We are so fucked: Bodypolitics auf der 68. Berlinale

Touch me Not von Adina Pintilie © Manekino Film, Rohfilm, Pink, Agitprop, Les Films de l'Etranger

Am Ende wenden sich zwei Frauen aus Osteuropa dem brisanten Thema »Bodypolitics« zu. Die rumänische Regisseurin Adina Pintilie konfrontiert die Zuschauer mit einem verstörenden Forschungsprojekt, in dem alle Hüllen fallen, Małgorzata Szumowska macht einen jungen Schönling zum Ungeheuer und beobachtet vor dem Hintergrund von Polens national-religiöser Ideologie die Reaktionen.

Was macht der Körper mit uns und wir mit unserem Körper? Welche Rolle spielt das äußere Erscheinungsbild für die Wahrnehmung des dazugehörigen Menschen? Wie sehr lassen wir uns von dem, was allgemein als schön und hässlich, anziehend und abstoßend wahrgenommen wird, beeinflussen? Wie gehen wir mit Ablehnung um, ganz egal, ob sie uns trifft oder von uns ausgeht? Das sind Fragen, die Adina Pintilie und Małgorzata Szumowska in ihren Wettbewerbsbeiträgen in ganz unterschiedlicher Form bewegen.

Die Rumänin Pintilie inszeniert für ihren Film ein Forschungsprojekt, in dessen Zentrum drei Charaktere stehen. Die etwa 50-jährige Laura steht im Zentrum ihres Interesses, denn sie hat noch nie eine sexuelle oder zärtliche Begegnung zulassen können. Nähe provoziert bei ihr eine starke körperliche Reaktion, sie kann sie nicht ertragen. Sie lässt sich auf ein Experiment ein, bei dem ihr Begegnungen mit einem herkömmlichen Callboy, einer transsexuellen Sexdienstleisterin und einem Mann, der als Sexarbeiter so ziemlich alles macht, was seine Kunden von ihm wünschen, ermöglicht werden. Sie wird dabei stets mit der Kamera beobachtet, um zu sehen, was diese Begegnungen mit diesen selbstbewussten Persönlichkeiten, für die ein grundsätzlich positives Verhältnis zum eigenen Körper ganz selbstverständlich ist, in ihr auslösen.

In einem Seitenstrang der Erzählung beobachtet Pintilies Kamera eine Gruppe von Menschen, die sich durch Berührungen kennenlernen. Hier stehen Tómas und Christian im Zentrum ihres Interesses, die jeder für sich besonders sind. Christian ist körperlich behindert, seine Figur ist vollkommen verdreht. Eine Lähmung im Gesicht sorgt zudem für einen permanenten Speichelfluss aus dem Gesicht. Ihm gegenüber gestellt ist Tómas, der kein einziges Haar am Körper hat und wirkt, als wäre er ein Vorzeigeexemplar des perfekten Menschen. Man sieht jedoch nicht, dass er ähnlich wie Laura eine Mauer um sich herum hochgezogen hat, um Gefühle des Unwohlseins oder der Ablehnung nicht herauszulassen. Konfrontiert mit Christian und dessen offenem Umgang mit seinem Nähebedürfnis trotz Behinderung ist Tómas gezwungen, sich seinem inneren Widerstand zu stellen.

Die Ästhetik dieses Filmes ist eine der Sauberkeit und Reinheit, selbst dann, wenn die Handlung in einen Sexklub führt. Vermutlich eine Metapher auf die Perfektion, die allzu oft verlangt wird, gerade wenn es um den (eigenen) Körper geht. Angst vor einem sterilen Blick muss man ohnehin nicht haben, da die Gespräche, die Laura, Tómas und Christian mit Pintilie über die Kamera führen, immer wieder aufwühlende und irritierende Momente herbeiführen. Vor allem, weil Pintilie sich weder um Fragen der Beklemmung noch um das Tabuthema Behinderung und Sexualität drückt. Sie thematisiert in ihrem dokumentarisch anmutenden Spielfilm Fragen der Intimität und Lust, der Nähe und des Vertrauens, der Ablehnung, Wut und Aggressivität. Die permanente Zumutung der Grenzüberschreitung ist dabei zentral für die Wirkung, die der Film auf die Zuschauer hat. Schonungslose zwingt er dazu, den Blick auf das Körperliche neu zu justieren und fordert dazu heraus, die eigene Toleranz zu den Spielarten des Sexuellen zu überdenken.

Twarz | Mug von Małgorzata Szumowska © Bartosz Mronzowski

Twarz | Mug von Małgorzata Szumowska © Bartosz Mronzowski

Die polnische Regisseurin Małgorzata Szumowska, die 2015 mit ihrem Spielfilm Body den Silbernen Bären für die Beste Regie erhielt und im Jahr darauf Teil der Jury unter dem Vorsitz von Meryl Streep war, wählt einen politischeren Ansatz, um die Wirkung des Körperlichen auf unsere Wahrnehmung zu untersuchen. In ihrem Film Twarz stellt sie zunächst eine typische Dorfgemeinschaft vor. Es wird getanzt und gesoffen was das Zeug hält und die Kirche hält über alles ihre schützende Hand. Schließlich will sie mit Unterstützung der Bewohner die größte Jesusstatue der Welt bauen. Der Dorfschönheit Dagmara und dem schönen Sonderling Jacek ist das alles egal, sie wollen einfach nur ihr Leben genießen. Um dabei über die Runden zu kommen, hilft der langhaarige Heavy-Metal-Fan beim Bau der Statue, auch wenn er mit der Kirche nichts am Hut hat. Dieses schweben zwischen den Welten spiegelt sich auch in seiner Identität; für die Dorfbewohner ist er mal Jesus, mal Satanist, je nachdem, wem er gegenübertritt.

Beim Bau der Statue kommt es zu einem tragischen Unfall. Jacek stürzt von einem meterhohen Gerüst. Warum es ausgerechnet sein Gesicht so schwer erwischt, bleibt zwar unklar, bildet aber die Grundlage für den zweiten Teil der Erzählung. Es ist die Geschichte seiner Wiederauferstehung mit neuer Visage, hinter der seine Schönheit verschwindet. Weil die Transplantation aber eine medizinische Sensation ist, steht er plötzlich im öffentlichen Fokus und lernt, nun als ungeheuerlicher Sonderling sich selbst anzunehmen. Zurück im Dorf schlagen ihm jedoch nur Abscheu und Ekel entgegen. Dagmara wendet sich von ihm ab und selbst seine Mutter will ihren Sohn nicht mehr wiedererkennen. Einzig Jacek Schwester hält zu ihm und kämpft für seine Akzeptanz in der Familie und im Dorf.

Fortan dreht sich der Film darum, wie sich Jaceks verändertes Äußeres auf die Gesellschaft auswirkt. Sein innerer Kampf mit sich selbst spielt kaum eine Rolle, Szumowska konzentriert sich auf die gesellschaftliche Wirkung. Vor allem hinterfragt sie die religiöse Moral der Nächstenliebe, die für Jacek plötzlich nicht mehr gilt. Ohnehin hat sich in Polen die Kirche längst an einen traditionsverhangenen Nationalismus verkauft. Am Ende des Filmes wird das in ein wunderbares Abschlussbild gebracht, indem der Christus-Statue der Kopf verdreht wird.

Die polnische Regisseurin verbindet in Twarz die Themen ihrer beiden vorangegangenen Berlinale-Filme. 2013 war sie mit ihrem religionskritischen Drama W imie… (In the Name of…) im Wettbewerb vertreten, 2015 gewann sie mit ihrem Drama Body, das sich um die magersüchtige Olga und die Ursachen ihrer Selbstkasteiung dreht, den Silbernen Bären für die Beste Regie. Religion und Körperpolitik führt sie hier zu einer bewegenden Geschichte zusammen, die die Leere der Religion entlarvt und die Bedeutung des Organischen für Empathie und Anstand betont. Symbolisch steht dafür die Eingangsszene. Da sieht man eine Meute nackter Menschen über die Angebote eines Supermarkts herfallen, weil Nackedeis besondere Rabatte erhalten. Der Kapitalismus frisst seine Kinder und mit ihnen die Moral. Der Körper wird zur Währung, die allzu eilfertig zu Markte getragen wird.

Es sind Szenen wie diese, mit denen Szumowska dem Film die Schwere nimmt. Ihren Hang zum schwarzen Humor hatte sie in Body schon unter Beweis gestellt. In Twarz lässt sie unter anderem noch eine Exorzistenszene traumhaft eskalieren und hat in einem Beichtstuhlgespräch den zweifellos besten Dialog der diesjährigen Berlinale verankert.

»We are so fucked« dröhnt es zu Beginn des Films aus den Boxen von Jaceks Auto. Solange wir den Körper nur als Ware betrachten und entsprechend nach den Aspekten seiner Verwertbarkeit betrachten, ist dem leider nichts entgegenzusetzen.

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