Phönix aus der Asche

Zwanzig Jahre nach »300« taucht Comicmeister Frank Miller in »Xerxes« noch einmal in die griechische Antike ein und erzählt bildgewaltig von der Geburtsstunde der Demokratie.

In kaum einem Werk der Popkultur ist die Frage nach dem Guten und dem Bösen so zentral wie in dem von Frank Miller, dessen einzigartige Comiczeichner-Karriere eng mit dem Universum der amerikanischen Superhelden verbunden ist. »Ein Superheld sollte immer versuchen, zu den Guten zu gehören, und immer das tun, was er für gut und richtig hält. Spannend wird es dann, wenn sich der Superheld irrt.«

Da weiß einer, wovon er redet, denn Frank Miller haben wir das Muster des erratischen Helden im Superheldenkosmos zu verdanken. Gerade einmal 22 Jahre alt machte er bei Marvel aus der erlahmten »Daredevil«-Serie etwas vollkommen Neues, auch weil die Gegenspieler des sich rächenden Helden selbst zu Ikonen werden ließ. Dank gewagter Perspektiven, rasanter Schnitte und aufregender Layouts wurde aus dem Ladenhüter binnen zweier Jahre der bestverkaufte Titel des Verlags. Dass kurz darauf seine von japanischen Mangas inspirierte SciFi-Geschichte »Ronin« floppte, überrascht aus heutiger Sicht nicht, denn Miller war damals einfach seiner Zeit voraus.

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Vom Ladenhüter zum bestverkauften Marvel-Titel – Frank Millers »Daredevil« hat Maßstäbe gesetzt

Umso besser passte es, als ihm DC Mitte der Achtziger den in die Jahre gekommenen Batman-Stoff anvertraute. In seinem bis heute bahnbrechenden Album »Die Rückkehr des dunklen Ritters« machte er aus dem ewig fehlerlosen und zunehmend langweiligen Jüngling – dem er in »Batman. Das erste Jahr« nachträglich psychologische Tiefe verlieh – einen in die Jahre gekommenen, kantigen Helden, der sich in der Gegenwart seiner Leser behaupten musste. »Wir schrieben damals das New York der achtziger Jahre, die Stadt erlebte ihre schlimmste Zeit. Ich war immer der Meinung, dass ein Superheld seine Daseinsberechtigung aus dem Umstand zieht, dass er von der Welt gebraucht wird«, erinnert er sich Jahre später.

Es ist fraglich, ob der 80. Geburtstag, den der Fledermausmann in diesem Jahr feiert, ohne Millers Neuinterpretation überhaupt noch wahrgenommen würde. Vor vier Jahren hat er sich nach jahrzehntelanger Abstinenz erneut in dessen Universum begeben. In dem Bestseller  »Batman. Die Übermenschen« müssen neben dem dunklen Ritter gleich ein Dutzend Superhelden die Welt vor einer Invasion von gottgleichen Übermenschen bewahren. Haben uns solche fantastischen Geschichten noch etwas zu sagen? Miller findet schon. »In einer beängstigenden Welt ist Batman ein guter Typ. Batman macht die Arbeit, die sonst keiner tut. Er bringt Ordnung ins Chaos.«

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Frank Milers »Batman« ist ein kantiger Held, der sich in der Gegenwart seiner Leser behaupten muss.

Millers düsterer und erwachsener Batman ist stilprägend, vor allem für die erfolgreichen Kinofilme – von Tim Burtons oscarprämierter Verfilmung über Christopher Nolans Dark-Knight-Trilogie bis Zack Snyders »Batman vs Superman«. Batman ist in diesen Filmen ein von der Zeit gezeichneter Charakter mit Abgründen, eben der dunkle Ritter, den Miller geschaffen hatte. Und wer weiß, um wie viel finsterer Batman im kollektiven Gedächtnis wäre, hätte sich Darren Aronofsky (»Mother«, »Black Swan«, »The Wrestler«) mit seiner Idee einer Batman-Verfilmung durchsetzen können. Am Ende scheiterte das Projekt an Warner Bros. selbst, denen die Idee eines untrennbar mit der Unterwelt verbundenen Antihelden zu weit ging.

»Wenn meine Generation jemals zum Zug kommen will, dann müssen wir damit aufhören, die Vergangenheit zu plündern.« Diesem Ansatz folgend verabschiedete sich Miller 1990 bei DC und schloss sich dem jungen Verlag Dark Horse Comics an. Dort legte er zunächst mit Geoff Darrow und Dave Stewart die zum Kultcomic avancierte apokalyptische Odyssee des verrückten Steuerfahnders Nixon auf (»Hard Boiled«), um sich anschließend fast zehn Jahre lang in den Kosmos seiner »Sin City« zu werfen. In seiner legendären Schwarz-Weiß-Saga, die sich wie ein gezeichneter Film Noir liest, macht er aus der Stadt der Engel eine Stadt der Sünden.

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Steuerfahnder Nixon in Frank Milelrs Steam-Comic »Hard Boiled«

 

Zack Snyder steckt übrigens auch hinter der gleichermaßen packenden wie auch etwas künstlich daherkommenden Verfilmung von Millers »300«, seinem Comic von der legendären Schlacht der mutigen Spartaner mit König Leonidas an der Spitze gegen das gigantische Heer des persischen Gottkönigs Xerxes.

Vor zwanzig Jahren schuf der in New York lebende Zeichner seine wilde Version der Schlacht bei den Thermopylen. Sein Comic war von Anfang an umstritten, vor allem das eindimensionale Bild der Perser (auch in Zack Snyders Verfilmung reproduziert) wurde kritisiert. Als 2011 sein Comic »Holy Terror« erschien – ein antiislamisches Machwerk voller Klischees – fühlten sich seine Kritiker bestätigt. Inzwischen räumt er ein, dass er das so nicht mehr zeichnen würde.

Seit dem Erscheinen von »300« wirkten seine Comics oft müde und uninspiriert. Er war mehr am Film interessiert, verfilmte 2005 mit Robert Rodriguez ziemlich erfolgreich »Sin City«, um drei Jahre später mit einer Adaption von Eisners »The Spirit« ziemlich zu floppen. Seither war er mehr oder weniger erfolgreich in über ein Dutzend Filmprojekte involviert. Mit der Artus-Geschichte »Cursed« ist eine weitere bei Netflix angekündigt.

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Bildgewaltig kommt Millers »Xerxes«-Erzählung daher.

Miller hat der antike Stoff nie losgelassen. Dass er nun die Geschichte vom Aufstieg und Fall des persischen Imperiums erzählt, angefangen bei Xerxes’ Vater Darius und die wilden Eroberungsfeldzüge seines Herrschaftshauses bis hin zu dessen Zerschlagung durch Alexander den Großen, ist nur konsequent. Zumal in diese Epoche die Geburtsstunde der Demokratie fällt. »Die Spartaner waren seltsame Katalysatoren der Demokratie. Dabei waren das absolute Faschisten. Sie hatten das beste Land im antiken Griechenland, ließen es von Sklaven beackern. Die mündigen Spartaner wurden alle zum Militärdienst herangezogen, um dieses Land zu verteidigen. Die Athener waren es, die die Demokratie erfunden haben, aber die Spartaner machten alles möglich.«

Der Weg von den Superhelden zu den griechischen Göttern war für Miller ein natürlicher. »Die Erschaffung von Superhelden kommt in meinen Augen der Bildung von Göttern gleich«, so sein Ansatz, um das Heldenhafte, aber auch die dunklen Seiten des Heldentums wie Einsamkeit, Kälte und Folter zu erforschen. Letztendlich aber geht es ihm um Erlösung, die in all seinen Arbeiten steckt. Ob Matt Murdoch alias »Daredevil«, Bruce Wayne im Gewand des Dunklen Ritters, Marv in »Sin City«, ob die Athener in »Xerxes« oder der Söldner Arthur in seinem neuesten Projekt »Cursed« – sie alle wollen das Böse von der Erdoberfläche tilgen. Weil sie dabei immer wieder taumeln und straucheln, von Selbstzweifeln geschüttelt werden und zu moralisch fragwürdigen Mitteln greifen müssen, identifiziert man sich mit ihnen so leicht(fertig).

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Historiker sollten allerdings nicht so genau hinschauen. Miller geht großzügig mit dem antiken Stoff um.

Mit »Xerxes« ist er nun wieder ganz beim Comic angekommen. Die historischen Grundlagen großzügig auslegend erzählt er bildgewaltig vom Kampf der Athener gegen die Perser: »König Dareios bietet uns großzügige Bedingungen, wenn wir uns der Herrschaft der Perser ergeben. Dennoch kämpfen wir, töten und sterben, nur für eine Idee.« Es ist die Idee der Demokratie. Dass er eine solche Geschichte während der Amtszeit eines Donald Trump publiziert, ist vielleicht ein Fingerzeig. Wie auch immer, mit dieser Erzählung von den Ursprüngen der Demokratie meldet sich Frank Miller eindrucksvoll zurück. Noch in diesem Jahr soll sein Album »Superman. Year One« erscheinen, vom neuen Dark-Knight-Album »The Golden Shield« gibt es bereits erste Visuals. Zudem gibt es Gerüchte, er würde »Sin City« fortsetzen. Einem Frank Miller in dieser Form ist das durchaus zuzutrauen.

xerxes_rgb-8d69b157Frank Miller: Xerxes

Cross Cult 2019

112 Seiten. 30 Euro

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