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Deutschstunde 2.0

Und er schreibt immer weiter. Buchpreisträger Frank Witzel legt mir »Direkt danach und kurz davor« einen neuen Wälzer vor, der in der bundesrepublikanischen Geschichte wühlt.

»Nicht das Unvorstellbare ist unvorstellbar, sondern das Vorstellbare«, heißt es im neuen Roman von Buchpreisträger Frank Witzel. Was zunächst absurd klingt, ist nichts weniger als die logische Konsequenz aus dem, was gemeinhin Geschichte genannt wird.

Kaum etwas macht dies deutlicher als der deutsche Nationalsozialismus. Deshalb ist er Ausgangs-, Dreh- und Angelpunkt der gleichermaßen absurden wie unheimlichen Handlung, die im Wesentlichen die Geschehnisse im baden-württembergische Sigmaringen in der Zeit direkt nach dem Krieg und kurz vor dem Sommer 1969 beschreibt. Durch diesen ließ Witzel seinen manisch-depressiven Teenager in seinem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten RAF-Roman irren. Sein neues Werk ist eine Art Prolog zu seinem Buchpreisroman, in dem eine Linie von Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess zum Ohnesorg-Mörder Karl-Heinz Kurras und einer »NSU-Terrorzelle« gezogen wird. Es ist eine Fortsetzung der Witzel’schen Auseinandersetzung mit der düsteren Genese der Bundesrepublik.

Frank Witzel: Direkt danach und kurz davor. Matthes & Seitz 2017. 552 Seiten. 25 Euro. Hier bestellen

Direkt verläuft diese Linie aber nicht, sondern in großen, immer wieder unterbrochenen Schleifen, in denen es anfangs um das mysteriöse Zugunglück am Hagelberger Friedhof und den Flugzeugabsturz auf dem Nahrthalerfeld geht. Dann treten die abgründigen Experimente in den Vordergrund, die ein skrupelloses Medizinertrio an geheimnisvoll erkrankten Waisenkindern vollzieht. Ihre Methoden erinnern dabei gleichermaßen an mittelalterliche Exorzismen wie an die T4-Aktionen der Nationalsozialisten. Schließlich werden die Verhältnisse im Haushalt des Landarztes Siebert – in dem nichts ist, wie es scheint – in den Vordergrund gerückt. Zudem geistert ein junges Paar durch diesen gespenstischen Roman, der die Empathie- und Perspektivlosigkeit in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg eindrucksvoll (be-)greifbar macht.

Die zwischen Geschehen und seiner Deutung mäandernde Handlung gerät dabei zunehmend in den Hintergrund, während die religiös motivierten Perspektiven, die der zerstörerischen »Weltmaschine« des Faschismus den Weg bereitet und sich tief ins Bewusstsein der deutschen Nachkriegsgesellschaft eingeschrieben haben, in den Vordergrund drängen. Für die Leser ist das eine Herausforderung, zumal sich das Greifbare der Geschichte von der düsteren Erzählung löst, bis auch die letzte vermeintliche Tatsache dem literarischen Konzept untergeordnet ist.

»Beginnt die Lüge nicht mit der Konstruktion einer Erzählung?«, fragt der Erzähler? Gewiss, will man da antworten. Aber es braucht schon einen so größenwahnsinnigen Streich wie diesen Roman, um die Wirklichkeit als so unvorstellbar zu entlarven, dass wir permanent an ihr vorbeisehen.

Diese Kritik erschien in kürzerer Form im Rolling Stone 10/2017.