Der Mensch ist des Menschen Werwolf

Titelmelange

Verdrängt wird die Natur von den Strukturen der modernen Landwirtschaft, wie sie Henrik Spohler in seinen Fotografien zeigt (Der Dritte Tag), oder aber von den zahlreichen Vertretern der Großindustrie, den Stahlfabriken, Kühltürmen, Lagerhallen, Giftgasfabriken und Atommeilern aus der Serie Stained Ground des koreanischen Fotografen Taewon Jang. Jang hat seine Objekte nahezu romantisch inszeniert, hat sie in der Ruhe der hereinbrechenden Nacht oder im Morgengrauen abgelichtet.

Die aufgeräumten Bilder erinnern an den sachlichen Stil von Bernd und Hilla Becher, die seit den 1970ern in über 20 Bänden eine epochale Soziologie des Industriebaus in Fotografien angefertigt haben (anlässlich des 80. Geburtstages von Hilla Becher am 2. September hat der Schirmer/Mosel Verlag, der das enzyklopädische Gesamtwerk verlegt hat, einen sehenswerten Überblicksband unter dem Titel Basic Forms | Grundformen veröffentlicht). Aus ihrer Schule ging der wohl erfolgreichste Dokumentar des Weltenwandels Andreas Gursky hervor, der mit seinen großformatigen Bildern der Rationalisierung der Welt ein Gesicht gegeben hat. Taewon Jang stellt sich in die Tradition dieser Dokumentaristen der Gegenwart.

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Taewon Jang

Ein Verfremdungseffekt entsteht durch das warme Übergangslicht zwischen Tag und Nacht, der den kalten Formen der Industriearchitektur warme, manchmal geradezu schimmernde Linien verleiht. Wenn Lyle Rexer in seinem Begleittext zum Band schreibt, dass man mit diesen Fotografien die Geschichte der Nachtfotografie neu schreiben müsste, ist das angesichts der Wunderwelten, die Fotografen wie Brassaï im nächtlichen Paris entdeckt haben, zwar etwas hoch gegriffen, aber der Koreaner schlägt mit seiner nächtlichen Industriefotografie ohne Zweifel ein neues Kapitel in der Geschichte der Dunkelfotografie auf.

Seine Arbeiten könnten minimalistischer kaum sein. Er hat die ideale Perspektive gesucht, das Stativ aufgestellt, auf den Fernauslöser gedrückt und dann das Licht seine Arbeit machen lassen. Der Mensch scheint beim Prozess des Fotografierens selbst fast genauso abwesend wie auf den Aufnahmen, aus denen alles Leben gewichen scheint. Wasseroberflächen erhalten bei den langen Belichtungszeiten den schweren Schimmer von Quecksilber, die Landschaften werden in das unnatürlich rot-blaue Licht der Dämmerung getaucht oder lösen sich in Grau- und Schwarztönen außerhalb des Lichtkegels auf. Auf einigen der Fotografien wirkt diese farbliche Entfremdung so überzogen, dass man meint, hier die unkontrollierbare atomare Energie schimmern zu sehen.

Titel-Stained-GroundSuejin Shin, Markus Hartmann (Hrsg.): Taewon Jang: Stained Ground

Mit Texten von Suejin Shin u.a. Englisch

Hatje Cantz Verlag 2014

160 Seiten. 35,- Euro

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