Der Porträtist des »Homo Hierarchicus«

Porträt-Aravind-Adiga

Der indische Schriftsteller Aravind Adiga gewann 2008 mit seinem Debütroman »Der weiße Tiger« den Booker Prize. Nach »Zwischen den Attentaten« und »Letzter Mann im Turm« ist nun sein vierter Mumbai-Roman »Golden Boy« erschienen, in dem es um Cricket und das Scheitern großer Hoffnungen geht. Wir trafen Adiga in Berlin und sprachen mit ihm über den indischen Volkssport, die wachsende Gewalt in der größten Demokratie der Welt sowie über Grenzen und Limitierungen beim Schreiben.

Herr Adiga, im Vorgespräch haben Sie angedeutet, dass Ihre Romane die soziale Realität Indiens nicht ausreichend beschreiben würden. Sie stünden zu nah vor den meisten Problemen, um sie zu sehen und adäquat über sie zu schreiben. Ihre Leser sehen das sicher anders.

Jeder Schriftsteller muss sich den Grenzen seines Schaffens bewusst sein. Andernfalls ist Autorschaft im Sinne der Annahme einer übergeordneten Perspektive lächerlich und anmaßend. Ich bin nicht mehr der junge Autor, der ich vor zehn Jahren war. Damals hätte ich Ihnen wahrscheinlich noch gesagt, dass ich in meinen Romanen das echte Indien abbilde. Inzwischen bin ich aber älter und mir der Grenzen meines Schreibens bewusst. Meine Rolle als Künstler verschafft mir keinerlei Vorteil. Ganz im Gegenteil, Künstler sind oft im Nachteil, wenn es darum geht, die Gesellschaft in den Blick zu nehmen, denn sie haben kein normales Dasein. Ich gehe beispielsweise keinem regulären Job mehr nach, wie noch vor zehn Jahren, als ich als Journalist jeden Tag auf die Straße musste. Ich bin von dem Alltag, der das Leben der meisten Menschen prägt, weiter entfernt als damals. Dessen bin ich mir bewusst, vielleicht auch, weil ich es vermisse, rauszugehen, Menschen zu interviewen und hinterher eine Reportage zu schreiben.

Wenn man den kritischen Blick auf sich selbst und den gesunden Zweifel an der eigenen Richtigkeit verliert, dann hat man als Künstler schon versagt. Indem ich mir das vor Augen führe, hoffe ich, von Anfang objektiver zu sein, als ich es ohne diese Selbstkritik wäre. Das verpflichtet mich, auch für meine Bücher rauszugehen, Menschen zu begegnen und ihnen zuzuhören. Ich beginne also immer mit klassischen journalistischen Recherchen und forme erst im Anschluss meine literarische Vision. Das war auch bei diesem Buch der Fall.

Dann müssen Sie sich viel in Cricket-Stadien aufgehalten haben, denn genau darum geht es in Ihrem Roman? Cricket ist in Deutschland nur eine Randsportart. Was sollten Ihre Leser darüber wissen, bevor Sie zu diesem Roman greifen.

Cricket ist in Indien eine gigantische Sache, man begegnet ihr überall. Es ist vergleichbar mit Fußball in Brasilien, wirklich jeder spielt es. Wir sagen sogar, dass Indien nur zwei echte Religionen hat: Bollywood und Cricket.

»In England ist Cricket nur ein Spiel«, sagt der talentierte junge Spieler Manju Kumar, der »Golden Boy« in dieser Geschichte, in Ihrem Roman. In Indien ist es anders. Wir lesen, Cricket sei »der Sieg der Zivilisation über den Instinkt« oder habe »die magische Kraft, Menschen aus der Gosse zu holen«. Hat Cricket tatsächlich eine solch existenzielle Bedeutung für die indische Gesellschaft?

Bis 1991 hatte Indien eine weitgehend sozialistische Wirtschaftsordnung. Mit der Öffnung hin zum Kapitalismus wurde Cricket der Vermarktungsmaschine zum Fraß vorgeworfen. Der Sport ist seitdem zur Identifikationsfläche und zum Hoffnungsträger für 1,3 Milliarden Menschen geworden. Er ist Hauptwerbeträger für alles, was in Indien Bedeutung erlangen soll. Deshalb handeln die erfolgreichsten Bollywood-Filme vom unaufhaltsamen Aufstieg eines Cricket-Spielers aus armen Verhältnissen. Unter den Top-Ten der Buchverkäufe stehen immer mindestens drei, die sich mit Cricket beschäftigen. Nahezu jede Wirtschaftsbranche wird mit Cricket-Stars beworben und wenn neue Produkte aus dem Ausland in Indien eine Chance haben wollen, dann braucht es einen erfolgreichen Spieler als Werbebotschafter. Was die wenigsten wissen: die besten Cricket-Spieler in Indien verdienen Millionen, mehr als manch Tennisstar. Sie gehören zu den bestbezahlten Sportlern der Welt.

Es ist keine Seltenheit, dass ein Volkssport auch wirtschaftlich bedeutend ist.

Das mag sein, die Ausmaße sind hier aber ausschlaggebend. Wir haben es hier mit einem Milliardengeschäft zu tun, das zugleich Zentrum der organisierten Kriminalität ist. Sportwetten sind in Indien beispielsweise verboten. Aber in jeder Bar in Indien kann man auf Spielergebnisse oder Wechselgerüchte von Spielern wetten. Manche Bars haben richtiggehende Wettbüros, wo Gemeinschaftswetten abgegeben werden können, die Mittelsmänner vorher auf der Straße gesammelt haben. Milliardenbeträge gehen da jedes Jahr über den Tresen. Dahinter steckt eine Mafia, die Kontakte bis in die Politik hinein besitzt. Cricket ist in Indien also nicht nur Volkssport, sondern Zentrum eines milliardenschweren Wirtschafts- und Finanzuniversums mit dazugehörigem Schwarzmarkt.

Ironischerweise wurde Cricket im 19. Jahrhundert in England als antikapitalistisches Spiel erfunden.

Tatsächlich ist Cricket ein Spiel, dass sich den klassischen Vermarktungsstrategien entzieht. Ein klassisches Match dauert fünf Tage, oft gibt es kein richtiges Endresultat, die ganze Zeit geht es nur um Fair Play und darum, nicht zu verlieren. Es war ein Upper-Class-Sport, der in Eaton und Oxford gespielt wurde. Die Ehre stand im Vordergrund, nicht umsonst wurde es lange Zeit »Gentlemans Game« genannt. Im Vergleich dazu wurde Fußball für die Fabrikarbeiter und ärmeren Schichten erfunden. Zwei Halbzeiten, ein klares Ergebnis, es geht um Fitness und die Stärkung des Teamgedankens – alles Eigenschaften, die im Zuge der Industrialisierung wichtig waren. Cricket war die aristokratische Antithese, man konnte beim Spielen fett werden. Es war der gelebte Ausdruck der Nichtachtung des Kapitalismus der oberen Schichten. In Indien mutierte der Sport aber zu einer Massenbewegung, viel stärker, als in den anderen ehemaligen Kolonialstaaten des britischen Reiches wie Pakistan, Sri Lanka, Neuseeland und Australien, wo Cricket auch gespielt wird.

Indien gewann erst vor kurzem die Cricket-Weltmeisterschaften.

Was heißt Weltmeisterschaften? Es ist ja nur ein knappes Dutzend Länder, in denen der Sport überhaupt gespielt wird. Südafrika gehört beispielsweise auch dazu, aber dort wird Cricket im Grunde nur von Weißen gespielt. Cricket ist in den meisten Ländern nur ein Minderheitensport. Nur in Indien nicht, wo es sich zu einem Wahn entwickelt hat, der dem Markt dient. In den vergangenen Jahren haben sich Varianten entwickelt, die dem Baseball ähneln. Statt mehrerer Tage dauert ein Spiel dann nur zwei Stunden und es gibt ein klares Ergebnis am Ende. Das lässt sich besser verkaufen.

Im Mittelpunkt ihres Romans stehen die Brüder Radha und Manju Kumar, zwei vielversprechende Talente, die irgendwann zu Konkurrenten werden. In Deutschland gibt es mit den Boateng-Brüdern im Fußball eine ähnliche Konstellation, bei der der jüngere Jerome seinem älteren Bruder Kevin den Rang abgelaufen hat. Wie fiktiv sind die Figuren in Ihrem Roman?

Ich habe viele Nachwuchsspieler und deren Väter interviewt, meine Figuren setzen sich aus den Erzählungen dieser Menschen zusammen. In meinem Roman finden sich Geschichten, die genau jetzt zahlreiche Zwölf- bis Vierzehnjährige in Indien durchmachen. Das ist das Alter, in dem die Scouts auf Talentsuche gehen und anfangen, die vielversprechendsten Jungspieler zu beobachten. Deshalb findet man auf jedem freien Platz in Mumbai Cricket spielende Kinder. Am Rand steht fast immer ein Mann, der Anweisungen brüllt. Das ist ein Vater, der hofft, seinen Sohn oder seine Söhne ganz nach oben zu bringen. Diese Hoffnung herrscht in unzähligen Familien in Indien, es ist oft der einzige Weg raus aus dem Elend.