Crash mit Mensch am Steuer

Titelbild Kolbert

Mit dem Auftauchen des Menschen haben sich die »Spielregeln des Überlebens« auf der Erde geändert; und zwar so beträchtlich, dass 2016 über den Vorschlag beraten wird, das Erdzeitalter des Menschen künftig als »Anthropozän« zu bezeichnen, als Ära des »menschlich gemachten Neuen«. Diese Ära ist von zwei Ereignissen geprägt, die ohne den Menschen nicht eingetreten wären. Zum einen die Tatsache, dass aus fossilen Brennstoffen Energie gewonnen wird, und zum anderen die menschliche Errungenschaft, sich mittels technischer Innovationen und Kreativität über geografische und natürliche Grenzen hinwegzusetzen. Auch wenn beide Phänomene miteinander in Verbindung stehen, ist das sich vollziehende Massensterben schwer zu (be)greifen. Dies liegt einerseits an der hohen Komplexität von Ursache und Wirkung, andererseits aber auch an der geringen Wahrnehmung der Konsequenzen. Während es das drohende Aussterben des Sumatra-Nashorns aufgrund seines niedlichen Äußeren vielleicht noch in die Nachrichten schaffen könnte, werden wohl die wenigsten vom Aussterben des Dreikantröhrenwurms, des Darwin-Frosches oder des Schuppenmantel-Ameisenwächters erfahren. Die fehlende Wahrnehmung des sich vollziehenden Sterbens ist sicher einer der wichtigsten Gründe für die weitgehende Gleichgültigkeit gegenüber diesem Phänomen.

Die Leistung der renommierten US-Journalistin und Klimaexpertin Elizabeth Kolbert liegt darin, diese Gleichgültigkeit abzubauen, indem sie sowohl die faszinierenden als auch die erschreckenden Facetten des Massenexitus beleuchtet. Dafür hat sie Wissenschaftler und Forscher dort aufgesucht, wo dieses Sterben bereits stattfindet, und bei ihren Forschungen begleitet. So ist sie mit Botanikern durch Südamerikas Regenwälder gezogen, mit Meeresforschern und Geologen tauchte sie am Great Barrier Reef und im Mittelmeer ab und mit Biologen ist sie in Nordamerikas Fledermaushöhlen gestiegen. Wo auch immer sie auf ihrer jahrelangen Reise war, wurde sie zur Zeugin des unwiederbringlichen Verlusts von Arten. Auf der Grundlage ihrer Beobachtungen, Gespräche und Gedanken hat sie einen facettenreichen und packenden Wissenschaftsthriller geschrieben, in dessen Mittelpunkt die Auswirkungen des menschlichen Handelns auf seine Umwelt stehen.

Seit der Industrialisierung nimmt der Mensch in einer atemberaubenden Geschwindigkeit Einfluss auf die Naturgeschichte. Der rasante Anstieg des Kohlendioxidgehalts in der Luft verändert die Lebensbedingungen in radikaler Weise. So führt er nicht nur zum Abbau der Ozonschicht, sondern auch zur Versauerung der Meere. Da das Wasser mehr Gase aufnimmt als es abgibt, verändert sich der pH-Wert der Ozeane. In einigen Meerregionen hat es bereits die Wirkung von Säure; Seesternen fehlen die Tentakeln, Schneckenhäuser sind fast durchsichtig, bestimmte Fischarten kommen gar nicht mehr vor. Besonders betroffen sind Korallen, mit denen unzählige andere Lebewesen bedroht sind, deren Lebensraum diese »Unterseeregenwälder« sind. Ihr Ende wäre gleichbedeutend mit dem Aussterben von unzähligen anderen Arten. Unter Wissenschaftsjournalisten wird die Versauerung der Meere deshalb auch als »gleich schlimmer Zwilling« der Erderwärmung bezeichnet. Denn »Korallen schaffen die Architektur des Ökosystems. Wenn sie verschwinden, ist also ziemlich klar, dass das ganze Ökosystem verschwindet.« Wie wahrscheinlich das ist, zeigt das Beispiel der Karibik. Dort ist die Korallendecke in den letzten Jahrzehnten um fast 80 Prozent zurückgegangen. Das Ökosystem steht dort kurz vor dem Kollaps.

Der Klimawandel zeigt seine Folgen aber auch auf dem Land. In den Regenwäldern rund um den Globus hat die Erderwärmung zur Folge, dass Flora und Fauna, die nur eine geringe Temperaturtoleranz haben, im wahrsten Sinne des Wortes zum Wandern gezwungen sind. In Peru etwa stellten Forscher fest, dass der Temperaturanstieg die beweglichen Spezies jährlich zweieinhalb Metern bergauf trieb. Spezies, die nicht zur Hyperaktivität neigen oder nicht mit der Mobilität ihrer Lebensumgebung Schritt halten können, bleiben dabei auf der Strecke. Besonders mobile Spezies erobern hingegen neue Lebensräume und verdrängen dort diejenigen, die ihnen nicht gewachsen sind. Darüber hinaus hat der Mensch durch Brandrodung oder Besiedlung »einen Hindernisparcours für die Ausbreitung der Artenvielfalt« geschaffen. Er hat Schneisen in die Natur geschlagen, die die Wanderung der Arten verhindern. »Eine Spezies, die wandern muss, um mit steigenden Temperaturen Schritt zu halten, aber in einem Waldfragment – und sei es noch so groß – gefangen ist, wird wahrscheinlich nicht überleben«, schreibt Kolbert.

In der Erdgeschichte haben sich Hindernisse aber auch als durchaus sinnvoll für die Artenvielfalt erwiesen. Spezies haben sich je nach Lebensraum separat entwickelt, aus der räumlichen Isolation ist die biologische Unterschiedlichkeit erwachsen. Die globale Mobilität des Menschen hat die Grenzen zwischen den Lebensräumen jedoch vollkommen aufgelöst; Kolbert spricht sogar von einem Neupangaea, einem riesigen Superkontinent, wie er vor dem Auseinanderdriften der Kontinentalplatten bestanden hat. Denn mit dem Menschen und seinen Waren sind auch konkurrierende Arten, Schädlinge und Krankheitserreger weltweit mobil. Allein in den Ballastwassertanks von Seeschiffen fahren tagtäglich zehntausende Spezies um die Welt; als blinde Passagiere schaffen sie den Sprung in neue Lebensräume. Dies hat fatale Konsequenzen für die Artenvielfalt, wie das anfangs zitierte Beispiel der Braunen Nachtbaumnatter gezeigt hat. Mobilität kann lokal kurzfristig sogar zu mehr Artenreichtum führen, langfristig und global gesehen aber hat es einen beträchtlichen Diversitätsverlust zur Folge. Denn während sich die wenigen robuste Spezies immer mehr ausbreiten, erliegen die zahlreichen Nischenspezies dieser Konkurrenz.

»Wenn die Welt sich schneller ändert, als Spezies sich anzupassen vermögen, fallen viele diesem Prozess zum Opfer. Und das gilt unabhängig davon, ob die treibende Kraft dieser Veränderung in einem Feuerstrahl vom Himmel fällt oder mit einem Honda zur Arbeit fährt«, schreibt Kolbert, nachdem sie den evolutionsbiologischen Fußabdruck des Menschen in dreizehn Kapiteln eindrucksvoll vermessen hat. Es ist der Fußabdruck eines selbstherrlichen Giganten, der sich seines folgenschweren Vermächtnisses offenbar nicht bewusst ist. Er ist mit verantwortlich für das Massenaussterben, das sich vor seinen Augen und doch abseits seiner Aufmerksamkeit vollzieht. Er ist Täter und Tathelfer zugleich, er ist der eigentliche Angeklagte vor dem imaginären Naturgerichtshof.

T. C. Boyle, der mit Die Terranauten gerade an einem Roman über den Menschen in einer künstlichen Umgebung schreibt, wo die Abhängigkeit und Wirkung des Menschen von und auf seine Lebensumwelt isoliert beobachtet werden kann, zeigte sich von Das sechste Sterben schwer beeindruckt. »Elizabeth Kolbert beschreibt mit schmerzlicher Schönheit die Auswirkungen, die unsere Spezies auf alle anderen Lebensformen in unserem riesigen Universum hat. Ihr Buch lässt einem einen kalten Schauer über den Rücken laufen und ist gleichzeitig absolut notwendig.« Dem ist nur eines hinzuzufügen: Kolberts Arbeit sollte zur Schulpflichtlektüre ausgewählt werden!

Der Text ist in kürzerer Form in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Kulturaustausch erschienen.

42481Elizabeth Kolbert: Das sechste Sterben – Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt

Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff

Suhrkamp Verlag 2015

312 Seiten. 24,9 Euro

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