Comic

»We should’ve seen it coming…«

Über zwanzig Jahre lang hat Gregory Galant das Leben der Brüder Matchcard begleitet, ihre Geschichte zieht sich durch seine legendären »Palookaville«-Comics. Nachdem bislang immer nur einzelne Teile der Serie gesammelt veröffentlicht wurden, liegt nun endlich die komplette Geschichte des Familienunternehmens »Clyde Fans« in einem prächtigen Album vor.

Von Simon und Abe Matchcard wusste ich lange nichts, aber seit ich ihnen das erste Mal begegnete, ließ mich ihr Schicksal nicht mehr los. Dabei sind die beiden keine Helden, alles andere als das. Eher tragische Figuren, die an der Moderne zerbrechen. Aber genau das hat sie mir nahegebracht, schließlich verzweifle ich selbst auch zuweilen an der Gegenwart mit all ihrer Geschichtsvergessenheit. Nostalgisch muss man werden, wenn man in die Geschichte der beiden Brüder eintaucht, denn sie erzählt – wie alle Comics des kanadischen Comiczeichners Seth – vom Glanz der alten Tage.

Während der Comic, der genau diesen Titel trägt, eine faszinierende Geschichte des kanadischen Comics erzählt, handelt die Geschichte der Matchcard-Brüder von einer ganz anderen Dynastie. »Clyde Fans« ist der Name des Unternehmens, das Abe Matchcard ein gutes Vierteljahrhundert lang führt, bevor er es schließen muss. Seth hat diese Geschichte in seinen »Palookaville«-Comicheften immer stückweise erzählt.

»All these years right in front of me…«

Diese Form der Fortsetzungsgeschichte – heute durch Netflix und Co. etabliert – hatten Jaime, Gilbert und Mario Hernandez Anfang der Neunziger für die Neunte Kunst erobert. Die episodische Erzählweise war dem Vertrieb geschuldet, kleine Comic-Hefte ließen sich schlicht besser verkaufen als voluminöse Comic-Alben. Mit jedem weiteren Heft wuchsen den Lesern die Protagonisten ans Herz. Und so wie sich eine echte Fankultur rund um das »Love and Rockets«-Universum der Hernandez-Brothers entwickelte, fanden sich mit jedem neuen »Palookaville«-Heft auch immer mehr Leser, die sich für die nostalgische Geschichte der Matchcards interessierten.

Die stetig wachsende Gemeinde der »Sethusiats« ist vor allem auf die emotionale Reise zurückzuführen, die man mit den beiden Brüdern und in seinen Comics ganz allgemein mitmacht. Die Perspektive dieser »Picture Novel«, die in fünf Teilen erzählt wird, wechselt zwischen den beiden grundverschiedenen Brüdern Abraham und Simon. Abraham ist der geschäftstüchtigere von beiden, der in die Fußstapfen seines Vaters Clyde gesprungen ist, nachdem sich dieser aus dem Staub gemacht hat. Um es dem abwesenden Vater und sich selbst zu beweisen, will er das Familienunternehmen aus dem Mittelstand an die Spitze der industriellen Ventilatorenfertigung führen. Dafür verlegt er sogar die Fertigung der Ventilatoren in eine eigene Fabrik. Er kauft das Unternehmen Boraelis Business Machines auf und lässt dort die verschiedenen Modelle produzieren. Doch den Siegeszug der Klimaanlagen kann auch dieses Geschäftsmodell nicht aufhalten. Mit »We should’ve seen it coming« erhält das Ende der »Clyde-Fans«-Dynastie irgendwann in der Geschichte ihren lakonischen Kommentar.

»Dominion. That name has a real power over me.«

Denn der Raubtier-Kapitalismus verschont nicht einmal Dominion, diese kleine fiktive Stadt, in der fast alle von Seth’ Geschichten spielen. Dass diese Traumfabrik nur ein Hirngespinst des Zeichners ist, spielt für die Wirkmächtigkeit der Geschichten, die er von dort erzählt, keinerlei Rolle. Und so ist es nur konsequent, wenn Simon Matchcard im Laufe dieses Epos wehmütig einräumt: »Dominion. That name has a real power over me.«

Überhaupt ist in Simon Matchcard eine Art Alter Ego des Zeichners zu vermuten. Er ist »ein schräger Vogel«, der aus der Zeit gefallen scheint. Er sammelt – wie Seth – leidenschaftlich alte Dinge. Vor allem »Novelty Freak Cards«, auf denen Männer mit gigantischen Früchten zu sehen sind, haben es ihm angetan. Hunderte dieser Postkarten nennt er sein Eigen. »Little men overwhelmed by huge forces beyond their control« beschreibt der in die Tage gekommene Abraham die Karten, nur um dann zu bemerken: »It’s not hard to see the parallel between little Simon and theese little men.«

Simon ist ein zurückgezogener Geist, der an den Herausforderungen gesellschaftlichen Miteinanders regelmäßig scheitert. Als in sein Bruder einmal als Vertreter auf Reisen schickt, um den Ernst des Geschäfts kennenzulernen, scheitert er auf so tragische Weise, dass man als Leser nur Mitleid bekommen kann. Aus der Episode heraus kommt er nur durch eine seiner Fantasien, die ihn in eine Themenpark-ähnliche Traumwelt entführen, in der es keinen Druck mehr gibt, sondern in der die Zeit stillzustehen scheint.

»Little men overwhelmed by huge forces beyond their control«

Das, was im Comic als »a sort of enchanted place« beschrieben wird, trifft im Grundsatz auch auf die Comics des Kanadiers zu, der mit seinen Freunden Chester Brown und Joe Matt (hier ein paar grandiose Bilder der jungen Comiczeichner) die kanadische Comicszene in den Neunzigern wachgeküsst hat. Nachdem Art Spiegelman und Robert Crumb in den USA die Underground-Comix groß gemacht und die Neunte Kunst mit Farb- und Formexplosionen revolutioniert haben, führten die Kanadier (vereint unter dem Dach von Drawn & Quarterly) mit ihren runden Strichen und gedeckten Farben die Neunte Kunst zurück zu ihren Goldenen Zeiten. Und von ebendiesen erzählen Seth’ Geschichten, denen allen eine große Wehmut innewohnt. Man kann das naiv nennen oder aber einfach nur grandios in der Form, wie sie einen in längst vergessene Zeiten entführen.

Die Geschichte der Matchcard-Brüder zieht ihre Faszination nicht nur aus ihrer Proust’schen Erzählweise, mit der sie ausgebreitet wird, sondern auch aus ihrer Konstruktion heraus, die in der jetzt vorliegenden Sammelausgabe erst richtig zur Geltung kommt. Die einzelnen Teile entsprechen den Jahren, in denen sie verortet sind. Die Geschichte der ungleichen Brüder wird in einer wirren Reihenfolge – 1997, 1957, 1966, 1975, 1957 – erzählt, eröffnet wird sie von Abraham viele Jahre nach der Pleite von »Clyde Fans«. Er wird vom schwierigen Verhältnis zu seinem Bruder erzählen, den er immer als Versager gesehen hat, obwohl er sich jahrelang um die Mutter gekümmert und mit ihr zurückgezogen über dem Geschäft in dem Firmengebäude gewohnt hat.

»His face has dimmed, but his presence only grows larger«

Diese Wohnung ist im Laufe der Jahre zu Simons Rückzugsort geworden, das alte Radio, der abgeranzte Sessel und die schrägen Bilder an der Wand erzählen von Simons Liebe für die schönen alten Dinge, die in der Welt außerhalb dieser vier Wände längst ihren Wert verloren haben. Und während Abraham Matchcard als Geschäftsführer ebenso scheitert wie als Ehemann, igelt sich Simon immer mehr in seinen eigenen vier Wänden ein. Er darf die Erzählung mit seiner Perspektive auf die Welt schließen. Er erzählt, was damals passiert ist, als ihn sein Bruder auf Vertreterreise schickte und er in eine Traumwelt floh. Es ist eine Erzählung, die von den Rissen in der Wirklichkeit erzählt, eine Ode an die Welt der profanen Dinge. Als »retreat into a realm of crystalized stasis untroubled, undisturbed, unseen« wirkt diese Passage, in der man der Zeit beim Vorbeiziehen zuschauen kann, wie eine Art Selbstreinigung. Kein Wunder, dass der (bislang nur im Original vorliegende) Comic in der New York Times als »monument to passing time« bezeichnet wurde.

Letztendlich läuft diese nüchtern erzählte und gerade dadurch emotional aufwühlende Geschichte auf die große Frage hinaus, wer von den beiden Brüdern eigentlich in einer Fantasiewelt gelebt hat. Der ältere Bruder Abe, der an die Gerechtigkeit des Marktes geglaubt hat, oder der jüngere Simon, der sich an der Vergangenheit festgehalten hat, weil er die Gegenwart nicht ertragen hat? Am Ende sind sie beide vor der traumatischen Erfahrung des Vaterverlusts geflohen. »His face has dimmed, but his presence only grows larger«, heißt es an einer Stelle und man begreift, dass die Firma immer nur der Ort war, an den der Vater zurückkehren können sollte.

Seth: Clyde Fans. Drawn & Quarterly 2019. 488 Seiten. 59,95 $. Hier bestellen

»Clyde Fans« ist ein wehmütiger Abgesang auf das Industriezeitalter, aber vor allem ist es die Geschichte zweier sehr unterschiedlicher Brüder. Auf der emotionalen Ebene ist dieser Comic von einer solch atemberaubenden Intimität, dass einen Abe und Simon Matchcard in all ihrer Zerrissenheit nicht mehr loslassen. Herzerwärmend erzählt Seth von ihrer Verzweiflung an der Welt. Dabei trägt er seine Leser nicht nur durch Raum und Zeit, sondern entführt sie einmal mehr in eine längst vergessene Welt. Das ist schlicht und ergreifend famos.

Wer sich in Seth Werk vertiefen und mit seinen Perspektiven auseinandersetzen will, der findet in diesem langen Gespräch bei The Comics Journal zahlreiche Ansätze.