Form unkommentiert zeigt, ist beeindruckend. Es erspart aber nicht das Unbehagen, das die Bilder vermitteln. Das Wissen, dass es sich hier um einen Film mit dokumentarischem Charakter handelt, steigert das Unbehagen bis zur Unerträglichkeit. Man will den Filmsaal verlassen und bleibt doch drin, als säße man selbst fest in einem dieser österreichischen Keller.

Ulrich Seidl: Im Keller

85 Minuten

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