Über das Glück von Differenz, kulturellen Reichtum und komplexe Identitäten

Innenansicht des neuartigen, zur Weltausstellung von 1851 errichteten »Kristallpalasts« | via Wikimedia Commons

Andre Wilkens verbindet dieses Europa der Unterschiede mit seiner eigenen Lebensgeschichte. Europa ist nicht das Ferne, sondern das Alltägliche und das Eigene. Und es ist das Spannende, ein Trip in die Zukunft. So schildert er seine erste Reise Anfang der 90er Jahre nach Brüssel, gemeinsam mit dem Vater im Familien-Lada. Im Kofferraum der Stolz des Vaters und die hoffnungsvolle Neugier des Sohnes. Das ist auf liebenswerte Weise kitschig, aber auch universell – der Vater, der den Sohn bei etlichen Wegen durch das Leben begleitet.

Aus einem Praktikum bei der Europäischen Kommission entsprang vielmehr als ein selbstbestimmtes Leben in europäischer Freiheit. Für ihn als Ostdeutschen war dies weniger selbstverständlich wie für den durchschnittlichen FAZ-Journalisten. Wilkens verliebte sich in Europas heimlicher Hauptstadt in seine heutige Frau, eine Engländerin. In den folgenden Jahren zogen beide von Brüssel nach London, weiter nach Mailand, Genf, Brüssel und schließlich zurück nach Berlin. In der Zeit arbeitete Wilkens für verschiedene EU-Institutionen, für das UN-Flüchtlingshilfswerk und für eine Werbeagentur. All die Orte, all die Jobs hinterlassen Spuren, bereichern und schaffen dieses Gefühl einer europäischen Heimat, das Andre Wilkens verspürt.

Wilkens vermag es in seinem Buch, neben seinem Leben die politische und administrative Dimension Europas nahezubringen. Er lichtet die Wege durch die verschiedenen Institutionen der Europäischen Union und erklärt, warum es diese überhaupt gibt. Brüssel wurde nicht von Bürokraten erschaffen, sondern ist entstanden, weil Menschen in Europa gelernt hatten, dass ein Miteinanderleben schöner, friedlicher und reicher ist als eine Existenz neben- oder gegeneinander. Die Bürokraten haben die Europäer nicht aus dem Paradies nach Brüssel geholt. Jean Monnet, Robert Schuman, Konrad Adenauer, Winston Churchill, Alcide de Gasperi, Sicco Mansholt, Joseph Bech, Johan Willem Beyen, Paul-Henri Spaak und Altiero Spinelli haben die Europäer aus der Hölle des Zweiten Weltkrieges in den Wohlstands- und Friedenskontinent Europa geführt. Die Alternative zu weniger Europa, zu weniger Brüssel, zu weniger Bürokratie ist nicht mehr Wohlstand oder Frieden, sondern das Gegenteil davon.

Beschrieben wird hier auch der kulturelle Reichtum Europas, der sich beim Fußball in der Champions League oder bei der Musik beim Eurovision Song Contest zeigt. Beide Wettbewerbe belegen, dass Europa noch viel größer und reicher ist als die EU der noch 28 Staaten. Europa ist nicht nur Hochkultur, sondern zugleich populäre Kultur, Kultur für alle. Jacques Lang, dem ehemaligen französischen Kulturminister unter Präsident François Mitterand, wird der Satz zugeschrieben: »Wenn ich es noch einmal zu tun hätte,« – nämlich Europa aufzubauen – »würde ich mit der Kultur beginnen.« (Lang wiederum schreibt diese Aussage übrigens Jean Monnet zu.) Andre Wilkens erinnert uns daran, auf welchem reichen und tragfähigen Fundament dieses Europa steht. Er schreibt von Begründungen für Europa, nicht von europäischen Blasen.

Bei all dem Charme für das Bürokratische fehlen aber doch drei Dinge. Erstens: Wir erfahren nichts darüber, wie das Leben von Andre Wilkens aussah, bevor er im Alter von 27 Jahren am 1. März 1991 mit dem Lada nach Brüssel aufbrach. Aus dieser Wissenslücke heraus steigen Fragen empor: Wie prägte die DDR seine politische Sozialisation gegenüber Europa, gegenüber dem westeuropäischen Klassenfeind? Wie passen seine Jahre vor 1989 zu seinen Jahren nach 1991 zusammen? War Andres Liebe zu Brüssel seine Rache an die alten Herren von Wandlitz? Vor allem westsozialisierte Leser wird dieser bedeutende Unterschied der Sozialisation und Prägung sehr interessieren.

Zweitens: Osteuropa bleibt in diesem Buch erstaunlicherweise eine Leerstelle, Europa scheint im Osten des Prenzlauer Berges zu Ende zu sein. Warum sind die Staaten jenseits der Oder, jenseits des Bayerischen Waldes so wenig präsent, was die Kultur und die Politik unseres Kontinents angeht? Liegt es vielleicht genau an diesem mangelnden Interesse, an der Geringschätzung und an der vermeintlichen Bedeutungslosigkeit, dass wir Westeuropäer die Vorgänge in Ungarn, Polen, Rumänien oder Bulgarien so wenig einschätzen können?

Drittens: Wilkens beschäftigt sich auch kaum mit der Türkei, weder mit den jüngsten politischen Entwicklungen, noch aus einer größeren, historisch-kulturell-politischen Perspektive. Sein Kapitel über die Grenzen ist eines der klügsten des Buches, weil man darin seine Suchbewegungen nachvollziehen und ihn beim Denken, Abwägen, Argumentieren und Zweifeln beobachten kann. Dieses aktive Suchen nach Antworten auf aktuelle Fragen hätte sich hier wohl besonders gelohnt, weil das Versprechen an die Türkei auf eine Mitgliedschaft in den europäischen Strukturen zwar seit 1963 gilt, aktuell aber so abwegig scheint wie nie zuvor. Diese Auseinandersetzung hätte die normative Fundierung Europas noch einmal klarer herausarbeiten können. Europe, it’s the history, the culture, the values, stupid!

Der Türkei die EU-Mitgliedschaft versprochen hatte übrigens der deutsche Christdemokrat Walter Hallstein, der 1964 – im ersten Lebensjahr von Andre Wilkens – sagte: »Ziel ist und bleibt die Überwindung der Nationen und die Organisation eines nachnationalen Europas.« Welcher europäische Politiker würde es heute wagen, so visionär zu denken und zu sprechen?

Der diskrete Charme der Bürokratie – Gute Nachrichten aus Europa widerspricht trotz der erwähnten Lücken erfolgreich dem kleinkarierten Europa-Bashing der Pfennigfuchser und Kurzfristdenker, der Formalisten und Geschichtslosen. Es ist nicht unkritisch gegenüber der europäischen politischen Praxis. Der Forderungskatalog für ein besseres Europa, den Andre Wilkens entwirft, ist lang. Und gerne würde ich den einen oder anderen Punkt ergänzen. Wer kritisch über Brüssel und die EU spricht, ist noch lange kein Europaskeptiker. Im Gegenteil, Widerspruch, Widerrede, eine europäische Öffentlichkeit des Dissenses, um bessere Politiken für ganz Europa einzufordern, darum geht es. Politisch leben wir weit unter Niveau, verglichen mit dem kulturellen Reichtum dieses Kontinents. Aber dieser Reichtum ist da. Und er ist ein verdammt stabiles Fundament, um auf diesem Kontinent noch besser miteinander und gemeinsam zu leben und weiter zusammenzuwachsen.

Andre Wilkens-Der diskrete Charme der DemokratieAndre Wilkens: Der diskrete Charme der Bürokratie. Gute Nachrichten aus Europa

S. Fischer Verlag 2017

320 Seiten. 20 Euro

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