»Von normaler Prosa versuche ich mich fernzuhalten«

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Im Buch »Katharina« heißt es: »Die ganze Geschichte der Menschheit in fünf Buchstaben.« Ich weiß nicht, inwiefern das dem Original entspricht, aber im Deutschen gäbe es nun mehrere Antworten, die auch im Roman aufgegriffen würden. Liebe, Macht, Markt, aber auch Tutor – all das wäre möglich. Wollen Sie enthüllen, worauf Sie hier anspielen?

Ich habe das absichtlich so offen gelassen, so dass sich jeder Leser selbst seine Antwort aus den fünf Buchstaben bilden kann. Für manchen Leser mag die ganze Welt aus einem Wort bestehen, das wollte ich damit sagen. Im Grunde könnten auch meine heimlichen Kapitelüberschriften (Keim, Heim, Welt, Spiel, Werk; A.d.A.) dort eingesetzt werden. Ich persönlich denke, dass die ganze Geschichte der Menschheit nur eine Bezeichnung braucht, nämlich das Wort. Aus dem Wort kommt alles.

Ihr Roman ist in Jugoslawien bereits 1978 erschienen. Im gesamten Roman geht es um das Verhältnis zwischen Serben und Kroaten sowie Christen (Slawen) und Muslimen (Türken). Ich habe mich gefragt, ob Sie die enormen Spannungen in Jugoslawien schon zu einer Zeit gespürt haben, als noch niemand genau hingeschaut hat. Oder sind sie selbst erschrocken, wie viel von dem, was Sie geschrieben haben, wahr geworden ist?

Leider ist es kein Zufall, dass diese Verhältnisse in meinem Roman eine große Rolle spielen. Ich habe es nicht geahnt, aber befürchtet. Niemand hat das erwarten können, aber in meinem Umfeld gab es einige Freunde, die die unterschwelligen Differenzen damals ebenfalls schon empfunden und sich große Sorgen gemacht haben. Leider habe ich aus familiären Gründen ein besonderes Gespür dafür, denn meine Vorfahren sind kroatische Serben, meine Familie hat diese Herkunft immer zu spüren bekommen. Vielleicht hatte ich deshalb besondere Antennen für die ethnischen Spannungen in Jugoslawien. Meine Eltern, die am meisten unter den ethnischen Vorurteilen zu leiden hatten, haben gegenüber uns Kindern immer darauf geachtet, nie ganzen Völkern die Verantwortung an Diskriminierung oder Gewalt zuzuschreiben. Sie haben immer gesagt, die Menschen sind so oder so. Sätze wie »Die Kroaten sind schuld.« oder »Das ist wegen der Serben.« hat es bei uns nicht gegeben.

Ihnen wird ja immer noch vorgeworfen, dass Sie nicht nationalistisch für die serbische Sache eintreten, sondern nach wie vor Freundschaften in alle ehemals jugoslawischen Länder pflegt. Haben Sie das Gefühl, dass mit der Zeit eine Versöhnung eintritt oder verschärfen sich die nationalistischen Töne.

Die Situation hat sich ein wenig verbessert. Ich kann inzwischen problemlos in diese Länder fahren und habe dort treue Leser, die sich für meine Bücher interessieren. Ich werde vielleicht nicht überall verehrt oder bewundert, aber doch von einigen sehr geschätzt. In Serbien selbst geschehen derzeit seltsame Dinge. In der politischen Verantwortung sind die radikalen Rechten (die Serbische Fortschrittspartei von Staatspräsident Tomislav Nikolić und Ministerpräsident Aleksandar Vučić gehört zum rechtskonservativ-nationalistischen Spektrum Serbiens und unterstützt die rechtspopulistischen Kräfte in der EU; A.d.A.), die für die Europäische Integration aber mehr tun als die linken und sozialdemokratischen Kräfte der Vorgängerregierung. Das heißt keineswegs, dass die regierenden Rechtspopulisten doch nicht so schlimm sind, sondern vielmehr, dass Politik ein Alptraum ist.

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Sie selbst sind ja auch ein in Kroatien geborener serbischer Schriftsteller.

Das macht es für beide Seiten nicht einfacher, weder für die Serben, noch für die Kroaten. Vereinnahmungen brauche ich aber nicht zu fürchten. Es ist vielmehr anders herum. In Kroatien etwa gab es große Diskussionen, ob sie mich ins nationale Literaturlexikon aufnehmen sollen, obwohl ich einer der wenigen, in Kroatien geborenen Schriftsteller bin. Aber man wollte lieber darauf verzichten. Und politisch wird es wohl nicht besser werden, denn die aktuelle sozialdemokratische Regierung macht wenig richtig, so dass zu befürchten ist, dass auch hier demnächst die Rechtspopulisten und Nationalisten das Ruder übernehmen.

Zugleich radikalisieren sich in der gesamten Region ja nicht nur die politischen Positionen, sondern auch die religiösen Haltungen. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Die zunehmende Hinwendung zum Religiösen sind aus meiner Sicht kein gutes Zeichen für den geistigen Zustand einer Gesellschaft, denn religiöse Dogmen führen oft dazu, die Verhältnisse zu verhärten. Weil sie Vorschriften formulieren, wie Menschen zu leben haben. Deshalb beobachte ich diese Entwicklung sehr skeptisch. Ich bin zwar selbst Atheist, deshalb überrascht das vielleicht nicht, aber meine Vorfahren waren über viele Generationen hinweg orthodoxe Priester.

»Der Roman im klassischen Sinne ist tot«, heißt es bei Ihnen. Entweder man habe es mit einer Chronik oder einem Tagebuch zu tun. Nehmen wir mal an, die Aussage wäre ernst und nicht ironisch gemeint, was wäre dann »Die Tutoren«?

»Die Tutoren« sind zweifellos ein Anti-Roman. Als solcher ist der Roman aber geradezu klassisch, ordnet sich ein in die Reihe zahlreicher Vorgänger wie »Ulysses« oder »Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull«, die alle auf das Mittel der Ironie und der Persiflage zurückgreifen und genau deshalb große Romane sind. Das war also auch eine taktische Entscheidung, ob ich wunderschön und glatt schreibe, wie das viele zeitgenössische Autoren heute machen, oder eine haarige, widerspenstige Methode wähle. Für mich war immer klar, dass mir das Letztere mehr liegt. Selbst Dantes »Göttliche Komödie« ist in meinen Augen eine Persiflage, die aber so klug in eine klare Handlung eingebettet ist, dass das kaum auffällt.

Im Roman heißt es, dass Gottes Sprache das Eine und Volkes Sprache etwas anderes ist. Ist der Roman auch ihr Mittel der Wahl, um mit Ihren Vorvätern aufzuräumen?

Ich denke, jeder Schriftsteller rechnet mit seiner Familie ab, die Auseinandersetzung mit den eigenen Vorfahren ist beim Schreiben eigentlich unvermeidbar.

Hier geht es zu www.die-tutoren.de, einer Sonderseite zum Roman mit Hintergrundinformationen zu Autor, Werk und Übersetzerin.