Essay, Sachbuch

Blaue Gefühle

Die Dichterin und Essayistin hat sich in die Farbe Blau verliebt. in »Bluets« geht sie der Frage auf den Grund, wie es dazu kommen konnte.

Wenn Frauen in eine tiefe Traurigkeit rutschen, spricht man im Englischen vom »deepest blue«, einem Gefühl des tiefsten Blaus. In diesem scheint sich Maggie Nelson befunden zu haben, als sie sich an diesen Brief in Fragmenten gemacht hat.

Maggie Nelson: Bluets. Aus dem Englischen von Jan Wilm. Hanser Berlin 2018. 112 Seiten. 17,00 Euro. Hier bestellen.

»Angenommen, ich würde beginnen, indem ich sagte, ich hätte mich in eine Farbe verliebt«, eröffnet sie ihr Geständnis an ihre verlorene Liebe, um in 240 Gedanken zu ergründen, was es mit diesem blauen Gefühl auf sich hat. Dabei greift sie auf einen Fundus zurück, den sie über Jahre angelegt hat. Auf »zahllose blaue Steine, blaue Scherben von blauem Glas, blaue Murmeln, zertretene blaue Fotografien, die ich von Gehwegen abschälte, Bruchstücke blauen Schutts«, von denen sie jedes einzelne Exemplar ins Herz geschlossen hat, wie sie schreibt.

Womit das Problem dieses Essays benannt ist. Nelson ist der eigenen Liebe erlegen. All die blauen Scherben und Schnipsel aus Literatur und Philosophie, Kunst und Musik, Neurologie, Psychologie und Naturwissenschaft bleiben als lose Fragmente und Propositionen unsortiert nebeneinanderstehen. Wie Notizen für ein größeres Werk sind sie nur sehr bruchstückhaft miteinander verbunden und wollen bei aller Faszination kein großes Ganzes ergeben.

»Als ich dich traf, begann ein blauer Rausch«, gesteht Nelson ihrer verflossenen Liebe. Ob »Bluets« (französisch für Kornblumen) diesen Rausch feiert oder darunter einen Schlussstrich setzt, lässt sich nicht sagen.