Vorwärts in die Vergangenheit

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2017 war das Jahr der Krise der Demokratie. Zwischen hoffnungsvollem Pessimismus und vorsichtigen Optimismus schwanken die Analysen und Prognosen von Philipp Blom und Bernd Ulrich. Übereinander gelegt entfalten »Was auf dem Spiel steht« und »Guten Morgen, Abendland« eine beindruckende intellektuelle Wucht. In einem stimmen sie überein: Ein leichtes Unterfangen wird die Neuerfindung der Demokratie nicht.

Den historisch tieferen Zugriff wählt dabei Philipp Blom. Wir kennen das, wenn der Wiener Publizist sich mit Geistesgeschichte und der Geschichte von Mentalitäten beschäftigt. Seine Essays und Studien wirken dabei nie abgehoben, pflegen nie den philosophischen Diskurs um des Diskurses willen, sondern sie sind stets verbunden mit den realen, sozialen, gesellschaftlichen Grundlagen des Lebens. Ihn interessieren die Rückkoppelungen und Wechselwirkungen sozialer, kultureller und intellektueller Umbrüche, so etwa im Europa der Jahre zwischen 1900 und 1914 oder, wie jüngst, im Europa der kleinen Eiszeit. Ebenso interessieren ihn, was wir aus diesen Vergangenheiten lernen können. Zurückzublicken, um nach vorne zu schauen, ist die subkutane Anleitung der Bücher Bloms. Und so verbindet er seine Geschichte der Kleinen Eiszeit mit einigen Überlegungen zum Klima der Gegenwart. Eine intellektuelle Aufforderung, der er nun in Was auf dem Spiel steht nachgeht.

Philipp Blom sieht die aktuellen Gesellschaften von zwei Entwicklungen in die Zange genommen. Vom Klimawandel wie von der Digitalisierung. Beide Entwicklungen bedeuten enorme Transformationen, die tief in die wirtschaftlichen Zusammenhänge, soziale Strukturen und politische Machtgefüge eingreifen. Ein drittes kommt hinzu: Die Zurückweisung der reichen Gesellschaften, sich aktiv den Entwicklungen entgegenzustellen. Das harte Urteil Bloms: Sie, die saturierten Gesellschaften Europas und Nordamerikas, verweigern sich der Zukunft. Die Menschen in der reichen Welt wollen nur, dass die Gegenwart nie endet. Bitte keine Veränderung. Zum höchsten Ziel wird der Erhalt des Status quo ernannt.

Wenn dies denn alles so einfach wäre. Leider tritt Zukunft auch dann ein, wenn man sie vermeiden möchte. Klimawandel geschieht, auch wenn man ihn leugnet. In Die Welt aus den Angeln beschreibt Blom, wie der Klimawandel des 16. Jahrhunderts als Katalysator wirkte, der soziale Veränderungsprozesse einerseits auslöste, anderseits beschleunigte. Der permanente Druck auf gewohnte Lebensweisen wie auf etablierte Sozialstrukturen erzwang oder begünstigte zumindest weitere Umwälzungen. Bis dato bewährte und stabile Strukturen hielten den Veränderungen nicht mehr stand. Blom wies mit diesem historischen Klimawandel auf die Veränderungen hin, vor denen wir mit dem aktuellen, vom Menschen gemachten Klimawandel stehen werden. Auch dieser Klimawandel wird unser individuelles Leben wie unser gesellschaftliches Zusammenleben – national wie international – verändern. Er hat Auswirkungen auf die die Art und Weise, wie wir produzieren und wirtschaften. Er wird auch unser Denken verändern und gleichzeitig müssen wir unser Denken verändern. Die kleine Eiszeit brachte letzten Endes die Aufklärung hervor und mit ihr die Ideale wie die Freiheit universeller Menschenrechte, die Freiheit von Völkern und Nationen und die Freiheit des Marktes. Dieses reiche Erbe sei, so Blom in Die Welt aus den Angeln, fatalerweise auf den Marktliberalismus reduziert worden und dieser sei die »intellektuelle Sparversion der Ideale der Aufklärung«.

Wohin diese Reduktion politisch und mental geführt hat, zeigt Blom uns in Was auf dem Spiel steht. Diese intellektuelle Verkürzung verengt auch den gesellschaftlichen Rahmen. Blom bemängelt: »Gesellschaft ist Ökonomie plus Freizeit, vor allem aber Ökonomie. Der Erfolg dieser Gesellschaft wird in Produktionsziffern gemessen, in Umsatz und Profit.« Eine Gesellschaft, die sich als Markt versteht, mag internationalistischer sein, pragmatischer und weniger kriegerisch als durchideologisierte Nationalstaaten. Blom erkennt diesen zivilisatorischen Fortschritt an. Er verweist aber zugleich auf die großen Schwierigkeiten, die damit verbunden sind. Die neue Erzählung vom Menschen als Konsument trägt nicht auf lange Sicht. Ein durchorganisierter Markt nach den Kriterien Effektivität und Effizienz bietet keine gemeinschaftliche Identität oder eine Art verbindlicher Transzendenz. Zwei Voraussetzungen für jede Gesellschaft, um zu überleben. Anthropologische Konstanten sind auf lange Sicht eben stärker als eine vergleichsweise moderne Wirtschaftsform.

Nicht zu übersehen ist ebenfalls, dass die Versprechen des liberalen Marktes nicht (mehr) eingehalten werden. Im Gegenteil, die immanenten Widersprüche treten offen zu Tage. Unser Geschäftsmodell, das auf Ausbeutung unserer natürlichen Grundlagen beruht, ist längst an seine Grenzen gelangt. Weniger abstrakt, aber deutlich individuell spürbarer war die Wirtschaftskrise der Jahre ab 2008. Diese Krise hat, wie Blom formuliert, nicht nur finanzielle Reserven sinnlos verbrannt, sondern – viel schlimmer – »auch sehr öffentlich und ohne jedes Schamgefühl den Glauben an die fundamentale Gerechtigkeit einer Gesellschaft, die ehrliche Arbeit belohnt und Verbrechen bestraft«. Die Konsequenzen sehen wir heute: Ernüchterung hat sich breit gemacht, Enttäuschung. Offene, globalisierte Märkte produzieren Verlierer auch im reichen Norden. Wir haben eine verlorene Dekade hinter uns. Noch immer reden uns diejenigen ein, wie die beste aller Welten funktionieren sollte, die das System vor zehn Jahren in den Abgrund geführt haben. Wir haben nur wenige empirische Daten darüber, wie sich liberale Demokratien während einer lang anhaltenden Wirtschaftskrise entwickeln, in der das Wirtschaftswachstum gestört oder gar umgekehrt wird. Das Beispiel Ende der 20er/Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts ist kein sehr ermutigendes. Die Stabilität demokratischer Gesellschaften in der Vergangenheit speisten sich aus ihrer Fähigkeit, die Bürgerinnen und Bürger von ihren Vorteilen zu überzeugen. Ob es gelingt, enttäuschte Bürgerinnen und Bürger wieder von den Vorzügen der Demokratie zu überzeugen, wird eine der relevanten Fragen der Zukunft sein.

In diese ökonomisch verkürzte gesellschaftliche Verfasstheit, die geprägt ist von Enttäuschung und Zorn, stoßen nun die beiden Entwicklungen Klimawandel und Digitalisierung. Während diese Herausforderungen, deren historischen Ausmaße wir nur in Ansätzen erfassen können, auf uns zukommen, verweigert sich ein Großteil der Bevölkerung nötigen Veränderungen. Es sind zwei Fragen, die Blom uns mit auf den Weg gibt: »Was passiert, wenn Gesellschaften, die Zukunft vermeiden wollen, die nur wollen, dass die Gegenwart nie aufhört, und deren politische Allianzen auf Statuserhalt ausgerichtet sind, auf die mächtigste Stromschnelle der Geschichte treffen?« Sowie: »Was passiert, wenn viele ihrer Bürger nicht mehr glauben, dass das demokratische Regierungssystem besonders legitim ist, und so weit gehen, Unterstützung für autoritäre Herrschaftsformen zu zeigen?« Die Frage des Buches, was auf dem Spiel steht, beantwortet Blom übrigens am Ende des Buches mit »Alles«.

Vorwärts-VergangenheitNicht weniger besorgt um die aktuellen Zustände in Deutschland, Europa, dem Nahen und Mittleren Osten, Afrika und Nordamerika, aber mit deutlich mehr Optimismus geht Bernd Ulrich an seine Beschreibung der Welt. In Teilen liest sich sein Weckruf wie eine Liebeserklärung an die deutschen Verhältnisse. Während er selber noch in einer deutschen Leitkultur autoritärer Typen aufwuchs, wandelte sich Deutschland binnen weniger Jahrzehnte in eines der am wenigsten autoritären Länder, die es je gab. Und die es gibt. Deutschland leistet sich eine Medienlandschaft, die viele andere sich wünschen würden. Hier herrscht eine volksnahe politische Elite, eingehegt durch ein föderales System, kombiniert mit einem Verhältniswahlrecht. Diese Elite mag wenig brillant sein, sie ist dafür aber ungewöhnlich korruptionsresistent. Durch die politischen Institutionen zieht sich die Lehre der Verfassungsväter und -mütter, dass niemand durchgreifen oder durchregieren kann. Kompromisse wie Maß und Mitte als Maxime deutscher Politik. Und so entwickelte sich eine politische Kultur in Deutschland, bei der jeder, oder fast jeder, mitgenommen werden muss und mitgenommen wird, bevor er an anderer Stelle blockiert. Politischer Extremismus sieht anders aus.

Dieses politische System hat eine Bevölkerung hervorgebracht, die an die Festigkeit ihrer Institutionen glaubt und die bemerkenswert cool ist. Eine Bevölkerung, die stolz darauf ist, nicht stolz zu sein. Auf dieses etwas skurrile Erfolgsrezept, so Ulrich, müsse man erst mal kommen.Das aktuelle Krisengerede findet er daher völlig überzogen. Ein Beispiel? Was für andere Länder der Brexit, Donald Trump, Victor Orban, Jarosław Kaczyński oder Recep Tayyip Erdoğan sind, ist die AfD für Deutschland. Für Ulrich sind die Fragen, warum die AfD so stark werden, wie das politische System der Bundesrepublik dies bloß zulassen konnte, typisch deutsch. Analytisch genauer, so Ulrich, müsste die Frage gestellt sein, wieso die AfD hierzulande so schwach ist. In dem europäischen Land, das die meisten Flüchtlinge aufgenommen hat, in dem etliche Pseudointellektuelle von Staatsversagen schwadronierten, erreichen die Rechtspopulisten der AfD gerade einmal 13 Prozent. Sie sind schwächer als diejenigen in Frankreich, in Österreich oder in den Niederlanden, die sich im Herbst 2015 in solidarischer Abschottung übten. Selbst die vermaledeite geographische Lage Deutschlands, auf die Brendan Simms erst kürzlich profund eingegangen ist, verkraftet das demokratische, das weltoffen und tolerant gewordene Deutschland sehr gut. Mit den Worten des ZEIT-Redakteurs: »Bislang hält Deutschland die Mitte ganz gut, das muss auch so sein, weil es die Mitte Europas ist.« Und weiter: »Für die nicht autoritäre Führung einer mehr als komplizierten EU und erst recht für einen zentralen Platz in der nun mit Macht heraufziehenden globalen Eins-zu-eins-Gesellschaft oder Auge-in-Auge-Gesellschaft ist das Land bestens gerüstet.«

Gibt es denn überhaupt keine Schwächen Deutschlands? Ist Deutschland frei von Sorgen? O nein, Sorgen und Schwächen, die gibt es und sie haben vor allem mit dem Ende der globalen Ordnung der Nachkriegszeit zu tun. Neu vermessen werden muss zum einen das transatlantische Verhältnis. Nicht nur wegen des aktuellen, sehr erratischen US-Präsidenten. Donald Trump, so analysiert Ulrich, ist lediglich die Personifizierung einer tiefen Malaise: Innenpolitisch sind die USA ethnisch zerrissen und mit einer wachsenden Spaltung zwischen Arm und Reich konfrontiert. Dem weißen Mittleren Westen steht der hispanische Süden entgegen, den Arbeitslosen aus dem Rust-Belt der Geld- und Bildungsadel der Ostküste und die Hochverdiener aus dem Silicon Valley. Kulturell steht eine hochkreative wissenschaftliche Elite einer religiös zusehends fundamentalistisch agierende Bevölkerungsgruppe entgegen. Gesellschaftlich muss dieses Land erst einmal zusammengehalten werden. Außenpolitisch müssen die militärischen Abenteuer seit 9/11 abgearbeitet werden, deren strategischen Ziele trotz enormen Ausgaben nicht realisiert wurden. Stattdessen außenpolitische Kollateralschäden allerorten wie ein verwüsteter Irak, ein erstarkter Iran, ein erratisches Saudi-Arabien und mit Syrien und Libyen zwei kollabierte Staaten in direkter Nachbarschaft zu Europa. Ein weiteres Opfer US-amerikanischer Außenpolitik ist die aufgebrauchte Opferbereitschaft der Bevölkerung der Vereinigten Staaten. Ulrich schreibt, dass die US-Außenpolitik in ihre Supernova-Phase eingetreten sei: »maximale Ausdehnung vor dem Kollaps«.

Bernd Ulrich ist kein Anti-Amerikaner, im Gegenteil. Aus seinem Text liest man die Dankbarkeit wie das Staunen über die strategische Weitsicht, Opferbereitschaft und die Entschlossenheit der USA, Europa 1944/45 vor dem nationalsozialistischen Deutschland gerettet und Deutschland 1989/90 die Wiedervereinigung ermöglicht zu haben. Selbst für die Entscheidung der Regierung von George W. Bush, nach 9/11 Afghanistan anzugreifen, hatte Ulrich zumindest Verständnis. An der Ideologie der amerikanischen Realpolitik jedoch lässt er kein gutes Haar. Die US-amerikanische Realpolitik der Nachkriegspolitik sei empirisch gesehen eine Ansammlung von Fehleinschätzungen und Fehlern. Von den Kriegen in Korea und Vietnam über die fatale Interventionspolitik im Nahen Osten seit 2001 wie die ebenso fatale Nicht-Interventionspolitik in Syrien. Hochanzurechnen ist dem Autor, dass er den Reflex verweigert, nun zum Russland-Freund zu werden. Diese außenpolitische Absurdität, der große Teile von AfD, den Linken wie der SPD anhängen, analysiert Ulrich im Kapitel »Russische Verführung, deutscher Komplex« brillant.

Ulrich mag die USA sehr skeptisch sehen, vielleicht ein wenig zu skeptisch. Die USA sind weit davon entfernt sich abzuschaffen und nach wie vor sind sie die indispensable nation auf militärischer, kultureller und technologischer Ebene. Und bei aller berechtigten Kritik, wie die US-Realpolitik die Werte der USA und des Westens diskreditiert hat, teilen sich die Menschen in Nordamerika wie in Europa diejenigen des Westens von der Unantastbarkeit der menschlichen Würde und den universellen Menschenrechten. Die Interessen haben sich auf beiden Seiten des Atlantiks verschoben, sie sind oft nur noch schwer in Deckung zu bringen, ganz anders noch als in den Nachkriegsjahrzehnten. Hart nachzufragen ist zudem, welcher Transatlantiker noch real Macht oder Einfluss in der Regierung Trump hat. Auch das ist Teil der Realität, mit der die politischen Eliten Deutschlands klarkommen müssen.

Neu geregelt werden muss ebenso das Verhältnis zwischen Reichem Norden und Armen Süden. Die Welt ist kleiner, dichter, enger geworden. In der globalisierten Welt, in der Smartphones die Verhältnisse anderer Staaten in Echtzeit wiedergebe, gehe »die Demut der Gedemütigten« zu Ende. Der Herbst 2015 mag von vielen als einzigartig, nie wiederholbar proklamiert werden, Klimawandel, um auf Blom zurückzukommen, mit schwindenden Ressourcen bei wachsender demographischer Entwicklung wird noch die eine oder andere Migrationswelle nach Europa bringen. Kurzsichtige Interventionspolitik des Westens nicht einmal miteingerechnet. Die Staaten in Europa müssen ein massives Interesse haben, dass die Verhältnisse im Süden sich als lebenswert erweisen. Entweder die »obszöne Ungleichheit« zwischen Nord und Süd, so Ulrich, werde geringer oder der »gewalttätige Kern der globalen Ungleichheit« trete zutage.

Hier trifft sich der ZEIT-Redakteur mit dem Wiener Publizisten. Das Ende der Geschichte, wie die naive Rezeption der Thesen von Francis Fukuyama es immer behauptet hat (und auf die Blom dankenswerterweise kritisch eingeht), wird nicht eintreten. Es werden enorme Veränderungen auf uns zukommen. Blom und Ulrich haben sie in ihren Essays angeschnitten. Die Bevölkerung Deutschlands mag für Blom ein wenig zu saturiert, zu bequem, zu gestrig eingestellt sein, sie hat sich aber dank 70 Jahre Demokratisierung erstaunliche Resilienz zugelegt. So zumindest der Befund von Bernd Ulrich. Sich dieses demokratische und zivilisatorische Laboratorium zu erhalten, wird Aufgabe derjenigen sein, die bereits vor fünfzig Jahren zur Demokratisierung der Bundesrepublik Deutschland beigetragen haben. Sie werden wieder lernen müssen zu kämpfen. Vor allem aber muss die Generation kämpfen lernen, die in den letzten beiden Jahrzehnten die Dividende des Friedens, des Wohlstands und einer progressiven politischen Kultur genossen haben. Die Jungen werden sich entscheiden müssen, wie ihr Deutschland, wie ihr Europa in der Welt aussehen wird. Die Neuerfindung der Demokratie, die Demokratisierung der Demokratie, wird ihr großes Projekt werden!

Blom_Was auf dem Spiel stehtPhilipp Blom: Was auf dem Spiel steht

Hanser Verlag 2017

224 Seiten. 20,- Euro

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Ulrich_AbendlandBernd Ulrich: Guten Morgen, Abendland. Der Westen am Beginn einer neuen Epoche

Verlag Kiepenheuer & Witsch 2017

304 Seiten. 20,- Euro

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