Comic

Diese Straße lässt einen nicht mehr los

Der französische Comic-Star Manu Larcenet hat die Dystopie »The Road« von Cormac McCarthy adaptiert. Sicherlich ist er mit seinem bisherigen Werk dafür der ideale Autor, die Wucht dieser bande dessinée ist dennoch überraschend. Das vermutlich beste Comic des Jahres 2024 kommt jetzt auch in deutscher Übersetzung heraus.

Vater und Sohn schieben einen Einkaufswagen mit Halbseligkeiten durch eine Landschaft voller Asche und Schnee, immer die menschenleere Straße entlang. Sie wollen weiter nach Süden, in der Hoffnung, dass dort, am Meer, die Verhältnisse besser sind. In der postapokalyptischen Welt, die sie durchqueren, gibt es keine Nahrung und keine Sonne, keine lebenden Pflanzen. Eine nicht näher beschriebene gigantische Katastrophe hat außer Asche, Schnee und Kälte nichts übriggelassen.

Manu Larcenet: Die Straße. Aus dem Französischen von Maria Berthold und Heike Drescher. Reprodukt Verlag 2024. 160 Seiten. 25,- Euro. Hier bestellen.

Die Zivilisation ist bei dieser Apokalypse ebenfalls in Rauch und Asche aufgegangen, übrig sind geplünderte Supermärkten und zerstörte Städte voller Ruinen. Und obendrein haben Hunger und Kälte die Menschlichkeit beseitigt: Die wenigen Überlebenden haben sich zu rivalisierenden Banden zusammengeschlossen, horten die letzten fahrtauglichen LKW und Waffen und halten andere Menschen wie Vieh als Vorrat.

Die Frau und Mutter der beiden hat Selbstmord begangen. Es bestehe keine Hoffnung mehr, steht im Abschiedsbrief, die Familie habe ohnehin keine Zukunft mehr außer der der Vergewaltigung und der Versklavung. Sie rät ihrem Mann, die letzten beiden Kugeln im Revolver für den Sohn und sich zu verwenden, unterstellt aber, dass er dazu zu feige sein würde.

Seiten aus Manu Larcenets Comic-Adaption »Die Straße«

Damit stellt sie die Grundfrage des Werks: Ist es mutig, sich zu suizidieren, ist es stark, eine Rotte zu bilden, die alles um sich dominiert, oder ist es nicht viel mutiger, dem Grauen standzuhalten, sich trotz allem die Menschlichkeit zu bewahren, den Kannibalismus für sich auszuschließen? Ist es stark, gegenüber allen misstrauisch zu sein oder ist Vertrauen in andere Menschen nicht der eigentliche Bravourakt?

Manu Larcenet hat den Roman »The Road« des US-Amerikaners Cormac McCarthy als bande dessinée adaptiert. Das ist ihm auf beeindruckende Art und Weise gelungen. Seine Version ist – wie der Roman – eine Reise durch die spezielle Hölle, die wir Menschen uns gegenseitig bereiten können, in der Hoffnung und Zuversicht unter tiefen Schichten aus Angst, Hunger und Asche begraben sind.

Die heitere Seite von Larcenets Werk

Larcenet startete seine Karriere bei der Comic-Zeitschrift »Fluide Glacial«, wo er mit seinem absurden und anarchischen Humor bekannt wurde. Werke wie die Reihe um den Spion »Bill Baroud« zeigen sein Gespür für Pointen. Larcenet wandte sich später zunehmend ernsten Themen zu. Die vierbändige Reihe »Der alltägliche Kampf« über einen jungen Fotografen, der angesichts prekärer Arbeitsverhältnisse und persönlicher Ängste seinen Platz im Leben sucht, ist da der Beginn.

Er veröffentlicht immer wieder ernste und bedrückende oder leichtfüßige und humorvolle Werke im Wechsel. Als Beispiel seien seine Beiträge zur Fantasy-Parodie »Le Donjon« genannt oder die semi-autobiografische Reihe »Rückkehr aufs Land«. Darin erzählt Larcenet, wie er mit seiner Partnerin von der Großstadt auf Land zieht, von den Anpassungsproblemen und Ängsten, aber auch von der Schönheit der Natur und neuen Freunden. Auf der anderen Seite stehen Arbeiten wie »Blast« über einen psychisch kranken Mann oder »Brodecks Bericht«, eine Adaption des gleichnamigen Romans von Philippe Claudel.

Die düstere Seite von Larcenets Werk

Nun also »Die Straße«. Man muss sagen, dass Larcenet hier ganz schön Mut beweist. Die Bücher von Cormac McCarthy gelten als nicht verfilmbar (und das betrifft ja in gewisser Hinsicht auch Comics). Der Regisseur John Hillcoat hatte es 2009 bereits mit Viggo Mortensen in der Rolle des Vaters unternommen, sein Film hat es aber nicht geschafft, das Grauen und die Ausweglosigkeit der Vorlage auszuloten – vielleicht eine Folge des großen Budgets und der Sorge der Produzenten, dass der Film in den Kinos die Zuschauer verprellen könnte.

Larcenet hingegen ist das Unternehmen geglückt. Ihm ist ein Meisterwerk gelungen, das neben dem Roman sehr gut bestehen kann. Die Seiten sind von unglaublicher Kraft, die Zeichnungen von bedrückender Ausweglosigkeit. Fast durchgehend kommen die Bilder ohne Farbe aus, nur manchmal taucht ein Lagerfeuer seine Umgebung in zartes Rot, selten sind noch Verpackungen von Lebensmitteln so gut erhalten, dass Reste von Farbe darauf sind. Das aber sind nur Tupfer in einer schwarz-weißen Welt.

Der Vater versucht, zusammen mit seinem Sohn die Menschlichkeit zu bewahren. Das ist nicht immer einfach, gelingt den beiden aber zumeist. Allerdings wird der Vater sehr kompromisslos, wenn er seinen Sohn beschützen muss und hindert ihn zudem auch daran, Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen.

Der Süden und die erreichte Küste entpuppen sich als genau so öde und leer wie alle Landschaften davor. Die Hoffnung, hier ein besseres Leben zu finden, ist zerstört. Doch ganz am Ende, als der Vater an einer Kampfverletzung stirbt, kann der Sohn seinen Mut unter Beweis stellen: Er vertraut einem Mann, der eine Familie mit Kindern hat und zieht mit diesen weiter. Dieser Schluss ist ein entfernter Verwandter des Happy End, und man mag nicht so recht glauben, dass das der Beginn einer Zukunft ist. Doch es ist ein Sieg der Menschlichkeit und der Courage unter stark erschwerten Umständen.

»Pass auf, was Du in Deinen Kopf lässt, denn das wird für immer dort bleiben«, warnt der Vater seinen Sohn, als sie an einem besonders furchterregend zugerichteten Leichnam vorbei kommen. Das könnte man auch vom Werk sagen. Die Bilder bleiben, »Die Straße« lässt einen nicht mehr los.