Museumsführung mit Han Solo

© Lucasfilm

Mit »Lost« und »Felicity« hat J.J. Abrams zwei der erfolgreichsten Serienhits der vergangenen Jahre geschrieben. Nun hat er George Lucas Sternenkriegssaga fortgeschrieben. »Star Wars. Das Erwachen der Macht« ist ein solider Han-Solo-Retro-Film, der dank einer gigantischen Werbemaschine sein Geld bereits eingespielt hat. Cineastisch ist er eher eine Enttäuschung, bei den Nominierungen für die Golden Globes 2016 ist er entsprechend leer ausgegangen.

Zehn Jahre nachdem George Lucas die Vorgeschichte zu seinem ursprünglich als Trilogie angelegten Star-Wars-Epos zu Ende erzählt hat, kehren seine intergalaktischen Helden zurück auf die Leinwand. In Episode VII greift Lucas-Nachfolger J. J. Abrams den Erzählstrang auf, mit dem vor über dreißig Jahren Die Rückkehr der Jedi-Ritter endete. Damals kam es auf dem Waldmond Endor zum Showdown zwischen Luke Skywalker (Mark Hamill) und dessen Vater Darth Vader (Hayden Christensen), während die Rebellen gemeinsam mit den Ewoks den Todesstern angriffen.

Das Perfide an diesem Showdown lag in Lukes Zwang zur Zurückhaltung. Er wusste, dass er der dunklen Seite der Macht des Imperators verfallen würde, wenn er seinem Hass auf den eigenen Vater nachgeben würde. Doch er gab seiner Wut kurz nach, schlug seinem Vater eine Hand ab. Doch als er ihn verschonte, attackierte ihn der Imperator. In letzter Not bat Luke seinen verletzten Vater um Hilfe, der daraufhin den Imperator tötete, dabei aber selbst sein Leben lassen musste. Kurz bevor er starb, nahm ihm Luke die Maske ab. Noch einmal sollten sich Vater und Sohn in die Augen schauen können.

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Mit dem Ende des Imperiums dachte man, der galaktische Friede sei wiederhergestellt. Der Erfolg der Prequel-Trilogie machte aber deutlich, dass noch mehr Geld aus dem Welterfolg zu holen ist. Also kaufte Disney 2012 Lucasfilm auf und kündigte eine weitere Star-Wars-Trilogie an. Zunächst schrieb Michael Arndt an dem Drehbuch für Das Erwachen der Macht, wurde aufgrund seiner parallelen Verpflichtung bei der Verfilmung von Die Tribute von Panem aber von Lawrence Kasdan und J. J. Abrams abgelöst. Letzter führte bei Episode VII auch die Regie, nachdem David Fincher (Alien, Fight Club, Verblendung), Brad Bird (Der Gigant aus dem All, Mission: Impossible – Phantom Protokoll) und Guillermo del Toro (Hellboy, Pans Labyrinth, Crimson Peak) abgesagt hatten. Abrams wird mutmaßlich die gesamte Trilogie verantworten.

Der Amerikaner ist ein Multitalent, unter anderem zwei Star Trek-Filme und Mission: Impossible III gehen auf sein Konto. Gemeinsam mit Dough Dorst legte er im vergangenen Jahr außerdem einen ziemlich besonderen Roman vor. In S. – Das Schiff des Theseus wird die eigentliche Geschichte in Kommentaren in der Randspalte eines abgegriffenen Bibliotheksexemplars erzählt; was vor allem hinsichtlich des Buchdrucks eine Herausforderung war.

Randspalten gibt es in Filmen bekanntlich nicht, der große Held der Saga Luke Skywalker wird in Episode VII dennoch in eine solche geschoben. Dreißig Jahre später ist sein Verbleiben nach dem Sieg über das Imperium schlichtweg unbekannt. Das ist doppelt tragisch, denn der Frieden scheint nicht wirklich eingekehrt. Vielmehr formiert sich unter der Nachfolgeorganisation »First Order« ein neues Imperium, das nach der Macht greift und mit dem von Prinzessin Leia (Carrie Fisher) organisierten Widerstand – der vergeblich nach Luke Skywalker sucht – Krieg führt.

starwars_epi7_08-758840025360Unterstützt werden Leias Truppen von einem Trio, das im Laufe des Films heldenhafte Züge bekommt: Poe Dameron (Oscar Isaac), best(aussehendst)er Pilot in den Reihen des Widerstands, der wankelmütige Finn (John Boyega), desertiertes Mitglied der imperialen Sturmtruppen sowie die selbstbewusste Rey (Daisy Ridley), technisches Multitalent und auf dem Wüstenplaneten Jakku festsitzende Abwrack-Queen. Ihnen gegenüber steht das Triumvirat des Bösen, verkörpert durch das Palpatine-Follow-Up Snoke (Andy Serkins), den faschistoiden General Hux (Domhnall Gleeson) und die Oberbefehlshaberin der Sturmtruppen Captain Pharma (Gwendoline Christie). Eine besondere Rolle spielt außerdem Kylo Ren (Adam Driver), der gefallene Sohn von Prinzessin Leia und Han Solo, der in die Fußstapfen von Darth Vader tritt.

Zu Beginn des Films sieht man die keilförmige Silhouette eines Jedi-Raumschiffes durch das All gleiten, doch kurz danach schon bricht der Krieg der Sterne auf einem entlegenen Flecken von Jakku aus. Dabei wird Poe Dameron von den imperialen Truppen gefangengenommen und auf den Sternenzerstörer gebracht. Von dort kann er mit Hilfe von Finn wieder nach Jakku fliehen, um dort seinen Androiden BB-8 wiederzufinden. Denn dieser trägt das Puzzleteil einer Karte mit sich, die zum Auffinden von Luke Skywalker beitragen soll. Wie dieses Puzzlestück von Jakku zu Leias Truppen kommt und Han Solo (Harrison Ford) seine vertrackte Familiengeschichte aufarbeiten muss, davon handelt ein Großteil von Das Erwachen der Macht.

Wer erwartet, dass die von Abrams begonnene Trilogie die Saga auf den technischen Stand der Moderne holt, der täuscht sich. Der neue Star Wars-Film ist ein Feuerwerk des Retro-Kults. Fans der alten Filme kommen hier bestenfalls auf ihre Kosten, schlimmstenfalls werden sie wie der Autor enttäuscht. Zwar gibt es mit den neue »First Order«-Gleiter, ansonsten versinkt der Film aber darin, jedem Rebellen-Raumschiff eine Hommage zu setzen. Finn und Rey, die sich auf Jakku begegnen, entkommen einem »First Order«-Angriff mit einem ausrangierten Millenium Falken, Poe Dameron wird seinen größten Auftritt in dem altbewährten X Wing haben und die dunkle Seite der Macht bedient sich noch immer der imperialen Raumfähre mit einklappbaren Tragflügeln. Die Schlachten und Verfolgungsjagden verlaufen nach dem bewährten Muster, die Wucht der Bilder packt die Zuschauer verlässlich.

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Dieses Schwelgen in den alten Filmen zieht sich durch den aufwendig mit 3D-Technik gedrehten Film, bei dem den Zuschauer des Öfteren das Gefühl beschleicht, dass nicht nur das Personal, sondern auch die technische Ausstattung in die Jahre gekommen ist. Kein Wunder also, dass C3PO kein Software- Update, sondern eine Prothese für den verlorenen Arm bekommen, und der ausrangierte, weil mucksmäuschenstill vor sich hin rostende R2D2 am Ende doch noch eine tragende Rolle bekommen hat. Das Verharren in der veralteten Technik gipfelt in Laserpistolen, die wie Plastikspielzeug aus dem Micky-Maus-Heft aussehen.

Wenngleich viele Details gewinnend die Vorgeschichte dieser neuen Trilogie anklingen lassen und neue Aspekte des Altbewährten enthüllen, ist der Film vor allem auf dieser Ebene eine Enttäuschung. Nichts erinnert hier an den visionären Ursprung des Projekts, das erneute Erwachen der dunklen Mächte – zelebriert bei einem an den Nürnberger Reichsparteitag inszenierten Aufmarsch der Truppen auf dem Todesstern, die der feierlichen Einweihung einer alles platt machenden Superwaffe beiwohnen – wird begleitet vom jahrzehntealten Muff eines Museumsarchivs, durch das ein ergrauter Harrison Ford als müder Han Solo führt. Überhaupt gibt es zu viele Anspielungen und Querverweise auf die alten Star Wars-Filme.

Die gelungenste Querverbindung besteht in der Nachzeichnung der Familientragödie die sich zwischen Anakin Skywalker, Padmé Amidala und Luke Skywalker in der ersten Trilogie vollzogen hat. Hier findet sie unter umgekehrten Vorzeichen statt, denn Kylo Ren, der Sohn von Han Solo und Prinzessin Leia, wendet sich der dunklen Seite der Macht zu. Wie in Das Imperium schlägt zurück kommt es in Das Erwachen der Macht zur Begegnung von Vater und Sohn auf einem schmalen Steg inmitten des Todessterns mit überraschendem Ausgang.

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Antirassismus und Gender lauten die Schlagwörter, die für die einzigen wirklichen Neuerungen in der bewährt skurrilen intergalaktischen Gesellschaft stehen. Mit Finn erhält die Erzählung nach kuscheligen Ewoks, haarigen Wookies und polierten Androiden erstmals einen schwarzen Helden, was einige Rassisten in den USA direkt veranlasste, auf Twitter die absurde Forderung #BoycottStarWarsVII zu formulieren. Dabei wird Finn keineswegs zum großen Helden stilisiert. Aber weil sein Charakter wie bei allen anderen tragenden Figuren überaus ambivalent angelegt ist, wird er zu einem ganz normalen Bürger der Star-Wars-Republik. Gut so!

Ebenfalls ambivalent, aber absolut heroisch gezeichnet ist Rey, die Prinzessin Leia von der Bürde befreit, auf einen Mann zurückgreifen zu müssen, wenn es darum geht, ihren Frieden zu verteidigen. Sie wird diejenige sein, die in Luke Skywalkers Fußstapfen tritt. In dieser soliden Wiederaufnahme einer eigentlich auserzählten Geschichte spielt Daisy Ridley in ebenjener Rolle das übrige Ensemble an die Wand. Sie verkörpert die emanzipierte, willensstarke und versöhnliche Kriegerin, die ein Trauma mit sich trägt. Dessen Bedeutung wird hier zwar angedeutet, vollends aber erst in den Episode VIII und IX – angekündigt für 2017 und 2019 – enthüllt werden. Nach Anakin und Luke Skywalker schreibt Rey _ _ _ _ _ _ _ _ _ die galaktische Familiensaga fort, sie ist die Heldin der dritten Star Wars-Trilogie. Sie wird das Laserschwert wie einen Staffelstab übernehmen und gegen die dunklen Mächte des Universums führen. Aber die Macht, sie ruft schon nach ihr.

EP7-PosterStar Wars. Das Erwachen der Macht

Daisy Ridley, John Boyega, Oscar Isaac, Harrison Ford, Mark Hamill

FSK: 12 Jahre

Alle Infos unter http://de.starwars.com

Bildmaterial: © Lucasfilm

 

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