Das Leben, nur ein Windstoß

Saint-Servan, Umschlagplatz und Fischhafen der Kommunen Saint-Malo, Paramé, Saint-Servan im Jahr 1944 | Conseil Régional de Bässe-Normandie, National Archives USA

Anthony Doerr ist einer der größten Erzähler Amerikas. Für »Alles Licht, das wir nicht sehen« erhielt er im vergangenen Jahr den Pulitzerpreis für Literatur. Der Roman ist zweifellos eines der eindrucksvollsten und berührendsten Bücher, das vom Kampf ums Überleben und der Unmenschlichkeit des Krieges erzählt. Seine Besprechung bildet den Auftakt einer Doppel-Kritik-Reihe, deren Gegenstück von Sabine Blackmore auf dem Blog Litdocs erschienen ist.

Was ist das Leben angesichts von Krieg und Zerstörung? Diese Frage steht im Zentrum von Anthony Doerrs außergewöhnlichem historischen Roman, der in den USA von Lesern und Kritikern in den höchsten Tönen gelobt, in Deutschland bis heute weitgehend unter dem Radar der medialen Aufmerksamkeit hindurchgerutscht ist (auch zur Verwunderung des herausgebenden C.H.Beck-Verlags, dessen Literaturprogramm weiterhin unterschätzt wird). Das mag mit einer Ignoranz der hiesigen Kritik gegenüber nicht-deutschen Literaturpreisen zu tun zu haben, aber auch mit den abnehmenden Ressourcen für kulturelle Auseinandersetzung in den deutschen Medien. Dies zu diskutieren, muss an anderer Stelle erfolgen. Erst der Pulitzerpreis, mit dem Doerrs Roman nach Donna Tarts Goldfink ausgezeichnet wurde, hat die Aufmerksamkeit deutscher Medien auf den Roman gelenkt, auch weil er sich gegen einige Hochkaräter durchgesetzt hat. Neben Doerrs Weltkriegsroman waren Richard Fords hochgelobter Erzählungsband Frank (im Herbst 2015 bei Hanser Berlin erschienen), Joyce Carol Oates Prosasammlung Love, Dark, Deep und Laila Lalamis Roman The Moor’s Account im Finale von Amerikas wichtigstem Publikationspreis.

Doerrs über zehn Jahre hinweg entstandenen Roman (mehr dazu im Video am Ende des Beitrags)  muss man ganz ohne Übertreibung als literarische Sensation bezeichnen. Es gelingt dem US-Amerikaner, in seiner Geschichte über 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, einen völlig neuen Blick auf die Geschehnisse zu werfen. Es liegt an diesem Blick auf die Dinge, der alle Sinne auf die Wirklichkeit des Weltenbrands richtet und den Krieg in all seiner Gewalt und Brutalität vor dem inneren Auge der Lesenden entstehen lässt. Ein Roman, der das Donnergrollen hören, den Feuerqualm in den Augen spüren und das vergossene Blut riechen lässt, ist selten. Mit Das Licht, das wir nicht sehen liegt einer vor.

Doerr rückt zwei Personen ins Zentrum seines Romans. Dies ist zum einen die blinde Marie-Laure, die mit ihrem Vater, einem Angestellten des Pariser Naturkundemuseums, aus dem besetzten Paris in die Bretagne flieht. Zum anderen ist es der technikbegeisterte Waisenjunge Werner, der mit seiner Schwester in einem Heim des Zeche Zollvereins aufwächst und für Hitlers Napola-Einheit entdeckt wird. Doerr erzählt von der Wirklichkeit des Krieges aus der Perspektive der beiden Kinder, indem er nah an ihnen dran bleibt, die Geschehnisse um sie herum beobachtet und beschreibt.

Den beiden Kindern hat der Amerikaner zwei erwachsene Nebenfiguren zur Seite gestellt, die eine tragende Rolle für den fantastischen Stoff dieses Romans erhalten. Marie-Laures Vater Daniel LeBlanc ist der leitende Schlosser des Pariser Muséum national d’Histoire naturelle und ein Filou, wenn es um das Bauen von Verschlusssystemen geht. Außerdem ist er ein begeisterter Verfechter der noch jungen Technologie des Radios. Heimlich schreibt dieser französische Ernst H. Gombrich kleine Hörstücke über die Geschichte der Welt, die er über einen selbstgebastelten Sender in die Welt funkt. Als er mit seiner Tochter vor der heranrückenden Wehrmacht aus Paris flieht, bekommt er vom Direktor des Naturkundemuseums einen wertvollen Diamanten, den er vor dem Zugriff der Deutschen in Paris in Sicherheit bringen soll. Der Stein, der über eintausend Jahre alt sein und von Japan über Indien nach Frankreich gelangt sein soll, wird als »Sternsaphir« und »Meer der Flammen« beschrieben. Man sagt ihm nach, dass sein Besitzer den Tod nicht mehr zu fürchten braucht. Ob Marie-Laures Vater den echten Stein oder nicht eine der drei Kopien im Gepäck hat, die das Museum hat anfertigen lassen, um die Deutschen vom original abzulenken, wird im Laufe der Erzählung immer weniger klar. Es ist aber auch immer weniger wichtig, denn der Mythos des Steins trägt dazu bei, dass der Stein in LeBlancs Gepäck gleichermaßen seine schützende wie gefahrbringende Wirkung entfaltet.

Gefahrbringend deshalb, weil die Deutschen diesen Stein in ihren Besitz bringen wollen. Den Sonderauftrag, ihn zu finden, hat Feldwebel Reinhold von Rummel erhalten, der einige Expertise im Bereich der Mineralogie mitbringt. Vor allem aber bringt er ein persönliches Anliegen mit, von dem niemand weiß. Von Rumpel ist schwer krebskrank, er hofft auf die magische Wirkung des Steins, wenn er in seinem Besitz ist.

Die Erzählstränge dieser vier Personen – Daniel LeBlanc wird von deutschen Soldaten verhaftet und in ein Arbeitslager ins Elsass verlegt – schneidet Doerr in Blitzlichtern gegeneinander, so dass der Leser zwischen den Erlebnissen und Erfahrungen der wichtigsten Protagonisten hin- und hergeworfen wird. Dabei durchbricht Doerr in übergeordneten Kapiteln immer wieder die Chronologie, springt aus dem Jahr 1944 zurück ins Jahr 1934, dann wieder vor in den Sommer 44, um dann wieder zurückzublicken zu den Ereignissen 1940 und so weiter. Stilistisch klingt dieses Vorgehen komplizierter als es sich schlussendlich liest. Diese etwas artifizielle Komposition ist mutmaßlich Konsequenz von Doerr literarischer Heimat, die in der kurzen Erzählung liegt. Sein Band Der Muschelsammler oder die im Frühjahr erscheinenden Novelle Memory Wall (im Original bereits 2010 in einer gleichnamigen Textsammlung erschienen) belegen dies eindrucksvoll. Und auch sein Roman liest sich wie eine Sammlung zusammengestellter Szenen, die von der übergreifenden Abenteuergeschichte der Jagd nach dem goldenen Fließ in Form des mythenumrankten Edelsteins zusammengehalten werden.

Ein Gedanke zu “Das Leben, nur ein Windstoß

  1. Pingback: Linkradar: Guido Graf, Piper und die Märchen der Brüder Grimm – Lesen mit Links

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.