Erkenntnisse, die schmerzhaft sind

produkt-12279_Auszug

Die Übergänge zwischen Täter, Mitläufer, Zuschauer und Opfer sind meist fließend. Das macht eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht einfacher, zumal auch der Täterbegriff unterschiedliche Interpretationen – moralisch, juristisch, ethisch und emotional – zulässt. Inwiefern wurde diese Deutungsoffenheit von Ihren Gegenübern in Anspruch genommen bzw. bewusst gemacht?

Es gibt in der Tat fließende Grenzen zwischen Schuld und Mitschuld. Weil die Großmutter beim BDM war, ist sie nicht gleich eine Täterin. Es gilt, klar zu differenzieren, sich mit den Fakten auseinanderzusetzen und sich selbst ein Bild zu machen, anstatt die tradierten Familienanekdoten über die NS-Zeit unreflektiert und unkritisch zu übernehmen. So wie der sogenannte »Buchhalter von Auschwitz«, Oskar Gröning, sich als Rädchen im großen Mordgetriebe schuldig gemacht hat, so müssen wir uns doch fragen, inwiefern unsere Angehörigen dazu beigetragen haben, dass dieses Menschheitsverbrechen passieren konnte. Wenn wir uns ausschließlich auf die Großtäter konzentrieren, anstatt nachzuforschen und zu begreifen, warum Menschen wie Du und ich – und eben sogar die eigenen Verwandten – mit einer aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbaren Selbstverständlichkeit den Holocaust mitgetragen haben, werden wir auch nicht den Schlüssel finden, um in der Gegenwart und für die Zukunft Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen zu verhindern.

Für mich ist im übrigen entscheidend, ob jemand im Laufe seines Lebens bereit ist, das eigene Verhalten von damals kritisch zu betrachten und Schuld oder Versagen einzugestehen, oder ob er/sie weiterhin alles verdrängt und leugnet. Ich stimme dem Psychologen Jürgen Müller-Hohagen zu, dass wer das Schweigen von schuldig gewordenen Angehörigen aus falsch verstandener Loyalität deckt und mitschweigt, zum Komplizen wird. Der Fall Oskar Gröning hat gezeigt, dass Mord nicht verjährt und Aufklärung nach 70 Jahren zwar zu spät kommt, aber keineswegs umsonst ist.

Inwiefern hat Ihnen die »Wunde Ihrer noch lebenden Verwandten« die Aufarbeitung der Geschichte Ihres Großvaters erschwert und welche Hürden waren es, die sie dabei vor allem überwinden mussten?

Die eigentliche Hürde lag in mir selbst begründet – meine Zuneigung zu meinen Verwandten, insbesondere die positive Beziehung, die ich zu meiner Großmutter Ludin hatte. Es schafft große innerliche Spannungen, sich inhaltlich gegen Menschen zu positionieren, die uns nahe stehen. Mir war bewusst, dass ich in ihren Augen gewissermaßen eine Nestbeschmutzerin bin und folglich auch aus dem »inneren Kreis« ausgeschlossen werden würde. Ich vergleiche das oft mit einer Mafia-Familie: Wer sich nicht an die Omerta hält, wird zum Feind im Inneren. Das ist bei uns natürlich nicht so extrem, doch das Beispiel erklärt den Mechanismus ganz gut. Nicht anders verhält es sich bei Kindesmissbrauch – wer innerhalb der Familie wegschaut, sei es aus Scham oder Angst vor öffentlicher Anklage, macht sich zum Komplizen und zu einem Stück mitschuldig.

Warum klammern sich die meisten Nachkommen von NS-Tätern an den die Geschichte verfälschenden Familienmythos und stilisieren ihre Vorfahren entweder zu Opfern, zu passiven Zeitzeugen oder gar zu antifaschistischen Helden? Welche Mechanismen greifen da?

Besonders ein positiver familiärer Kontext hat starke bindende Kraft für die Familienmitglieder, doch selbst bei einem negativen Bezug zur Familie gibt es oft unbewusste Loyalitäten, die in Konflikt geraten, sobald man gegen das Narrativ derer verstößt, die ja unseren unmittelbaren sozialen Kontext ausmachen und uns mit ihren Werten und Vorstellungen ein Leben lang geprägt und beeinflusst haben.

Wenn wir uns ausschließlich auf die Großtäter konzentrieren, anstatt nachzuforschen und zu begreifen, warum Menschen wie Du und ich – und eben sogar die eigenen Verwandten – mit einer aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbaren Selbstverständlichkeit den Holocaust mitgetragen haben, werden wir auch nicht den Schlüssel finden, um in der Gegenwart und für die Zukunft Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen zu verhindern.

GruppenfotoIch selbst habe bei »Schweigen tut weh« anfangs Befürchtungen gehabt, mich »gegen« meine Familie zu stellen, obwohl ich es inhaltlich und politisch für richtig halte. Ich wollte meine Verwandten ja nicht verletzen oder verlieren. Die Herausforderung bestand darin, zu trennen zwischen den Menschen, die mir am Herzen liegen und ihren Positionen, die ich nicht teile. Ich habe in diesem Buch deshalb meine Großeltern auch nicht als Menschen insgesamt angegriffen, sondern als die Nazis, die sie waren, beziehungsweise meinen Großvater, der durch seine Beteiligung am NS-System zum Täter wurde. Ich habe ihn ja nie kennengelernt, weil er 1947 als Kriegsverbrecher gehenkt wurde. Das, was ich von meiner Großmutter an Gutem erfahren habe, habe ich mit der Erkenntnis, dass sie ihren Mann unterstützt hat, nicht auch gleich »zerstört«. Ich habe lediglich aufgehört, zu idealisieren. Idealisieren bedeutet, etwas nicht sehen zu wollen, das schmerzhaft ist. Das hat mir geholfen, insgesamt besser zu verstehen, wie »normale« Menschen zu Tätern werden können.

Wie haben sich die Traumata, die weiterwirken, die »Geschichte in uns«, in ihrer Familie gezeigt?

In meinem Buch »Schweigen tut weh« zeige ich, wie meine Mutter, die älteste der sechs Ludin-Kinder, an dem innerlichen Konflikt »geliebter Vater/Kriegsverbrecher« zerbrach. Sie hatte eindeutig eine post-traumatische Störung, da sie als 14-Jährige erfahren hat, dass ihr Vater gehenkt wurde – ohne, dass sie irgendjemand offen darüber aufgeklärt hätte, warum das passierte. Vielmehr galt ihr Vater Hanns Ludin als Märtyrer, weil er sich im Gegensatz zu anderen Nazi-Tätern nicht aus dem Staub gemacht oder herausgeredet hatte, sondern sich einem Verfahren stellte. Es ist insgesamt zu komplex und multikausal, um an dieser Stelle alles in ein paar Sätzen zu erklären, aber gewiss ist, dass meine Mutter psychisch an diesem Kummer und den Verdrängungen/Unwahrheiten ihrer Umgebung (Mutter, Familie, Freunde, Gesellschaft) erkrankte. Das hatte zwangsläufig auch Folgen für ihre Kinder, die mit ihrer Krankheit fertig werden mussten.

Wen sehen Sie in der Erinnerungsarbeit in der Verantwortung? Die Generation der NS-Täter selbst oder die der Kinder und Kindeskinder?

Natürlich läge die Verantwortung bei der NS-Generation. Doch diese hat ja bis heute überwiegend geschwiegen, um sich vor Anklage und Vorwürfen zu schützen. Die Vertreter dieser Generation haben dieses Verschweigen und Vertuschen sehr häufig an ihre Kinder – meist die sogenannten Kriegskinder – weitergegeben. Dazu mussten sie noch nicht einmal Täter im engeren Sinne gewesen sein, sondern eben auch »nur« Mitläufer oder Zuschauer.

Auch ihre Kinder, die Zweite Generation, hätten meines Erachtens die Verantwortung – und zwar für ihre eigenen Kinder sowie politisch für die Gesellschaft –, aufzuklären und zu begreifen, was damals passierte und inwiefern ihre Eltern involviert waren. Die eigenen Eltern kritisch zu betrachten, ihr menschliches Versagen oder gar ihre Schuld einzugestehen, ist aber besonders hart, denn wer will schon offen mit der Scham leben oder gar mit einen Täter identifiziert werden? Diese Form der Aufklärung ist sehr schwer und sehr belastend, deshalb schaffen es viele auch nicht beziehungsweise erst dann, wenn die Erste Generation, die das Schweigegebot auferlegt hat, gestorben ist. Es kostet viel Mut und Kraft, sich dieser Auseinandersetzung zu stellen – aber ich meine, es lohnt sich!

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