Die Zeit der großen Gebildeten ist vorbei

© Karin Rocholl

Johannas Gegenüber ist Johann Wilhelm Ritter, ein Zeitgenosse von Goethe, Brentano und Schlegel, der noch die universellen wissenschaftlichen Ideale vertritt, wie sie am Übergang von der Aufklärung in die Romantik noch typisch war. Worin bestand die Herausforderung bei dieser einerseits faustischen und andererseits modernen Figur?

Tatsächlich ist Ritter eine solch interessante Kippfigur. Einerseits war er als früher Elektrizitätsforscher ein großer Empiriker, hat nur geglaubt, was er experimentell nachweisen konnte. Das hat dazu geführt, dass er zum Teil äußerst schmerzhafte Versuche am eigenen Leib durchgeführt hat, um seine Hypothesen zu überprüfen. Andererseits war er durch und durch Romantiker, d.h. die Dinge waren für ihn nie, was sie zu sein schienen. So war er bspw. davon überzeugt, dass es sich bei der Elektrizität um die große, eine Naturkraft handeln muss, die alles durchströmt, die den Kosmos zum Schwingen bringt, die Planeten bewegt und Pflanzen, Menschen, Tiere zum Leben erweckt. Außerdem war er Pfarrerssohn, ein ganz wichtiger Punkt. Einer meiner Lieblingssätze von ihm: »Ich versuchte Zeit meines Lebens, ein frommer Physiker zu sein.« In seiner kurzen Zeit an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften hat er einen Vortrag gehalten: »Physik als Kunst«. Dieser Text hat mir sehr geholfen, sein Weltbild zu verstehen. Ebensogut hätte der Titel lauten können: »Physik als Religion«, denn dort vertritt Ritter die These, dass jede Art der echten Naturforschung Gottesdienst sei, indem der Mensch der blinden Natur hilft, sich zu sich selbst »hinaufzuläutern«. Der junge Ritter hätte sich nicht träumen lassen, dass er eines Tages, als uralter Mann, erleben muss, wie die von ihm verehrte, ja für heilig gehaltene Naturkraft der Elektrizität zu einer reinen Nutzangelegenheit verkommt, die der Mensch auf Schritt und Tritt dazu missbraucht, sich seine »viehische Existenz« angenehmer zu gestalten.

Mit Ritter lernen wir einen der letzten Vertreter der Naturphilosophen kennen, wie es sie vor Beginn der wissenschaftlichen Ausdifferenzierung in Natur- und Geisteswissenschaften gab, mit Johanna scheinbar eine prototypische Expertin der modernen Welt und Wissenschaft. Prallen hier zwei Prinzipien aufeinander, das Interesse für das Detail und die Neugier am großen Ganzen – oder sind sie eher zwei Seiten derselben Medaille?

Es ist noch komplizierter. Ritter ist ein Vertreter der Generation, die zur Ausdifferenzierung der modernen Naturwissenschaften immens beigetragen hat. Sein Ziel war es, das Große, Ganze zu durchdringen, zwischendurch glaubte er sogar, die »Urformel« gefunden zu haben. Doch aus heutiger wissenschaftlicher Sicht waren das nichts als naturpoetische Phantastereien. Unbestritten ist hingegen, dass Ritter einer der ersten war, die begriffen haben, dass elektrische Vorgänge stets von chemischen Vorgängen begleitet sind. Er ist er also einer der Väter der Elektrochemie, hat, ohne es zu wollen, selbst eine spezielle Unterdisziplin mitbegründet. Die Zeit um 1800 ist mir so ans Herz gewachsen, weil sie vermutlich die letzte Epoche war, in der es noch so etwas wie einen Universalgelehrten geben konnte. Danach zersplitterte die Wissenschaft in zu viele Einzeldisziplinen, die sich jeweils zu schnell entwickelten, als dass ein einzelner Kopf noch die Chance hätte, den Gesamtüberblick zu bewahren. Ich habe mir sagen lassen, dass es bei CERN, der Kernforschungsorganisation in Genf, noch keine fünf Wissenschaftler gibt, die erklären könnte, wie der gewaltige Teilchenbeschleuniger dort insgesamt funktioniert. Allesamt nur Spezialisten für bestimmte Abschnitte. In den Einzelwissenschaften hat die Menschheit in den letzten 200 Jahren enorme Erkenntnisfortschritte gemacht. An Geist haben wir durch dieses Spezialistentum allerdings ebenso enorme Einbußen gemacht. Die Zeit der großen Gebildeten ist vorbei.

Berliner AufklärungIst Johanna vielleicht sogar ein Alter Ego von Johann und umgedreht? Haben wir es hier mit einem Doppelgängermotiv zu tun?

Das weiß die Autorin nicht, dass müssen Sie mit dem Buch diskutieren. Aber natürlich lockt einen die Namenswahl »Johann-Johanna« bereits auf diese Fährte. Wenn sich meine beiden Protagonisten begegnen, haben sie sich anfangs allerdings weniger als nichts zu sagen: Die kühl rationale Johanna hält den kauzigen, von Höllenvisionen gepeinigten Einsiedler, den sie durch einen Zufall aufgabelt, für komplett wahnsinnig – und die meisten Leser geben ihr vermutlich recht. Doch nach und nach verschiebt sich der Wahnsinn, so dass zumindest ich am Schluss nicht mehr sicher gewesen bin, ob in Wahrheit nicht Ritter der Vernünftige und Johanna die komplett Verrückte ist. Dass es zu dieser Rochade kommen würde, war mir nicht klar, als ich mit dem Roman begonnen habe. Aber das sind ja die schönsten Momente beim Schreiben, wenn die Geschichte, wenn die Figuren ein solches Eigenleben entwickeln, dass sie den Autor selbst überraschen.

Großen Spaß hat Ihnen offenbar auch der Teufel gemacht. Dieser stellt das herkömmliche Bild seines Wirkens in einer Art Himmelsgesang an die Menschheit auf den Kopf. Bei der Lesung im Berliner Ensemble wirkten Sie, als täte Ihnen der arme Kerl fast Leid. Gehen Sie Ihrem Teufel selbst auf den Leim?

Die klassische Gegenüberstellung »Gott = gut« und »Teufel = böse«, wie sie alle naiven Religionsauslegungen anbieten, habe ich nie gekauft. Wenn man sich den Gott des alten Testaments anschaut, lernt man einen Gott kennen, der alles andere als lieb ist: Er schickt Plagen, er begünstigt, er ist jähzornig und ungerecht. Und es fällt mir genauso schwer, den Gott des Neuen Testaments, der seinen Sohn am Kreuz sterben lässt, für gnädig zu halten. Wer aber ist der Teufel, wenn er nicht der böse Gegenspieler Gottes ist? Die Antwort kam mir, als ich über Prometheus nachgedacht habe. Sein griechischer Beiname lautet »Phosphoros«, also »Lichtbringer«. Und jetzt übersetzen Sie »Lichtbringer« mal ins Lateinische: Bei wem landen Sie? Bei »Luzifer«. Mein Teufel ist also, wie Prometheus, ein Dogmatiker der Aufklärung. Er stachelt die Menschen zur Rebellion gegen Gott an, d.h. er hat den klassischen religiösen Haltungen wie Unterwerfung und Demut den Krieg erklärt. Seine Devise: »Mensch, wenn Du nur willst, kannst du aus eigener Kraft alles erreichen!« Irgendwann wachte ich auf und wusste: Ein solcher Dogmatiker kann nur der älteste Sohn Gottes sein, der Erstgeborene, der den jähzornigen, übermächtigen Vater endgültig besiegen will. Und dazu braucht er den Menschen, weil dieser als einziges irdisches Wesen imstande ist, gegen seinen Schöpfer zu rebellieren.

In Ihrem ersten Roman, der Berliner Aufklärung, fällt der Satz „Wer die Philosophie sucht, kommt in ihr um.“ Das schreiben Sie als Dozentin für Philosophie ist, die die Wesensmerkmale der deutschen Seele erkundet und nun mit dem Fauststoff zu dem wohl am stärksten philosophisch grundierten Stoff der deutschen Literatur gegriffen hat. Haben Sie beim Schreiben zuweilen das Gefühl, darin umzukommen?

Meistens empfinde ich das Schreiben eher als Rettung. Aber natürlich gab es bei der Arbeit an diesem Buch Momente, in denen ich mich gefürchtet habe: vor der Wucht des Stoffs, dem Wahnsinn der Figuren, der teuflischen Verstiegenheit – all dem musste ich mich hemmungslos hingeben, um die Geschichte erzählen zu können.