»Glück ist immer das kleine Gewicht auf der Waage«

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Zehn Jahre nach »Die Beschissenheit der Dinge« hat der Belgier Dimitri Verhulst seine Erfahrungen im Kinderheim in »Die Unerwünschten« verarbeitet. Wir sprachen mit ihm über seine Rettung durch die Literatur, kreative Eingebungen und die kleinen Freuden im Leben.

Herr Verhulst, vor zehn Jahren haben Sie in Ihrem Debütroman »Die Beschissenheit der Dinge« Ihre Jugend als Kind einer Familie am sozialen Rand als ein Dasein zwischen Vernachlässigung und Elend beschrieben. Dort erwähnten Sie nur beiläufig, dass Sie die meiste Zeit in Heimen und bei Pflegefamilien waren. In Ihrem neuen Buch »Die Unerwünschten« geht es um die Folgen des Aufwachsens im Kinderheim. Warum hat es so lange gedauert, darüber zu schreiben?

Es war nie ein persönliches Tabu, davon zu erzählen. Ich habe aber immer gewusst, dass ich einen vollkommen anderen Stil finden muss, um darüber zu schreiben. Die Mischung aus Humor und prosaischer Erzählung von »Die Beschissenheit der Dinge« hätte nicht gepasst. Es hat gedauert, bis ich einen Stil für »Die Unerwünschten« fand. Ich habe lange ernsthaft befürchtet, an meinem »Kinderheim-Buch« zu scheitern. Ich brauchte viel Geduld, bis ich als Schriftsteller ausreichend erfahren und stilsicher war. Für all jene, die ein erfülltes Leben genießen, scheinen Vernachlässigung und Kinderheim nah beieinander zu liegen. Das tun sie aber absolut nicht. Soziale Vernachlässigung ist etwas völlig anderes als das Leben in einem Kinderheim. Man findet zwar beides auf demselben Album, aber es ist nicht derselbe Song.

Wie schwer war es, diesen anderen Ton zu finden?

Ich wurde zufällig Zeuge, wie eine Frau, die aus ähnlichen Verhältnissen kam, vor meinen Augen von einer 51 Meter hohen Brücke sprang. Als ich half, den Leichnam zu suchen, hatte ich eine Art magischen Moment. Ich wusste plötzlich, dass es Zeit war, den Roman zu schreiben, dem ich seit Beginn meiner Karriere ausgewichen war. Und ich wusste auch, wie ich ihn zu schreiben hatte. Diese kreativen Eingebungen kann man schwer erklären, man muss sie zulassen. Man muss so lange die Angel ins Wasser halten bis ein Fisch beißt. Und wenn er erst zwanzig Jahre später anbeißt, muss man auch darauf vorbereitet sein.

Die Beschissenheit der Dinge von Dimitri Verhulst

Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten. Luchterhand Literaturverlag. 224 Seiten. 9,99 Euro.

In »Die Unerwünschten« schreiben Sie nicht aus der Ich-Perspektive, sondern erzählen die Geschichte einer Frau. Also doch kein autobiografisches Buch?

Ironischerweise ist »Die Unerwünschten« viel autobiografischer als »Die Beschissenheit der Dinge«, auch wenn das Ich zu einem Du geworden ist. Um sich den Dingen anzunähern muss man Abstand gewinnen. Wenn man zu nah am Spiegel steht, sieht man nur noch die Pickel. Ich wollte aber den ganzen Körper sehen, und zwar nicht nur meinen. Ich wusste, dass meine Geschichte nur dann Sinn ergibt, wenn es auch die der anderen aus dem Heim ist. Meine persönliche Erlebnisse sind gar nicht so wichtig. Erzählt werden muss aber die sehr viel größere Sache, von der ich nur ein kleiner Teil war. Allein das zu verstehen, war überaus befreiend.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie selbst wie ihre beiden Protagonisten Gianna Nijmandt oder Stefaan Cools hätten enden können? Und wodurch wurde Ihnen deren Schicksal erspart?

Glück, glaube ich. Und mir treu geblieben zu sein. Als ich sechs Jahre alt war, habe ich mir zwei Dinge geschworen. Erstens: Ich werde Schriftsteller. Und zweitens: Ich werde nicht wie meine Eltern enden. Ganz sicher hat die Literatur mein Leben gerettet und tut es noch. Aber eine nette Freundin mit 16 Jahren hilft natürlich auch, genauso wie jemand, der dafür sorgt, dass du deine Zähne putzt. Mir halfen auch Freunde, die sich wie ich für Musik interessiert haben oder mit denen ich ins Museum gehen konnte. Und ich hatte echt Angst vor Drogen, als ich jung war. Ich fürchtete mich davor, die Kontrolle zu verlieren. Sie müssen sich vorstellen, ich war damals von Drogen umgeben, habe sie aber kaum angerührt. Und vergessen wir nicht die Rolle guter Lehrer, also von Menschen, die deine Qualitäten entdecken, die dich motivieren, an den Dingen dranzubleiben, die du kannst und magst. Ich bin sicher, dass die Menschlichkeit dann am Ende ist, wenn Regierungen nicht mehr an Bildung glauben. Ich muss zugeben, Kinderheime sind keine Gefängnisse, so wie sie auch keine Paradiese sind. Aber die Menschen, die dort arbeiten, machen das aus Überzeugung. Für alles andere werden sie viel zu schlecht bezahlt. Ich bin kein Bildhauer, aber ich wünsche mir, dass einige meiner Bücher diesen selbstlosen Menschen ein Denkmal setzen.

In welcher Figur erkennen Sie sich am besten wieder?

Keine meiner Figuren ist ein Alter Ego, wenn Sie das meinen. Ich verwirkliche mich in der Art, wie ich meine Romane schreibe.

Gottverdammte Tage auf einem gottverdammten Planeten von Dimitri Verhulst

Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten. Luchterhand Literaturverlag. eBook (epub). 6,99 Euro.

»Gottverdammte Tage auf einem gottverdammten Planeten« ist Ihre Klage über das Wüten des Menschen auf Erden. Es liest sich sowohl wie die Geschichte als auch die Abrechnung mit der Menschheit. Was besorgt Sie am meisten am menschlichen Wirken auf der Erde?

Ich bin ein fröhlicher Pessimist und ein sozialer Misanthrop. »Gottverdammte Tage« ist in erster Linie ein stilistisches Manifest, in dem aus der Dunkelheit eine Symphonie hervorgeht. Geschrieben im archaischen Stil der Bibel stellt es nicht Götter und Engel in den Mittelpunkt, sondern den Menschen selbst. Sie, mich, alle von uns. Es ist kein schöner Gedanke, aber niemand fühlt sich dieser Spezies Mensch zugehörig. Diese Tatsache wird einfach mit aller Kraft ignoriert. Aber Fakten bleiben Fakten und Geschichte bleibt Geschichte. Wir alle gehören zu diesem skrupellosen Biest. Menschheit, das bin ich auch selbst, so weh es tut, das zu akzeptieren.

In »Die Unerwünschten« sagt einer Ihrer Protagonisten, dass nicht die vielen Menschen auf der Welt das Problem seien, sondern die vielen Unerwünschten. Fühlten Sie sich als Kind unerwünscht?

Natürlich war ich unerwünscht. Ich war ein Unfall. Was nicht unbedingt ein Problem darstellen muss, die Geburt des Universums war ja auch einer. Meine Mutter schmiss mich raus, da war ich zehn Jahre alt. Sie begann noch einmal von vorn, ließ alles hinter sich. Und verdammt noch mal, es war ihr gutes Recht. Sie tat genau das, was Nora in Ibsens Stück »Nora oder Ein Puppenheim« tut, nur ein Jahrhundert später. Dennoch war es schockierend. Meine Pflegeeltern haben mich ebenfalls rausgeschmissen – ich warte bis heute auf eine Erklärung. Mein Vater zog es vor, sich tot zu saufen, statt seinen Sohn aufzuziehen. Nun gut, mir bleibt nicht viel mehr, als das zu respektieren. Schließlich wusste er, was er tut. Ich würde daher nicht sagen, dass ich mich ungewollt fühle. Ich war schlichtweg ungewollt. Hat es mich verletzt? Ich denke schon. Und wenn man den Frauen glaubt, mit denen ich versucht habe, zusammenzuleben, dann hat es das ganz erheblich.

Verletzt es Sie noch immer sehr, wenn Sie an Ihre Kindheit und Jugend denken?

Das mag gespielt klingen, aber es hat mich zu einem reichen Mann gemacht. Ich kannte schnell alle sozialen Schichten: Ich habe mit meinen Eltern in ärmlichen Verhältnissen gelebt, dann bei meinen Pflegeeltern, die mich zum Freimaurer machen wollten, und schließlich in Kinderheimen mit wenig Zuwendung. Ich habe auch schon sehr jung allein gelebt, auf einem Dachboden. Sehr romantisch, wie van Gogh, ich weiß. Aber um auf die Frage zu antworten: nein, es verletzt mich nicht, an meine Jugend zu denken. Ich bin froh, dass sie vorbei ist. Der bloße Gedanke, dass sie eines Tages vorbei sein wird, hat mich als Kind stark gehalten. Ich bin jetzt in dem Leben angekommen, das ich mir als Kind immer gewünscht habe. Das fühlt sich fantastisch an.

Bloedbook

Sind Sie in den Kinderheimen jemals in Kontakt mit sexuellem Missbrauch gekommen?

Natürlich. Und ich bin immer noch damit in Kontakt.

Sie sind in religiösen Verhältnissen groß geworden. In »Die Unerwünschten« rekapituliert Ihr Erzähler das Leben von Gianna im Wechsel mit dem »Vater Unser«. Ihr »Bloedboek«, eine Nacherzählung der ersten fünf Bücher der Bibel, ist in Deutschland noch nicht veröffentlicht, wurde in Belgien aber kontrovers diskutiert. Sie sprechen darin davon, in der Bibel der »weltweiten Sprache des Völkermords« begegnet zu sein. Kommen wir zur Gretchenfrage: Wie haben Sie es mit der Religion?

Die Bibel hat mich zu einem Schriftsteller gemacht. Nicht allein, aber doch zu einem Teil. Denn um mich herum gab es keine Literatur, die biblischen Geschichten waren die einzigen Erzählungen, die ich kannte, und ich war davon begeistert. Mit meinem »Bloedboek« wollte ich dem Stil und der Sprache dieser Geschichten meinen Respekt erweisen. Aber als ich sie noch einmal las, stieß ich auf ein Werk voller Rassismus und Völkermord. Das sollte eigentlich niemanden überraschen, die Bibel liegt überall herum, selbst in Hotelzimmern. Lesen Sie das mal! Ich sage nichts neues, Moses hat das doch alles aufgeschrieben. Die einen sind besser als die anderen, weil das irgendwelche Götter entschieden haben.

Was soll ich noch sagen? Dass ich nicht verwundert war, dass mein Buch in Israel nicht übersetzt wurde? Bin ich ein Antisemit, weil ich das sage? Nein, nicht im Geringsten. Aber es ist das erste Mal, dass ich mir diesen Vorwurf immer wieder anhören muss, nur weil ich diese Tatsache ausspreche.

Ich glaube an eine bessere Welt ohne Religion, das tue ich wirklich. Soll doch jeder glauben oder nicht glauben, was er will. Der Glaube ist eine ganz persönliche Sache. Aber es muss eine persönliche bleiben! Hören wir doch auf, die Ideen und Meinungen anderer den Leuten in den Rachen zu stopfen. Hören wir auf, die Menschen mit Gesetzen zu belästigen, die vor tausenden Jahren geschrieben worden sind, in einer Welt, die schon lange Geschichte ist. Es ist Zeit, den französischen Laizismus in alle Sprachen der Welt zu übersetzen. Bis heute versteht diese wundervolle Idee kaum einer. Übrigens auch jene nicht, die der Meinung sind, sie müssten das Land, das sie hervorgebracht hat, mit Terror überziehen. Sie haben vergessen, dass Ayatollah Khomeini in Frankreich Schutz fand. Dass er sich dort in Frieden verstecken konnte, weil der laizistische Staat Menschlichkeit hervorgebracht hat. Inzwischen befinden wir uns wieder in Zeiten der Inquisition beziehungsweise auf dem besten Weg dorthin. Und ich fürchte, dass das nicht die menschenfreundlichste Zeit sein wird.

Die Unerwuenschten von Dimitri Verhulst

Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten. Luchterhand Literaturverlag 2016. 144 Seiten. 18,00 Euro.

Ihr Stil ist sarkastisch, aber leidenschaftlich, explizit und urkomisch. Ist das Ihre Antwort auf die harte Wirklichkeit der modernen Gesellschaft?

Ich vermisse das Wort poetisch. Nun gut… Wirklichkeiten waren immer hart. Es war zweifelsohne sehr viel härter, im 12. Jahrhundert gelebt zu haben. Orson Welles hat mal gesagt, dass in der Schweiz Jahrhunderte lang Frieden und Wohlstand herrschte. Und was hat es ihnen gebracht? Die Kuckucksuhr!

Zwei Ihrer Romane wurden bereits verfilmt, »Die Beschissenheit der Dinge« von Felix van Groeningen, ihr Einwanderungsbuch »Problemski Hotel« von Manu Riche. Macht es Sie stolz, Ihre Geschichten auf der Leinwand zu sehen?

Mit diesen Adaptionen bin ich überglücklich. Beide Filme sind brillant, jeder auf seine Weise. »Die Beschissenheit der Dinge« hat seinen Weg bis nach Cannes und von dort in die Welt gemacht. »Problemski Hotel« wurde unglücklicherweise nicht so wahrgenommen. Ein Drama, denn dieser Film verdient Standing Ovations in allen Kinosälen dieser Welt.

Was bedeutet es für Sie, glücklich zu sein? Oder ist das für Sie ein unmöglicher Zustand?

Meine Leichtigkeit, wenn ich sie denn mal empfinde, ist nicht unerträglich. Glück ist immer das kleine Gewicht auf der Waage – eine gute Flasche Pomerol, ein Stück Brie, die Lektüre eines guten Buches, die Freude am Sex. Ich kümmere mich um diese kleinen Freuden, halte an ihnen fest. Wer mir erzählt, bei ihm sei das Glück das große Gewicht auf der Waage, der lügt. Dessen Glück ist wertlos. Es braucht einfach unglaublich viel Egozentrik und Ignoranz, um glücklich zu sein. Mir fehlen diese Eigenschaften.

Ein Gedanke zu “»Glück ist immer das kleine Gewicht auf der Waage«

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