Der Mensch ist des Menschen Werwolf

Titelmelange

Dieses Schimmern fehlt den neuen Fotografien, die der in London lebende Israeli Nadav Kander in den militärischen Sperrgebieten Kasachstans gemacht hat. Man sieht die Gefahr nicht, die am Rande des Aralsees in der Luft schwebt; Kander und sein Team konnten sie aber hören. Mal flüsterte und mal brüllte sie durch den Geigerzähler, den er an seinem Gürtel trug. Denn in den verwüsteten Gebieten um die Ortschaften Kurtschatow und Priosersk an den Rändern des Aralsees, der selbst die Geschichte eines einmaligen ökologischen Dramas verkörpert, wurden zu Sowjetzeiten unter höchster Geheimhaltung Langstreckenraketen mit atomaren Sprengköpfen getestet. In der Nähe der ahnungslosen Bevölkerung von Kurtschatow wurden zwischen 1949 und 1989 fast fünfhundert Atombomben gezündet. In einem menschenverachtenden Langzeitexperiment hat man die Folgen der atomaren Strahlung für die Bevölkerung der Region beobachtet. Noch immer herrscht in der Region die größte Krebsrate der Welt.

Nadav Kander hat wie Peter Bialobrzeski zunächst den ressourcenverschlingenden Aufstiegs Chinas dokumentiert (Yangtze – The Long River), bevor er dann der Verletzlichkeit des Menschen ein neues (an die Renaissance erinnerndes) Bild gegeben hat (Bodies. 6 Women. 1 Men). Nun kehrt er zurück zur Katastrophenfotografie, zeigt den Menschen nicht als potentielles Opfer, sondern als dezidierten Täter. Statt das Fiasko im Livemodus zu dokumentieren, hat er sich diesmal entschieden, dessen Hinterlassenschaft festzuhalten. Auf den Bildern, die Nadav Kander in dem Sperrgebiet um Kurtschatow gemacht hat, sind nicht viel mehr als ein paar Trümmer im weiten Raum der staubigen Turanischen Senke zu sehen. Was die 457 Atombombentests überstand, wurde nach 1989 mit dem Bulldozer plattgemacht, um die Spuren der Atomtests zu beseitigen. Aber noch immer lagert unter den Trümmern der Atommüll. Kander zeigt dieses bedrohliche Nichts, und gerade das verleiht seinen Aufnahmen die besondere Authentizität.

The Polygon Nuclear Test Site I (After The Event), Kazakhstan 2011

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Nadav Kander

Auf dem Militärstützpunkt von Priosersk, auch Moskau 10 genannt, stehen noch viele der Häuser. Winddurchwehte Ruinen sind es heute. In ihrer morbiden Romantik erinnern sie an die Beelitzer Heilstätten bei Berlin. Aber auch hier liegt die Gefahr des Strahlentods in der Luft. Das Ticken des Geigerzählers habe ihn immer wieder daran erinnert, dass die Faszination der malerisch bröckelnden Ruinen eine besonders trügerische ist. Es gibt hier es keine Romantik mehr, sondern nur noch den Tod.

Nadav Kanders Fotografien zeigen, wie der Mensch mit der Welt, die ihn umgibt, letztendlich auch sich selbst zerstört. »Der Mensch ist des Menschen Wolf«, schrieb vor knapp 550 Jahren der britische Philosoph Thomas Hobbes. Sieht man sich an, wie strukturiert er an der eigenen Vernichtung arbeitet, muss man korrigieren und sagen, dass der Mensch des Menschen Werwolf ist. Er macht sich selbst zum Zombie in der zuvor bewusst zerstörten Welt. Wie diese aussehen könnte, davon vermitteln Kanders Fotografien aus Kurtschatow und Priosersk eine Idee. In ihnen bleibt nichts mehr, was in einem Menschenleben noch zu retten wäre. Zukünftig werden immer mehr Generationen unter den Spätfolgen des menschlichen Einflusses auf seine Umwelt zu leiden haben. Zwar wird sich die Natur die betroffenen Regionen wieder einverleiben, doch es wird eine kranke, schon in ihrer Wurzel verheerende Natur sein. Ob der Mensch in dieser noch einen Platz hat? Wer weiß.

Titel-DustNadav Kander: Dust

Mit Texten von Nadav Kander und Will Self sowie einem Gedicht von Ted Hughes. Englisch

Hatje Cantz Verlag 2014

120 Seiten, 65,- Euro

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