Der »Spieltrieb« in »Unterleuten«

Zeh-2

Groß ist die Aufregung um den neuen Roman von Juli Zeh. Nicht nur, weil ihr »Unterleuten« vor einem großen Umbruch steht, sondern weil eine heitere Debatte um Realität, Fiktion und Metafiktion rund um den Roman entstanden ist. Im Interview spricht die Autorin über ihr »Unterleuten«, den Trend der Landflucht sowie den Zustand der Literaturkritik.

Am Anfang steht eine mysteriöse E-Mail. Gloria Frank heißt die Absenderin, bei der es sich womöglich um eine junge frankreichbegeisterte Frau, vielleicht aber auch um eine Phantasiefigur handelt, die mehr Aufrichtigkeit (engl. frank) im Moment des Ruhmes (Glorie) verlangt. Sie habe meine Besprechung von Juli Zehs Roman gelesen – mutmaßlich geht es um ein Porträt in dem Berliner Stadtmagazin tip Berlin – schrieb sie mir am 4. April, sei sie doch ebenfalls ganz angetan gewesen. Allerdings sei sie inzwischen eher irritiert aufgrund einiger Bezüge auf das Buch Dein Erfolg eines gewissen Manfred Gortz, in dem sich die halbe Dorfbevölkerung von Zehs Brandenburger Idyll befinden soll. »Kann das ein Plagiatsfall sein?“, fragt die engagierte Leserin und gesteht, dass sie eine Aufklärung »total spannend« fände.

Offenbar schrieb sie diese E-Mail nicht nur mir, sondern auch der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und sicher zahlreichen anderen Redaktionen, in denen man sich seither um Erhellung bemüht. Doch so ganz einfach ist das nicht, wie sowohl SZ als auch FAZ feststellen müssen. Während sich die SZ in den unendlichen Weiten des Internets verläuft, in dem Unterleutens Gesellschaft einige Freunde findet, scheitert die FAZ an der Dialektik der Autorin, der es im Interview zur »Causa Unterleuten« gelingt, auf jede Frage eine gleichermaßen viel- wie nichtssagende Antwort zu finden (beide Beiträge sind unbedingt zur Lektüre empfohlen).

Inzwischen ist die zentrale Frage die, ob es Manfred Gortz überhaupt gibt oder Zeh (und ihr Verlag) getreu eines ihrer Vorgängerromane dem Spieltrieb bei der Vermarktung des unterhaltsamen Pageturners freien Lauf lässt. Die neueste Entwicklung ist das Auftauchen eines Mannes, der sich als jener Manfred Gortz ausgibt, der ein Buch mit dem Titel Dein Erfolg im Goldmann-Verlag veröffentlicht hat. Auf seinem Youtube-Kanal hat er sich nun gemeldet und »aus aktuellem Anlass ein Statement vorbereitet«. Die Zweifel werden bleiben. Der Account hat nur zwei Follower. Das Video ist das erste überhaupt – und das bei einem Mann, der zuvor als Berater Erfolgsseminare gegeben haben soll. Seinen Text liest er ab, beim Titel des eigenen Buches gerät er ins Stocken, der Duktus ist der eines Märchenonkels.

Ich persönlich glaube, dass es sich um eine sehr geschickte Vermarktungsstrategie handelt. Vielleicht hat sich ein Julius Finger als Ghostwriter die Weisheiten des Manfred Gortz aus den Fingern gesaugt, als der Roman längst fertig war? Einen Plagiatsfall schließe ich aus, auch weil Zeh nicht erst seit der amüsanten Diskussion der »Causa Unterleuten« immer wieder vieldeutig auf die vermeintliche Vorlage hingewiesen hat. Mir schrieb sie am Ende unseres Austauschs folgenden Satz: »Ach so, ich würde Ihnen noch ganz dringend empfehlen, Dein Erfolg von Manfred Gortz zu lesen. Das ist der wahre Gesellschaftsroman – und auf viel weniger Seiten! ;)«

»Wir können vielleicht nicht immer tun, was wir wollen, aber wir können immer glauben, was wir wollen«, sagt der vermeintliche Manfred Gortz, der nun, sollte er echt sein, wie in einem Roman von Kafka seine wahre Existenz beweisen müsste, wollte er, dass man ihm glaubt.

Mir können Sie glauben, dass das nachstehende Interview am 7. März um 17 Uhr geführt wurde. Die Autorin befand sich zu dem Zeitpunkt auf dem Weg aus der Hauptstadt heraus ins Brandenburgische und stand in einem Stau.