Comic

»Das Ausmaß von Trumps Verderbtheit konnte ich mir nicht vorstellen«

Im Interview spricht James Sturm über das Dasein als Künstler in der Corona–Krise, die Entstehung seines neuen Comics »Ausnahmezustand« und seine Hoffnung auf die US-Wahlen im November.

Wie sind Sie bislang durch die Corona-Krise gekommen?

Ich lebe ich Vermont, einer sehr ländlichen Gegend. Bislang sind wir ganz gut durch die Pandemie gekommen und ich habe einige Comicprojekte, die mich beschäftigen. Früher musste ich nach Ausreden suchen, um zu Hause bleiben und arbeiten zu können. Wenn ich jetzt im Studio bleibe und zeichne, dann rette ich leben.

In Deutschland erscheint in diesen Wochen Ihr Comic »Ausnahmezustand«. Der entstand 2016 während des Präsidentschaftswahlkampfs. Sie haben Auszüge davon dann online bei slate.com veröffentlicht. Wie kam es dazu?

Ich hatte schon eine Weile an dem Buch gearbeitet, in dem es ursprünglich nur um die Beziehung von Mark und Lisa gehen sollte. Als dann der Wahlkampf hitziger wurde, mussten sich auch meine Charaktere damit auseinandersetzen, damit ich die Geschichte in der Wirklichkeit verankern konnte. Mein Redakteur bei Slate ermutigte mich auch, die politischen Ereignisse deutlicher ins Spiel zu bringen. Letztendlich war das auch eine gute Entscheidung, denn so ist Buch viel lebendiger und aufregender geworden.

Wie war es, Marks Geschichte zu verfolgen und seinen Ärger und seine Wut in der Gegenwart gespiegelt zu bekommen?

Ich bin damals selbst Opfer eines Betrügers geworden und trug einigen Ärger mit mir herum. Mir hat es damals geholfen, meinem Ärger über Marks Geschichte ein Ventil zu geben und gut durch diese Zeit zu kommen. Auch wenn »Ausnahmezustand« eine fiktionale Geschichte ist, fühlt sie sich für mich sehr echt an.

James Sturm: Ausnahmezustand. Aus dem Englischen von Sven Scheer. Reprodukt Verlag. 214 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen

Und mit Bezug auf die gesellschaftliche Anspannung vor den Wahlen?

Die Arbeit an dem Buch gab mir die Möglichkeit, alles zu verarbeiten, was in den USA vor sich ging. Klar, ich wollte über diese Betrugsgeschichte hinwegkommen, aber all der Ärger und die Wut, die ich fühlte, waren plötzlich allgegenwärtig. Es lag also auf der Hand, nach der Verbindung zu suchen.

War es schwer, dabei nicht zu sehr ins Politische abzudriften?

Die Gefahr bestand nicht. Es ist mir immer wichtig, bei meinen Figuren und ihrem Alltag zu bleiben. Politik entsteht aus dem Persönlichen heraus. Außerdem bin ich nicht der Typ, der große politische Statements von sich gibt.

Mark hat es mit Leuten zu tun, die SUV fahren und ihn um sein Honorar bringen, zugleich aber Bernie Sanders und seine Agenda der sozialen Gerechtigkeit befürworten. Denken wir zu stark in Stereotypen?

Das tun wir. Leider führt die Art und Weise der politischen Auseinandersetzung dazu, dass wir stark polarisierende Positionen übernehmen und die Welt in sehr dicken Pinselstrichen zeichnen.

In einer Situation, in der sich Mark daran erinnert, wie er Lisa kennengelernt hat, wird ein Teil von Orwells »Farm der Tiere« aufgeführt und einer der Protagonisten sagt: »Die Verwendung von Tieren als Stellvertreter des Menschen ist so alt wie das Geschichtenerzählen.« Sie übernehmen diese, das Buch ist im Funnie-Stil gezeichnet.

Dank der Tiermasken meiner Figuren musste ich mich nicht so sehr auf die Zeichnungen konzentrieren und konnte mit einer größeren Freiheit die Story entwickeln. Das klingt vielleicht seltsam, aber ein Buch bekommt ein Eigenleben, wenn Sie daran arbeiten. Für Mark und Lisa war es nie wichtig, sie mit einem menschlichen Gesicht zu zeichnen. Ihre Maskerade brachten sie im Grunde mit in die Geschichte, ich bin an der Stelle meiner Intuition gefolgt. Ganz allgemein hatte Art Spiegelmans »Maus« einen enormen Einfluss auf meine Arbeit. In seinen Arbeiten habe ich irrsinnig viel über die Sprache der Comics gelernt und über die verschiedenen Möglichkeiten, wie die Mittel und Eigenschaften der Neunten Kunst für eine Geschichte genutzt werden können. Die intellektuelle Strenge seiner Comics hat mich immer angesprochen. In dem Kapitel, in dem Mark zur Party geht, taucht sogar eine Maus auf.

Neben Spiegelmans »Maus« scheinen mir auch Charles M. Schulz‘ »Peanuts«-Comics einen enormen Einfluss auf die Geschichte zu haben. Was bedeuten Ihnen diese beiden Ikonen der Neunten Kunst?

Charles Schulz hat mich sehr beeinflusst. Ich wollte diese melancholische Stimmung heraufbeschwören, die Schulz so gut in seinen Comics erzeugt. Snoopys Hundehütte befindet sich sogar auf dem Cover der amerikanischen Ausgabe des Buches.

Der Comic ist in blau gezeichnet. Wie kam es zu dieser Farbwahl?

Ich wollte eine nebulöse Atmosphäre schaffen, eine Art Weder-Hier-Noch-Dort-Grenzzustand.

Sie sind wie Mark verheiratet und haben zwei Kinder, wissen also sehr gut, was es heißt, als Vater und Ehemann Verantwortung zu tragen. Wieviel von Ihnen persönlich steckt in dem Buch?

Ich versuche immer, so viel wie möglich von mir in meine Comics und in meine Charaktere zu stecken. Das ist mal mehr, mal weniger verschlüsselt, aber ich stecke in allem mit drin. Manche Züge von mir schreibe oder zeichne ich sehr bewusst in meine Geschichten, andere schleichen sich unbewusst ein und werden mir erst Jahre später deutlich. In gewisser Weise mache ich diese Arbeit, um mich offen zu legen, aber natürlich gibt es Dinge, die verborgen bleiben – auch vor mir selbst.

Missverständnisse und die von Wut und Trauer hervorgerufene Unfähigkeit, aufmerksam zuzuhören oder genauer hinzuschauen, scheinen mir einige der wichtigsten Themen in dieser Geschichte zu sein. Wie ist die Verbindung der Geschichte von Mark und Lisa mit der sozialen Situation in den USA?

Im Grunde ist »Ausnahmezustand« eine Geschichte über eine große Kluft, die sich sowohl zwischen diesem Paar auch zwischen den Menschen in diesem Land auftut? Es geht in meinem Buch darum, ob und wie es möglich ist, diese Kluft zu überwinden.

Haben Sie eine Antwort gefunden?

Mark und Lisa versuchen viele verschiedene Dinge: Mediation, Anwälte, Therapie und sie spielen mit Nähe und Distanz. Sie kamen in einer Zeit des Übergangs (und dank eines LSD-Trips) zusammen, stellen nun aber fest, dass das Zusammenbleiben Opfer, Anstrengung und Wachsamkeit erfordert. Das kann man auf die politische Situation übertragen. Um eine Gemeinschaft zu bleiben, müssen wir an verschiedenen Fronten handeln. Es braucht Veränderungen im System, aber auch Menschen, die auf die Straße gehen. Und diese Arbeit an den verschiedenen Fronten braucht Ausdauer. Sie muss so lange gehen, bis dass der Tod uns scheidet.

Wie blicken Sie auf Ihr Land vier Jahre nach dieser Geschichte? Wie hat sich ihr Bild von Trump seit dieser Zeit verändert?

Wie ich das Land sehe? Ich hoffe immer noch, dass wir jetzt den Willen und die Ausdauer aufbringen, einige positive und grundsätzliche Veränderungen herbeizuführen. Trump fand ich bereits vor vier Jahren schrecklich und gefährlich, aber das Ausmaß seiner Verderbtheit konnte ich mir damals noch nicht vorstellen. Jetzt schon.

Wenn man so will, zeigt sich diese Verderbtheit auch in seinem Umgang mit den Protesten gegen Rassismus. Oder sehen Sie das anders?

Im Gegensatz zu Deutschland haben sich die Vereinigten Staaten nie wirklich mit der schrecklichsten Sünde ihrer Geschichte auseinandergesetzt. Das ist längst überfällig. Aber die Proteste werden eine Veränderung bewirken, da bin ich mir sicher. Jetzt nicht an Veränderung zu glauben, ist zynisch.

Aber die Reaktion der Regierung auf die Proteste spricht eine andere Sprache.

Wie unsere Regierung auf die Proteste und die Pandemie reagiert, ist beängstigend. Trumps Reaktion hat anderen das Leben gekostet. Dieser Mann ist einfach nicht in der Lage, sich in andere einzufühlen oder sich auf etwas zu konzentrieren, das ihm nicht direkt zugutekommt. Er kann nur die beleidigte Leberwurst spielen, mehr nicht.

Die nächste Präsidentschaftswahl steht vor der Tür. Juckt es Ihnen schon in den Fingern?

Nein, ehrlich gesagt nicht. Für meine politischen Comics konzentriere ich mich eher auf graphische Guides wie »This is what Democracy looks like«, den ich gemeinsam mit anderen Zeichnern am Center for Cartoon Studies gemacht habe.

Wie spiegeln sich die aktuelle Situation am Center for Cartoon Studies?

Es ist eine schreckliche Situation und unsere Studenten setzen sich intensiv mit aktuellen politischen Fragen auseinander. Ich fühle mit ihnen, wenn sie mit diesem Durcheinander fertig werden müssen. Viele unserer Studenten sind schon lange politisch aktiv und tun, was sie können, um Veränderungen herbeizuführen. Sie dienen mir oft als Beispiel und bringen mich dazu, mich mehr zu engagieren. Ich bewundere meine Schüler und es ist meine Aufgabe, sie so gut wie möglich zu unterstützen.

Mr. Sturm, vielen Dank für das Gespräch.

Zum Interview ist ein Porträt von James Sturm im Rolling Stone Magazin erschienen.