Der mächtigste Mythos der Menschheit

Titelbild-Adam-und-Eva

»Beide, Adam und seine Frau, waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander.« Stephen Greenblatt entfaltet in »Die Geschichte von Adam und Eva« ein weites kulturhistorisches Panorama abseits des historischen Mythos, mit dem er den Kern der biblischen Geschichte wie die verschiedenen Interpretationen der Geschichte der ersten Menschen freilegt.

Als meine 9-jährige Tochter und ihre gleichaltrige Freundin mein frisch gekauftes Exemplar des Buches Die Geschichte von Adam und Eva entdeckten, grinsten sie sich vielsagend an. Die nackten Menschen auf dem Buchcover – selbst wenn es nur ein Gemälde ist – belustigten die beiden Kinder. Bis zum heutigen Tag scheint »nackt« nicht natürlich zu sein. Es scheint, dass Kultur stärker wirkt als Natur, dass Scham eine anthropologische Konstante ist. Was mich jedoch am meisten zum Schmunzeln brachte, war die Fragen beiden: »Wer sind denn jetzt Adam und Eva?« – »Die ersten Menschen«, so meine Antwort – »Echt jetze?«, so die Gegenfrage auf gut berlinerisch… Ob die Geschichte von Adam und Eva immer noch der mächtigste Mythos der Menschheit ist, wie der Untertitel suggeriert, scheint nach der Frage der beiden Mädchen dahingestellt zu sein.

Es sind nur wenige Seiten, die von der Erschaffung der Menschen, ihrer ersten Tagen und ihrer Vertreibung aus dem Paradies berichten. »Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.« Wir wissen, wie die Geschichte ausgeht. Dass Adam und Eva sich nicht an dieses Gebot hielten, sondern von den Früchten des Baumes naschten und erkannten, dass sie nackt waren. Daran erkannte Gott, dass Adam und Eva sein Gebot missachtet hatten und verwies sie aus dem Paradies: »Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens. Mit der Vertreibung waren alle Mühsal und Beschwernisse des menschlichen Lebens verbunden. Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und Du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst Du dein Brot essen«, so sprach Gott zum Auszug aus dem Paradies.

Carel van Schaik und Kai Michel verstanden in ihrer Studie Das Tagebuch der Menschheit die Geschichte von Adam und Eva nicht als moralisches Lehrstück, sondern als gesellschaftlichen Versuch, den wohl wichtigsten Schritt in der kulturellen Entwicklung der Menschheit zu verarbeiten: Die Sesshaftwerdung. Als vor etwa 12.000 Jahren die Menschen sesshaft wurden, aus Jägern und Sammlern Viehzüchter und Ackerbauern, wurde aus bedürfnislosen Mobilen immobile Besitzstandswahrer. Die beiden Autoren bezeichnen die Erfindung des Eigentums als die »folgenreichste Konsequenz des Sesshaftwerdens«. Die Frage von Besitz und Eigentum, die Fragen von »meins und deins« ist der eigentliche Sündenfall der Menschheit. Und so steht für die beiden Autoren die Geschichte, in der Adam und Eva Früchte konsumieren, die ihnen nicht gehören, am Anfang der Bibel.

An dieser anthropologischen Perspektive ist Stephen Greenblatt nicht interessiert. Als Literaturwissenschaftler hat er einen anderen Zugriff auf das Thema gewählt. Ihn interessiert die künstlerische Rezeption des Mythos’ über die Jahrtausende. Er entfaltet ein weites kulturhistorisches Panorama, mit dem er den Kern der biblischen Geschichte wie die verschiedenen Interpretationen der unterschiedlichen Aspekte der kurzen Geschichte freilegt. Diese eine oder eineinhalb Seiten wirft etliche Fragen auf: Warum mühen wir uns mit den Realitäten des Kapitalismus, während wir im realexistierenden Paradies leben könnten? Warum war uns Wissen wichtiger als Gehorsam und Bequemlichkeit? Ist die Mühsal des Alltags spannender als die Langeweile des Paradieses?

Niemand eignete sich für einen solchen Zugriff besser als der amerikanische Literaturwissenschaftler. Greenblatt sorgte bereits vor einigen Jahren mit Die Wende, seiner Geschichte über die Renaissance, für Furore, in dem er ihren Beginn auf das Jahr 1417 datiert, als der Humanist Poggio Bracciolini das Buch De rerum natura von Lukrez in einem deutschen Kloster wiederentdeckt. Die Lehre des Atomismus, die sich in Lukrez’ Werk wiederfindet, löst eine Revolution in den Wissenschaften aus, sie führt zu einer neuen Sicht auf die Welt. Über diese wissenschaftliche Revolution berichtet sein Buch Die Wende, für das Greenblatt 2012 den Pulitzer-Preis erhielt.

Auch in seinem Buch über den »mächtigsten Mythos der Menschheit« näherte sich Greenblatt seinem Thema mit der von ihm mitbegründeten Theorie des New Historicism. Der Verfasser versucht das literarische Werk im Spiegel seiner Zeit zu sehen, indem er zeitgenössische Quellen benutzt, diese parallel zum literarischen Text liest und dadurch ein Stück der Geschichte zu rekonstruieren versucht. Für Greenblatt hat New Historicism das Ziel, die kulturanthropologischen Ansprüche von Literatur zu betonen. Damit stellt er sich in den Gegensatz zum New Criticism, eine lange Zeit vorherrschende Theorierichtung in den internationalen Literaturwissenschaften. Die Stärke des New Historicism ist es, literarische Werke als Knotenpunkt in einem kulturellen Gewebe zu begreifen, an dem sich zahlreiche Diskursfäden überschneiden. Literarische Werke verändern sich im Laufe der Geschichte, auch sie sind einer Geschichtlichkeit unterworfen. Dies bedeutet, dass Texte immer in ein kulturelles historisches Umfeld eingebettet sind, dem sie ihre Existenz verdanken und in das sie eingreifen. Nur in ihrem jeweiligen historischen und kulturellen Umfeld heraus sind die Texte, literarischen Werke oder auch Mythen zu verstehen. Für den Mythos von Adam und Eva gilt dies ebenso.

Im Buch Genesis, in dem die Geschichte von Adam und Eva erzählt wird, befinden sich einige der bekanntesten und meist erzählten Geschichten des Alten Testaments. Das Buch erzählt von der Erschaffung der Welt, von Adam und Eva, Kain und Abel, von Noah, der Sintflut und der Arche, dem Turmbau zu Babel, von Abraham und Sara, Jakob und Esau und schließlich von Josef und seinen Brüdern. Es geht um nicht mehr als um die Schöpfung des Kosmos und der Menschen, um das Verhältnis zwischen Jahwe und seinen Geschöpfen und um das Verhältnis zwischen den Menschen.

Greenblatt stellt sich vor allem die Frage, warum es den jüdischen Autoren so entscheidend schien, ihr heiliges Buch mit dem Anfang aller Zeiten beginnen zu lassen. Er verweist auf das Unheil, das über die Juden in der Zeit, in der diese Geschichten verschriftlicht wurden, hereingebrochen war: Das babylonische Exil. Die babylonische Gefangenschaft dauerte zwischen 597 v.Chr., als Jerusalem und das Königreich Juda durch den babylonischen König Nebukadnezar II. erobert wurde, und 539 v.Chr., als der Perserkönigs Kyros II. Babylon an sich riss.

In diesen fast siebzig Jahren entwickelte sich auf einzigartige Weise das jüdische Selbstverständnis, ein Selbstverständnis, das sich fundamental von den Völkern und ethnischen Gruppen der Region unterschied. Diese Differenz zeigt sich im Glauben der Juden. Bei anderen Völkern war es üblich, den Glauben an einen Gott an dessen Erfolg und Fähigkeit, das Volk zu beschützen, zu konditionieren. Wenn ein Land besiegt wurde, so zeigte sich eben, dass der Gott der Sieger stärker als der Gott der Verlierer war. Der babylonische Gegenspieler zu Jahwe, Marduk, ist hierfür ein gutes Beispiel. Marduk war der Stadtgott von Babylon und später Hauptgott des babylonischen Pantheons. Babylon und Marduk waren von Anfang an eng miteinander verknüpft. Als jedoch Babylon von den Persern erobert wird, verliert der Mythos um Marduk seine Erklärungskraft, Marduk musste mit der Niederlage abdanken.

Ganz anders verhalten sich die Juden gegenüber ihrem Gott: Die babylonische Gefangenschaft führt wider Erwarten nicht dazu, dass der Glaube an Jahwe aufgegeben wird, Marduk als der siegreiche Gott wird eben nicht von den Juden verehrt. Diese Treue zwischen jüdischem Volk und Jahwe ist ganz besonders und weil sie so besonders ist, sind die Geschichten, die von diesem Verhältnis erzählen, so einzigartig. Sie sind Teil einer Gegenstrategie, um das babylonische Exil auszuhalten und es mit Sinn zu füllen. Greenblatt vermutet, dass das Trauma des Exils, verbunden mit der Angst, das kulturelle Gedächtnis zu verlieren, zum Entschluss geführt habe, die Erzählungen und Gesetze zu sammeln, mit denen die Hebräer definierten, wer sie waren – und wer sie beschützte. Ein Gott, dem absolute Macht zur Verfügung stand, der nicht nur Herr über das Universum, sondern auch dessen Schöpfer war; ein Gott, der nicht nur der Erste unter den Göttern, sondern der einzig wahre Gott; nicht nur der Schöpfer der Juden, sondern Schöpfer der gesamten Menschheit. »Darum konnte die hebräische Bibel, die nach der Rückkehr aus dem Exil so großartig zusammengenäht wurde, unmöglich mit Abraham beginnen, mit dem Ursprung der Hebräer. Sie musste ganz vorne anfangen, mit Adam und Eva.«

Dies ist der Ausgangspunkt der Interpretationen von Stephen Greenblatt. Für ihn definierten sich die Juden in Abgrenzung und in Ablehnung des Schöpfungsmythos, der in Babylonien prägend war und den sie dort kennengelernt hatten: Das Gilgamesch-Epos. Dieses Epos ist, so der Autor, höchstwahrscheinlich die älteste je gefundene Erzählung, sie ist über tausend Jahre älter als Homers Epen oder die Bibel. Das Epos schildert die Heldentaten und Abenteuer von Gilgamesch, Königs von Uruk, und seine Freundschaft zu Enkidu. Nach dessen Tod macht sich Gilgamesch auf die Suche nach der Unsterblichkeit, muss aber am Ende einsehen, dass Unsterblichkeit nur den Göttern gegeben ist. Leben und Sterben ist aber Teil der menschlichen Natur. An diesem Schöpfungsmythos der alten Babylonier arbeiteten sich die Verfasser des Buches Genesis ab. Kaum verwunderlich, dass es neben polemischer Abgrenzung auch einige Anklänge an den Schöpfungsbericht der Genesis gibt.

Details – die Nacktheit, die Schlange, die Frucht – werden aufgegriffen und erhalten dann oft die verkehrte Aufgabe oder Bedeutung zugeordnet wie im Gilgamensch-Epos. So wird Enkidu, der als nackt, behaart und wild beschrieben wird, der mit den Gazellen der Steppe lebte, Gras mit ihnen aß und von deren Wasserstellen trank, Kleidung angelegt, aber nicht, als ihm wegen seiner Nacktheit Schamgefühle entstehen, wie es die Genesis erzählt, sondern als Zeichen, dass er auf dem Weg aus der Natur hin zur Kultur ist.

Ein weiteres Beispiel ist die Rolle der Schlange. Im Gilgamesch-Epos raubt die Schlange dem Protagonisten die Hoffnung in Form einer Pflanze, die es ihm ermöglicht hätte, dem Tod zu entrinnen. In der Genesis verführt die Schlange Adam und Eva, die dadurch ihren Anspruch auf ein ewiges Leben im Paradies verlieren. Anhand dieser Beispiele ist Greenblatt der Ansicht, dass die hebräischen Erzähler darauf aus waren, die Glaubensinhalte Babylons zu erschüttern. Darin waren sie, so der Autor, auf grandiose Weise erfolgreich. In der Genesis wird die uralte Ursprungsgeschichte Babylons auf den Kopf gestellt: »Was im Gilgamesch-Epos ein Triumph war, wird in der Genesiserzählung zur Tragödie.«

Allein dieses dritte Kapitel, überschrieben mit »Tontafeln«, ist die gesamte Lektüre von Die Geschichte von Adam und Eva wert. Wieder einmal ist Greenblatt ein großer Wurf gelungen. Er beschreibt aber nicht nur die Entstehung des „mächtigsten Mythos der Menschheit“, sondern auch dessen Rezeption über die Jahrhunderte hinweg. Auf zwei Denker geht er dabei besonders ein: Augustinus und John Milton, auf deren Schriften Confessiones und Paradise Lost. Wieder zeigt der Verfasser, dass ein literarisches Werk ohne die das eingehende Verständnis und Wissens um den Autor nicht verstanden werden kann. So wurden Augustinus durch einen spätantiken Konflikt zwischen seinem heidnischen Vater und seiner christlichen Mutter geprägt, dass Augustinus in stand. So berichtete eines Tages der stolze Vater von einer Erektion seines 16-jährigen Sohnes in den Thermen von Thagaste, die Mutter jedoch erschrak die in frommer Angst und fürchtete um ihren Sohn. Aus diesem Familienkonflikt rekonstruiert Greenblatt die maßgeblichen theologischen Überzeugungen des Kirchenvaters, unter anderem die, dass selbst Kinder nicht frei von Sünde seien, dass der Menschen von Geburt an moralisch verderbt sei. Ein Zeichen sei eben der unkontrollierbare Trieb des Menschen ins Spiel, so wie es Augustinus selbst widerfahren war. Dies sei ein Erbe von Adam und Eva, die sich der Zeugung von Nachkommenschaft der Leidenschaft hingeben müsse. In ihnen sei die Ursünde des Menschen gelegt. Durch sie und wegen ihnen sei und bleibe der Mensch Sünder.

Auch Paradise Lost deutet Greenblatt vor allem biografisch. John Milton, der als ein auffallend zurückhaltender und keuscher Jüngling geschildert wird, stürzte sich Hals über Kopf in eine Ehe, die bereits zunächst in entsetzlichen Flitterwochen scheiterte. Er mochte sich von dieser ungeliebten Frau so rasch wie möglich scheiden lassen, daher warb um das Recht auf Ehescheidung. Eines Tages jedoch kehrte die Gattin zurück und bat um Verzeihung. Der Ehe entsprangen danach vier Kinder. Miltons Erfahrungen – seine Einsamkeit, das Scheitern der Ehe, seine politischen Niederlagen, seine Erblindung – flossen schließlich in Paradise Lost, das zu den schönsten Dichtungen der Weltliteratur zählt. Milton erzählt neu die Geschichte des Höllensturzes der gefallenen Engel, der Versuchung von Adam und Eva durch Satan, des Sündenfalls und der Vertreibung aus dem Garten Eden, die schließlich in ein berührendes Hohelied ehelicher Liebe mündet.

Greenblatt führt weitere Geschichten, Erzählungen, literarische Stoffe oder malerische Auseinandersetzungen über Adam und Eva heran, die Gemälde von Albrecht Dürer oder Caravaggio, die Erkenntnisse von Charles Darwin und den Spott von Mark Twain. Es ist ein Kaleidoskop über das, was den Menschen ausmacht und das, was in der Geschichte der ersten beiden Menschen angelegt ist: Neugier, den Drang Verbote zu übertreten, das Verhältnis zwischen Gott und Mensch, die Beziehungen zwischen den Menschen, Liebe, Sexualität und Scham. Es ist ein großartiges Buch geworden, ein Buch voller Anregungen, kluger Überlegungen, überraschender Entdeckungen, ein Buch mit den essentiellen Fragen menschlicher Existenz. Fragen, die wir uns seit mehr als zweieinhalb Tausend Jahren stellen. Greenblatt hat uns dies mit seinem Buch über den »mächtigsten Mythos der Menschheit« erneut zum Geschenk gemacht.

Die Geschichte von Adam und Eva von Stephen GreenblattStephen Greenblatt: Die Geschichte von Adam und Eva. Der mächtigste Mythos der Menschheit

Aus dem Englischen von Klaus Binder

Siedler Verlag 2018

448 Seiten. 28,- Euro

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